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Gentrifizierung:"Ein Kiez, der keine Buchhandlung hat, ist nicht lebenswert"

Kisch & Co

Sie wehren sich gegen die Vertreibung der Kultur aus ihrem Viertel: Unterstützung für die Buchhandlung Kisch in Kreuzberg.

(Foto: Matthias Reichelt)

Der Kreuzberger Traditionsbuchhandlung Kisch droht die Räumung - das Haus wurde von einem undurchsichtigen Immobilienfonds gekauft.

Von Verena Mayer, Berlin

In seinem Berliner Kiez ist Thorsten Willenbrock das, was man eine Respektsperson nennt. Man sieht es ihm zwar nicht an, so wie er in Jeans, dunkler Outdoor-Jacke und Wollmütze vor einem steht, aber er ist derjenige, der Bescheid weiß. Wer hier lebt und was die Leute umtreibt. Vor allem aber weiß Thorsten Willenbrock, was sie lesen, denn er ist ihr Buchhändler. Willenbrock betreibt die Buchhandlung Kisch & Co., eine Kreuzberger Institution seit 24 Jahren. Hierher kommt man, wenn man sich mit Theorie, Kunstbänden oder angesagten Romanen eindecken oder von Willenbrock einen Tipp bekommen will. Der fragt dann, was die letzten fünf Texte waren, die man mochte, und dann zieht er das passende Buch aus dem Regal.

Doch nun steht das Kisch vor dem Aus. Wenn es nach dem Eigentümer des Hauses in der Oranienstraße, einem Immobilienfonds namens "Victoria Immo Properties V S.a.r.l." mit Sitz in Luxemburg geht, soll Willenbrock demnächst seine Bücher zusammenpacken und den Laden räumen. Der Immobilieninvestor hat das Haus gekauft, den Mietvertrag des Kisch auslaufen lassen und eine Räumungsklage auf den Weg gebracht. Kommende Woche wird darüber vor dem Berliner Landgericht verhandelt.

Willenbrock steht in seiner Buchhandlung. Ein hoher, schlichter Raum mit grauem Teppich, vollgestellt mit Büchertischen und Regalen. Einige Fächer sind leer, Willenbrock bestellt nur mehr bei Verlagen, die die Bücher im Notfall zurücknehmen. Alle paar Minuten klappt die Tür auf, die Buchhandlungen dürfen in Berlin während des Lockdowns geöffnet sein. Die Leute wollen etwas zu lesen oder von Willenbrock wissen, was los ist im Kiez. Manche nehmen auch nur eine Zeitung aus dem großen Zeitschriftenregal neben dem Eingang. Seit immer weniger Kioske Zeitungen verkaufen, weil man mit Bier mehr Geld verdienen kann, springt das Kisch auch hier ein, als eine Art geistiger Nahversorger.

Wer steckt hinter dem Immobilienfonds?

Dass ein Laden irgendwo ausziehen soll, ist in Berlin Alltag. Die Hauptstadt boomt, auf dem Immobilienmarkt tummeln sich Investoren aus aller Welt, jeder will hier einen Fuß in die Tür bekommen. Größere Schlagzeilen machte zuletzt das Geburtshaus Maja, eines der ältesten seiner Art, dem ein neuer Eigentümer den Mietvertrag gekündigt hatte. Die Hebammen gingen daraufhin mit den von ihnen betreuten Schwangeren auf die Straße. Und doch ragt der Fall der Buchhandlung Kisch und Co. heraus. Allein wegen der Geschichte der Kündigung. Bis heute ist nicht klar, wer genau hinter dem Immobilienfonds steckt. Die einen wollen eine der reichsten schwedischen Familien ausgemacht haben, die Erben des schwedischen Tetra-Pak-Gründers Ruben Rausing, was sich aber nicht belegen lässt. Die anderen vermuten, dass das komplizierte Firmenkonstrukt allein der Spekulation dient. Die für die Räumungsklage zuständige Anwältin äußert sich nicht dazu, sie schreibt per Mail, die Victoria Immo sei "ein langfristig orientierter Investor", der "von einem unabhängigen Management geführt wird" und das Gebäude "als langfristige Investition erworben" habe. Tatsache ist jedenfalls, dass der Mietvertrag für das Kisch und Co. im Mai 2020 auslief. Die Victoria Immo verlängerte ihn erst nicht und machte nach Protesten aus dem Kiez dann einen Vorschlag: Der Mietvertrag läuft sieben Monate weiter, unter der Bedingung, dass die Betreiber des Kisch und Co. über den Vertrag schweigen und den neuen Eigentümer unter anderen in einem Beitrag auf Youtube loben. Die Anwältin der Victoria Immo sagt dazu auf SZ-Anfrage lediglich, dass man über den auslaufenden Vertrag hinaus ein Angebot zu einem reduzierten Mietzins gemacht habe. Dieses sei vom Kisch und Co. jedoch abgelehnt worden, und seither nutze die Buchhandlung die Fläche ohne Mietvertrag.

Das Kisch und Co. steht aber nicht nur für die Auswüchse des Berliner Immobilienmarkts, sondern auch für ein größeres Problem. Denn während der überhitzte Berliner Wohnungsmarkt durch Milieuschutz und den Mietendeckel reguliert wurde, sieht es im Gewerbe anders aus. Gewerbemieten können nicht nur frei festgelegt werden, es gibt auch keinen besonderen Kündigungsschutz.

Willenbrock tritt vor seine Buchhandlung und blickt die Oranienstraße hinunter. Als er Ende der Neunziger hier anfing, war noch alles voller Handwerksbetriebe, türkischer Gemüseläden, sozialer Einrichtungen und Künstlerateliers. Heute reiht sich ein Lokal ans andere, die Gastronomie ist die einzige Branche, die sich die Gewerbemieten noch leisten kann. Und das könne doch nicht sein, sagt Willenbrock. "Ein Kiez ist ein Soziotop aus Menschen, die in Wohnungen leben und Gewerbe treiben." Und wenn die alternativen Läden, Sozialeinrichtungen und Künstlerateliers, die Berlin ausmachen, ihre Räume verlieren, dann verliert die Stadt einen Teil ihrer Seele.

Das Kisch sei auch ein sozialer Ort, "ein Kiez, der keine Buchhandlung hat, ist nicht lebenswert", sagt Willenbrock. Er hat eine typische Berliner Geschichte. In den Achtzigerjahren kam er aus Niedersachsen nach Berlin, eigentlich als Student, "landete aber, wie das so ist, im Buchhandel". Dabei merkte er zwei Dinge: dass Bücher und das Lesen sein Leben sind, und dass das Leben nicht nur daraus besteht, Geld zu verdienen. Deswegen sehe er auch nicht ein, warum er und seine Angestellten hier weg sollen, "nur weil jemand mehr Geld verdienen will".

Inzwischen gibt es Vorstöße aus der Politik, Gewerbemieter besser abzusichern. Für die Buchhandlung selbst setzten sich sowohl der Berliner Kultur- als auch der Justizsenator ein. In einem Brief an Victoria Immo baten sie, dafür zu sorgen, dass die berühmte Kreuzberger Mischung mit ihrer "kulturellen und sozialen Vielfalt" nicht zerstört werde. Willenbrock erzählt, es habe auch ein Antwortschreiben gegeben, verfasst von zwei Personen, deren Funktion als "Manager A" und "Manager B" ausgewiesen war. Ein lapidarer Brief sei das gewesen, in dem stand, dass Victoria Immo sich immer an die deutschen Gesetze gehalten habe und daher glaube, dass die Gerichte dieses bestätigen werden. So wie es derzeit aussieht, könnten sie damit recht behalten.

© SZ
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