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Familientrio:Wenn Kinder von Gewalt erzählen

Eine neue Freundin der Tochter behauptet, zu Hause geschlagen zu werden. Soll man das glauben? Die Eltern konfrontieren? Aber wie? Das Familientrio weiß Rat.

Meine Tochter, 10, spielte letztens mit einem etwa gleichaltrigen Mädchen, das sie zwar vom Sehen, aber sonst nicht besonders gut kennt. Dann verlor das Mädchen sein Handy und bat meine Tochter, mit zu ihm nach Hause zu kommen, es werde sonst geschlagen. Meine Tochter wollte nicht, machte sich dann aber den ganzen Abend Sorgen um das Mädchen und hatte ein schlechtes Gewissen. Wie kann ich meiner Tochter in so einer Situation helfen?

Martha M. aus Marbach

Margit Auer:

Das ist knifflig. Einerseits wollen wir unsere Kinder zu Empathie erziehen und ihnen vorleben, dass es uns und der Gesellschaft guttut, sich um andere zu kümmern und bei Problemen nicht wegzusehen. Andererseits ist diese Last zu groß für ein zehnjähriges Mädchen. Mein Mütterinstinkt signalisiert mir zudem, dass ich es besser finde, wenn mein Kind nicht zu einer fremden Familie nach Hause geht, vor allem, wenn es ein ungutes Gefühl dabei hat. Ich finde, Ihre Tochter hat richtig gehandelt. Und trotzdem ist es schön, dass sie sich Sorgen macht. Wie könnte man dem Mädchen mit dem verlorenen Handy helfen? Wir wissen zu wenig über die Familie, um das einschätzen zu können. Hat das Mädchen übertrieben? Gibt es tatsächlich Gewalt? Dann würde ein Kurzbesuch oder ein Anruf auch nichts helfen. Helfen würde es dem Mädchen aber, wenn es sich einer ihm nahestehenden Person anvertraut, die die Situation tatsächlich einschätzen kann. Vielleicht einer Tante oder einer Lehrerin. Genau dazu würde ich das Mädchen ermuntern!

Margit Auer
Schwarz weiß

Margit Auer ist die Autorin der Kinderbuch-Bestseller-Reihe "Die Schule der magischen Tiere", die inzwischen mehr als zwei Millionen Mal gedruckt und in 22 Sprachen übersetzt wurde. Sie hat drei Söhne, die fast alle schon erwachsen sind, und lebt mitten in Bayern.

(Foto: Auer)

Herbert Renz-Polster:

Das geht mir sehr nahe, deshalb eins nach dem anderen: Es ist verständlich, dass Ihre Tochter nicht mit diesem Mädchen nach Hause mitgegangen ist - bei dieser Kulisse aus Angst und Furcht kommt ein zehnjähriges Mädchen an seine Grenzen. Sie hat so gehandelt, wie sie konnte, und wie wunderbar von ihr, dass sie an die Not dieses Mädchens denkt und sich Ihnen gegenüber öffnet! Alles andere ist jetzt in Ihrer Hand, denn hier steht die Misshandlung eines Kindes im Raum, diese ist nach der Reaktion der neuen Freundin Ihrer Tochter plausibel. Es ist nicht die Aufgabe Ihrer Tochter, diese Situation zu "tragen", das können nur Erwachsene. Sie können helfen, indem Sie das tun, was Erwachsene in einem solchen Fall zu tun haben. "Nehmen Sie ein Kind ernst, wenn es von Gewalt zu Hause erzählt!" So steht es in den Ratgebern der Polizei. Konkret heißt das, dass Sie entweder die Polizei oder das zuständige Jugendamt informieren, beides ist auch anonym möglich. Sind Sie sich unsicher oder brauchen Sie Ratschläge in Gewaltfragen, dann kann Ihnen auch die "Nummer gegen Kummer" weiterhelfen: 0800 111 0 550. Natürlich erklären Sie Ihrer Tochter, warum Sie dies tun und dass dem Mädchen sonst vielleicht niemand hilft. Wegschauen ist hier keine Option!

Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor von Erziehungsratgebern und des Blogs "Kinder verstehen". Er hat vier erwachsene Kinder und lebt mit Frau und jüngstem Kind in Ravensburg.

(Foto: Random House)

Collien Ulmen-Fernandes:

In jedem Fall ist es positiv, dass Ihre Tochter nach dem Ereignis gleich das Gespräch mit Ihnen gesucht hat - das heißt, dass sie Ihnen vertraut. Ermutigen Sie sie in jedem Fall darin, nach anderen Menschen Ausschau zu halten, auf ihre Umwelt zu achten, aufmerksam und achtsam zu sein, wenn andere Menschen Leid erfahren. Schlagen Sie doch Ihrer Tochter vor, das andere Mädchen einmal zu sich nach Hause einzuladen. Vielleicht erfährt man dann mehr über seine Situation, vielleicht klärt sich dabei sogar alles auf? In jedem Fall scheint Ihre Tochter ein Verantwortungsgefühl zu besitzen - das ist ein erster kleiner Schritt in eine bessere Welt.

Collien Ulmen-Fernandez

Collien Ulmen-Fernandes ist Schauspielerin und Moderatorin. Die Mutter einer Tochter wohnt in Potsdam und hat den Kinderbuch- Bestseller "Lotti und Otto" und den Elternratgeber "Ich bin dann mal Mama" verfasst.

(Foto: Anatol Kotte)
Haben Sie auch eine Frage?

Schreiben Sie eine E-Mail an: familientrio@sueddeutsche.de

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