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Expertentipps zur Erziehung:Wie verhalten sich Eltern im Notfall richtig?

Wie reagieren Eltern richtig, wenn doch mal etwas passiert?

Es ist schwierig, aber bitte bewahren Sie Ruhe. Das große Zittern können Sie bekommen, wenn das Kind versorgt ist. Und wenn Sie unbedingt schimpfen müssen, verkneifen Sie es sich bis dahin. Die Eltern sind aufgelöst, aber das Kind ja auch. Wer erwachsen ist, sollte sich auch so verhalten und dem Kind möglichst viel Ruhe vermitteln. Dazu trägt bei, wenn man dem Kind genau erklärt, was man macht: "Den Verband müssen wir jetzt ein wenig fester machen, dann hört es auf zu bluten. Und dann gehen wir zum Arzt, weil der deine Wunde noch besser versorgen kann als ich."

Aber gerade wenn es ums eigene Kind geht, fällt das Ruhigbleiben schwer. Wie schaffen Eltern das?

Jeder bleibt auch in Stresssituationen gefasster, wenn er weiß, was zu tun ist. Das vermitteln Erste-Hilfe-Kurse für Babys und Kinder. Auch sollte man die wichtigsten Telefonnummern, etwa vom Notarzt oder Giftnotruf im Handy haben - dem kann man dann auch Fotos von den Beeren schicken, die das Kind gerade gegessen hat. Eltern können zudem immer eine kleine Notfallausrüstung mitnehmen. Als meine Kinder klein waren, hatte ich immer Pflaster und ein gebügeltes Stofftaschentuch dabei. Wer schon mal eine Wunde mit Papiertaschentüchern versorgen wollte, weiß das zu schätzen.

Und diese Vorbereitung beruhigt?

Ja, und sie hilft, nicht in Panik zu geraten. Auch sollte man immer schrittweise vorgehen: Was ist als Nächstes am Wichtigsten? Das gilt auch, wenn sich ein Kind gerade in einer gefährlichen Situation befindet. Wenn es oben auf dem Baum auf knackenden, dünnen Ästen steht, hilft es ihm nicht, wenn die Eltern unten schreien: "Vorsicht, du fällst runter!" Da müssen die Eltern ihm genau sagen, was es konkret zu tun hat: "Steig mit dem linken Fuß auf den dicken Ast unter dir." Oder auch: "Bleib sitzen. Ich hol dich herunter." Und wenn ein Kleinkind plötzlich mit dem scharfem Fleischermesser durch die Wohnung saust, ist es am wichtigsten, ihm das ruhig und ohne Verfolgungsjagd abzunehmen. Und sich dann zu überlegen, wie es überhaupt da drankommen konnte.

Manche Eltern lassen aus lauter Vorsicht gleich gar kein Klettern auf dem Baum zu. Wie können Eltern erkennen, dass sie ihr Kind überbehüten?

Früher waren viel mehr Kinder im gleichen Alter im direkten Umfeld unterwegs, da konnte man auch sehen, was sie können und dürfen. Heute sammeln Eltern etwa in Krabbelgruppen diese Erfahrungen. Allerdings sollten sie stets sehen, dass Kinder sich unterschiedlich schnell entwickeln. Manche Kinder laufen schon mit zehn Monaten, andere sind erst mit eineinhalb Jahren so weit. Eltern sind oft überrascht, was ihr Kind in der Tagesstätte schon darf und kann. Und die motorischen Fähigkeiten entwickeln sich im Alltag ständig weiter.

Wie können Eltern die Motorik fördern?

Nicht durch Übungen, sondern indem sie Bewegungs- und Erfahrungsräume anbieten, zum Beispiel beim Kinderturnen oder im Freien, auch bei Regen. Und sie sollten Lernen zulassen, etwa selbständiges Treppensteigen oder Streichen des Brotes. Das wird nicht gleich klappen, die Butter wird an einer Stelle zentimeterdick sein und Marmelade auf dem Tisch landen. Aber nur so lernt das Kind den Umgang mit dem Messer. Wichtig ist, dass Eltern Freude an den Fortschritten ihres Kindes haben. Und dafür auch mal eine vollgekleckerte Tischdecke in Kauf nehmen.

Ursula Sottong leitet die Abteilung Gesundheitsförderung und Prävention bei den Maltesern und ist Mitautorin von "Das Kinder-Sicherheitsbuch. Zuhause und unterwegs - Gefahren erkennen und gezielt vorbeugen". Die Malteser bieten wie andere Hilfsdienste und oft auch Kinderärzte Erste-Hilfe-Kurse speziell für Kindernotfälle an.

Wenn aus Paaren Eltern werden, sehen sie die Welt mit anderen Augen: Plötzlich lauern überall Fallen, in die ihr Kind tappen kann. Tischkanten werden zur Gefahr und Rutschen zum riskanten Hindernis. Angesichts des ständigen Risikos ist es unerklärlich, wie da manche anderen Eltern völlig ruhig bleiben können. Die Erziehungs-Kolumne.