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Computerspiele:800 000 Tage sinnlos verdaddelte Lebenszeit

Zynga - Farmville 2

Bei Farmville musste man möglichst erfolgreich einen Pixel-Bauernhof managen. Manche Spieler standen nachts dafür auf.

(Foto: Zynga/dpa)

"Farmville", das Bauernhof-Spiel aus alten Facebook-Zeiten, wird Ende des Jahres eingestellt. Ein Abschied.

Von Michael Moorstedt

Computerspiele sind ja erst mal dafür gedacht, ihren Nutzern ein bisschen Eskapismus zu ermöglichen. Der Mensch möge sich eine kleine Auszeit vom Alltag mit all seinen Verpflichtungen nehmen; das Über-Ich hält mal kurz den Rand, während die Spieler sich vorstellen, sie seien Supersoldaten, Rennfahrer oder Jetpiloten, Adrenalin inklusive.

Wie anders wirkt dagegen Farmville, jenes einst immens populäre Facebook-Spiel, dessen offizielles Aus nun für Ende des Jahres angekündigt wurde. Auf den ersten Blick ist bei Farmville, das 2009 veröffentlicht wurde, alles maximal harmlos. Man sieht eine bonbonbunte Welt, bevölkert von kulleräugigen Bauern und Comic-Tieren, in der die Aufgabe des Spielers oder der Spielerin darin besteht, einen möglichst florierenden Bauernhof zu managen. Farmville kann man nicht "durchspielen", so wie man es von den meisten anderen Games gewohnt ist. Es ist ein Spiel für zwischendurch, man klickt sich schnell rein, in diesen nutzlosen Minuten, die ein jeder jeden Tag vor dem Bildschirm verbringt und in denen man in früheren Zeiten Däumchen gedreht oder einmal kurz aufgeseufzt hätte, bevor man sich wieder dem Tagwerk widmete.

Und ständig nervten die Facebook-Freunde

Farmville wurde vor allem auf und durch Facebook populär, und man konnte sich von seinen Facebook-Freunden dabei helfen lassen, die selbst gesteckten Ziele schneller zu erreichen. Deshalb gab es mal eine Zeit, in der ein Großteil der eigenen Timeline aus Einladungen auf anderer Leute Bauernhof bestand. Die Erleichterung war groß, als das Netzwerk endlich die Möglichkeit bot, solche Inhalte pauschal zu blockieren.

Wenn man so will, ist Farmville eine ziemlich schonungslose Metapher auf das Dasein selbst. Einen Sinn gibt es nicht. Ein Ziel sowieso nicht. Es wartet kein End-Boss und auch kein Happy End. Man sät, erntet, verkauft, steigt vielleicht ein Level auf, bekommt dafür ein paar magere In-Game-Devisen, dann geht alles wieder von vorne los.

Das simple Reiz-Reaktion-Muster schien viele Menschen auf einer sehr basalen Ebene anzusprechen. Millionen von Spielern machten mit und bescherten dem Entwicklungsstudio Zynga einen Milliardenumsatz. Von einem Zeitvertreib wandelte sich Farmville zu einem kulturellen Phänomen. Eine ganze Reihe von Nachahmern entstand, zum Beispiel Caféville, Chefville, Castleville, Fishville oder Forestville - und das ist eine bei weitem unvollständige Liste. Es gab analoge Brettspielvarianten und Marken-Partnerschaften mit McDonald's, American Express und Lady Gaga.

Ein kulleräugiger Jungbauer, der auf einem Strohhalm kaut - das ist die Farmville-Realität.

(Foto: Zynga)

Nebenbei hörte oder las man immer wieder von Nutzern, denen das Spielkonzept nicht ganz so gut bekam. Von gestandenen Erwachsenen, die in der echten Welt ihren Wecker mitten in der Nacht stellen, um auf der digitalen Farm ihre Kürbisse zu ernten. Oder von Teenagern, die die Kreditkarte ihrer Eltern bis aufs Letzte belasteten, um noch mehr virtuelles Tierfutter kaufen zu können.

Die neuntschlimmste Erfindung der vergangenen Jahrzehnte

Es sind Auswüchse wie diese, die im Laufe der Zeit dazu führten, dass das Spiel und seine Entwickler reichlich Gegenwind bekamen. Das Time-Magazin kürte Farmville zu einer der "50 schlimmsten Erfindungen" der vergangenen Jahrzehnte. Das Spiel landete auf Platz Neun und teilt sich die Liste mit solch sinistren Errungenschaften wie etwa Asbest oder dem Entlaubungsmittel und Nervengift Agent Orange. Der renommierte Videospiel-Designer Jonathan Blow bezeichnete Farmville einmal als "inhärent böse", es beute seine Spieler aus. Auch mit dem Datenschutz nahm man es nicht immer sehr genau bei Zynga, Spieler mussten vollen Zugriff auf ihre Profilinformationen gewähren.

Auf dem Zenit seines Erfolgs hatte Farmville trotzdem mehr als 80 Millionen Nutzer gleichzeitig. Im Schnitt verbrachten sie, so rechnete Zynga einmal stolz vor, 15 Minuten täglich damit, auf pixeliges Obst und Gemüse zu klicken. Nimmt man mal den Taschenrechner zur Hand, kommt man auf eine gigantische Produktivitätsvernichtung, bei der einem ganz schummrig wird. Knapp 800 000 Tage Lebenszeit verpuffen, einfach so. Was hätten in dieser Zeit alles für Sonette geschrieben, was für Bilder gemalt werden können? Man kann nur hoffen, dass die tapferen Statistiker, die sonst immer den volkswirtschaftlichen Schaden dieser oder jener Katastrophe berechnen, niemals von Farmville erfahren haben und auch nicht noch werden, bis das Spiel endgültig verschwindet.

Der Grund ist banal: Die Software wird eingestellt

Es ist also nicht immer schlimm, wenn Dinge enden. Und so häuften sich in den vergangenen Tagen im Netz die ätzenden Abgesänge auf Farmville. Grund für das Aus war übrigens nicht das kollektive Aufbegehren der Nutzer oder eine Gesetzesnovelle, die endlich für praktischen Datenschutz sorgt. Es ist natürlich viel banaler, es wird einfach nur die für den Betrieb des Spiels nötige Software eingestellt.

Was davon bleibt? Nur eine Menge digitale Gurken, die jetzt, lange nach dem großen Erfolg, in Datenbanken und Rechenzentren vor sich hin vegetieren und am 31. Dezember schließlich im großen binären Nichts verschwinden.

© SZ/nas
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