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Gesundheitssystem:Pflege in Deutschland - ein Schattenreich

Fügt man das Bild zusammen, das andere Berichte aus diesem Milieu nahelegen, kann einem erst recht angst und bange werden: Berufsbetreuer, die eigentlich vom Staat für Behinderte, Alte und Kranke eingesetzt werden, um deren behördliche Angelegenheiten zu regeln, machen mitunter gemeinsame Sache mit Immobilienhaien, um an deren Grundstücke und Vermögen zu kommen, und stechen dabei gezielt Angehörige aus, wie Sandra Maischberger in ihrer ARD-Sendung vor einem Jahr aufdeckte.

Da gibt es nun also echte Pflegedienste, die bei vielen ein bisschen, und falsche Pflegedienste, die für manche den Höchstsatz abzocken. Berufsbetreuer, die ihren verantwortungsvollen Job zugunsten der eigenen Bereicherung ausnutzen. Behörden, die das alles decken. Und kaum einer tut etwas dagegen. Sind die zuständigen Kontroll- und Ermittlungsstellen so sehr überlastet? Die Wallraff-Reportage enthüllt: In Berlin wissen die zuständigen Ämter von den Machenschaften der betrügerischen Pflegedienste. Allein, der Nachweis ist zu schwierig, um dagegen tätig werden zu können.

Dass so viel dringend benötigtes Geld in betrügerischen Strukturen verschwindet, empört auch Menschen, die ihre Angehörigen zu Hause pflegen - damit sie eben nicht in Altenheimen unter den gegebenen Umständen vergammeln müssen. Denn sie bekommen die Knappheit der Finanzmittel deutlich zu spüren. Oft werden sie nur unzureichend unterstützt. Stattdessen werden sie, sobald die eigenen Geld- und Kraftreserven aufgebraucht sind, von Sozialämtern, Bezirksregierungen, Krankenkassen, medizinischen und sonstigen Hilfs- und Pflegediensten zermürbt.

Überforderung auf allen Ebenen

Weil immer wieder neue Anträge gestellt, immer wieder neue Hilfsmittel abgelehnt werden, weil teure Anwälte benötigt werden, die vorgesehene und bewilligte Hilfen einklagen müssen, damit sich irgendetwas bewegt. Und wenn das Geld und die Nerven alle sind, dann geht eben nur noch das Allernötigste - auf Kosten der Familienstrukturen, auf Kosten der Pflegenden und natürlich auf Kosten der Alten und Kranken. Zwar gibt es immer mehr Hilfsangebote - doch die Koordinierung fehlt. Die zu Pflegenden werden alleingelassen.

Wenn nun Wallraff zeigt, wie fidele Geschäftsunternehmer genau jenes Geld vom Staat, das zum Beispiel in der häuslichen Pflege fehlt, im großen Stil selbst einsacken, macht das wütend. Diese berechtigte Empörung hat durchaus öffentliche Fürsprecher. Der Münchner Pflegekritiker Claus Fussek hat bereits mehrere Bücher darüber geschrieben (zum Beispiel "Im Netz der Pflegemafia - Wie mit menschenunwürdiger Pflege Geschäfte gemacht werden", Bertelsmann, 2008).

Doch die Kritik verhallt, solange dem Gesetz nach und nach außen hin alles zu stimmen scheint, solange zu viele den Mund halten, die ihn eigentlich aufmachen müssten. Die Politik beschränkt sich auf Reförmchen und lässt dabei zu, dass in diesem Bereich Menschen arbeiten, die anderswo kaum unterkämen. Und dass die anderen, die guten Pfleger, unter den Verhältnissen zermürbt werden - oder aufgeben. Ein weiteres Problem ist, dass es keine Alternative zu geben scheint: Warum zum Beispiel wird ein Altenheim, in dem Missstände herrschen, nicht einfach geschlossen? Ganz einfach: Man wüsste gar nicht, wohin mit den ganzen Alten und Kranken. In kaum einem System ist Überforderung so weit verbreitet wie in der Pflege. Und das über alle Instanzen hinweg.

Es gibt wohl nur einen Weg, wie das alles nicht noch schlimmer wird: Die Pflege muss neu durchdacht und besser organisiert werden. Einfacher, logischer, näher am Menschen. Pflege in Deutschland, dieser ganze Verwahr- und Verwaltungswust, ist tragisch gescheitert. Wir müssen uns jetzt etwas anderes überlegen. Denn so wie im Moment funktioniert es - ganz offensichtlich - nicht mehr.