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Familien-Studie der Bertelsmann-Stiftung:Jeder zweite Vater zahlt keinen Unterhalt

Bericht: Verwaltungsreform ist unausweichlich

"Knapp 42 Prozent der Alleinerziehenden und ihre Kinder gelten nach der gängigen Definition als arm beziehungsweise armutsgefährdet", besagt die Bertelsmann-Studie.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Von den acht Millionen Familien in Deutschland mit minderjährigen Kindern ist mittlerweile knapp jede fünfte eine sogenannte Ein-Eltern-Familie.
  • Es sind überwiegend die Mütter, bei denen diese knapp 2,3 Millionen Kinder aufwachsen.
  • Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt deutlich, dass mit einer Trennung vom Partner das Armutsrisiko wächst.

Wenn sich die Eltern trennen, kann die seelische Not bei Kindern mitunter groß sein. Umso besser, wenn Vater und Mutter nach dem harten Schnitt fair miteinander umgehen. Umso schlimmer aber, wenn nach der Scheidung die finanzielle Not für die Kleinen hinzukommt: 50 Prozent aller Kinder von Alleinerziehenden bekommen keinen Unterhalt. 25 Prozent erhalten weniger als ihnen zusteht.

Dies geschieht oft ganz einfach deshalb, weil der säumige Elternteil selbst keinen Euro übrig hat, manchmal kann aber auch pure Rache wegen verletzter Gefühle dahinterstecken. Die Folgen sind klar, nämlich eine steigende Armut in Ein-Eltern-Familien: Knapp eine Million Kinder von Alleinerziehenden in Deutschland leben von Hartz IV. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt deutlich, dass mit einer Trennung vom Partner das Armutsrisiko wächst.

Alleinerziehende sind zu fast 90 Prozent Mütter

Von den etwa acht Millionen Familien in Deutschland mit minderjährigen Kindern ist inzwischen knapp jede fünfte eine sogenannte Ein-Eltern-Familie. Ihr Anteil wächst beständig, die Veränderungen bei der Rollenteilung vollziehen sich jedoch nur sehr zaghaft: Es sind überwiegend die Mütter (89 Prozent), bei denen die insgesamt 2,3 Millionen Kinder aufwachsen. 68 Prozent der Alleinerziehenden haben ein Kind, ein Viertel hat zwei Kinder und knapp sieben Prozent sorgen für drei oder mehr Kinder. Sie leben seltener in ländlichen Räumen und häufiger in Großstädten.

42 Prozent gelten als arm

"Was diese alleinerziehenden Mütter und Väter im Alltag an Herausforderungen bewältigen, um neben allem anderen für ihre Kinder da zu sein, verdient gezielte Unterstützung", sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Doch daran mangele es in unserer Gesellschaft: "Knapp 42 Prozent der Alleinerziehenden und ihre Kinder gelten nach der gängigen Definition als arm beziehungsweise armutsgefährdet." Knapp 38 Prozent dieser Familien mussten im vergangenen Jahr Stütze vom Staat beantragen - das ist mehr als fünf Mal häufiger als bei Paar-Haushalten mit minderjährigen Kindern (7,3 Prozent).

Das Armutsrisiko von Alleinerziehenden und ihren Kindern ist hoch, und ihre Situation hat sich in den vergangenen zehn Jahren noch verschlechtert. Während bei ihnen das Risiko, nur noch mit Grundsicherungsleistungen über die Runden zu kommen, um etwa sieben Prozentpunkte gestiegen ist, sank dies bei Paarfamilien im gleichen Zeitraum um etwa zwölf Prozentpunkte.

Mangelhafte Unterhaltszahlungen

Woher kommt die wachsende finanzielle Not in Trennungsfamilien? "Wenn Kinder regelmäßig in zwei Haushalten leben und sich die Eltern tatsächlich die Erziehung aufteilen, verursacht das ganz klar immense Mehrkosten. In beiden Wohnungen sind Kinderzimmer nötig, es müssen Kleidung, Spiel- und Schulsachen da sein", sagt Antje Funcke von der Bertelsmann-Stiftung, die gemeinsam mit der Juristin Anne Lenze von der Hochschule Darmstadt die Studie "Alleinerziehende unter Druck" erarbeitet hat.

Ein gewichtiger Grund ist aber auch der sehr mangelhafte Fluss von Unterhaltszahlungen an die Kinder in Deutschland. Bei der Hälfte kommt er nicht an, bei einem weiteren Viertel zahlen die Säumigen - es sind meist die Väter -, noch nicht einmal den Mindestunterhalt. "Der ausbleibende Unterhalt ist eine zentrale Ursache dafür, dass viele Ein-Eltern-Familien nicht über die Armutsgrenze kommen", sagt Dräger.

Alleinerziehende arbeiten mehr als Mütter in Paar-Haushalten

Und dies, obwohl die Mehrheit der getrennt lebenden Mütter erwerbstätig ist. Natürlich nicht Vollzeit: Weil sie oft ganz alleine alles bewältigen müssen - von der Verantwortung für die Fürsorge der Kinder bis zum Haushalt -, arbeiten sie überwiegend in Teilzeit (58 Prozent). Am Ende des Monats reicht der Verdienst in vielen Familien dann nicht, um die eigenen Bedürfnisse und die der Kinder zu decken.

Eine weitere Erkenntnis der Studie: Alleinerziehende Mütter arbeiten mit 29,5 Stunden pro Woche mehr als Mütter in Paar-Haushalten, diese gehen im Schnitt 24,5 Stunden einem Beruf außer Haus nach. Drei von fünf alleinerziehenden Müttern, die von Hartz IV leben, verfügen übrigens über keinerlei Ersparnisse. Sie müssen alle anfallenden Lebenshaltungskosten mit den Sozialleistungen bestreiten.

Unterhaltsvorschuss, wenn Väter nicht zahlen

Wenn die Väter nicht zahlen, beantragen Alleinerziehende einen sogenannten Unterhaltsvorschuss. Dies sind 145 Euro für Kinder bis zum Alter von fünf Jahren und 194 Euro für Kinder von sechs bis zwölf Jahren. Im Jahr 2014 zahlte der Staat so einer knappen halben Million Kinder diese Leistung. Nur von 23 Prozent des nicht zahlenden Elternteils gelang es den Behörden, diesen Vorschuss wieder einzutreiben.

Ein weiteres Problem für viele Alleinerziehende, die der Ex-Partner finanziell hängen lässt, ist es, dass der staatliche Unterhalt höchstens sechs Jahre lang gewährt wird und höchstens bis zu einem Alter von zwölf Jahren. Die Wissenschaftler fordern darum eine Reform dieser Leistung: Sie müsse von null bis 18 Jahren gewährt werden. Und bei mangelnder Zahlungsbereitschaft der nicht betreuenden Elternteile sollten durchaus andere Druckmittel angewandt werden. Als Vorbild könnte da der britische Child Maintenance Service dienen. Die staatliche Agentur arbeitet mit modernen Daumenschrauben: Wer nicht zahlt, muss mit einer Pfändung rechnen oder auch schon mal mit dem Entzug des Führerscheins.

© SZ.de/olkl/mane

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