bedeckt München 32°

Erziehung:Wie man Kindern Moral beibringt

Erziehungstipps Tipps zur Erziehung Expertentipps Freunde Freundschaft Kinder

Ab wann verstehen Kinder, dass sie etwas Ungutes angestellt haben?

(Foto: g-mikee / photocase.com)

Lügen, stehlen, zündeln - jedes Kind macht mal was Verbotenes. Aber können Kinder überhaupt zwischen Gut und Böse unterscheiden?

Die Delinquenten sind kaum mehr als einen Meter groß, aber an den Anklagepunkten ändert das nichts: Brandstiftung, Diebstahl, Meineid. Die sechsjährige Tochter eines Freundes wollte nur mal schauen, "ob die auch wirklich brennen" und kletterte mit einer wackligen Aufstiegshilfe aus Stuhl und Hocker bis zum obersten Bücherregal, um sich dort eine Streichholzschachtel zu schnappen, die der Vater Minuten zuvor mit den Worten abgelegt hatte: "Nicht damit zündeln."

Beim achtjährigen Nachbarskind fand die Mutter trotz überschaubaren Taschengelds überraschend viele Silbermünzen im Schulranzen - schnell beschlich sie ein Verdacht: Lag nicht die gleiche Summe gestern Abend noch auf der Kommode - Wechselgeld, achtlos abgelegt? Unvergessen ist auch der treuherzige Blick des Vierjährigen, der offensichtlich mit wasserfestem Folienstift alte Familienfotos übermalt hatte und mit drei gespreizten Fingern auf dem Herzen vor einem stand: "Das war der Pumuckl. Ich schwör's bei meinem Leben!"

Besonders raffiniert war keiner dieser kleinen Übeltäter, aber die Frage ist ja: Haben wir es hier schon mit Klein-Kriminellen zu tun? Oder eher mit Unschuldsengeln, die sich keines rechten Vergehens bewusst sind?

Das Gesetz kennt klare Grenzen: Kinder unter 14 Jahren sind, wie es so schön heißt, überhaupt "nicht deliktfähig". Aber was heißt das für Eltern im Umgang mit ihren Kindern? Sollen sie eine Gardinenpredigt halten? Oder gar nicht groß darauf eingehen? Sollten sie sich ernsthafte Sorgen machen, ihre Kinder könnten auf die schiefe Bahn geraten? Oder sich lieber beruhigen mit "Jedes Kind lügt und stiehlt doch mal." Ab wann verstehen Kinder überhaupt, dass sie ein Verbot gebrochen oder etwas Ungutes angestellt haben? Ab wann haben sie so etwas wie einen inneren moralischen Kompass - und inwiefern sieht der bei einem stehlenden Achtjährigen schon anders aus als bei einem lügenden Vierjährigen?

Empathie statt Verbote

Kinder und Moral: In der Forschung schienen das jahrzehntelang zwei unvereinbare Begriffe zu sein. Denn Menschen, postulierte Sigmund Freud, kämen als "amoralische Wesen ohne Hemmungen" auf die Welt, anarchisch, regellos, egoistisch. Zunächst ohne jegliches Gefühl für die Bedürfnisse oder Interessen anderer. Wer je einen zornigen Einjährigen gesehen hat, der sich an den neuen Bagger des Nachbarjungen festkrallt, weil er ihn unbedingt haben will, weiß, wie Freud zu dieser Vermutung kam.

Erst durch Erziehung, gesellschaftliche Normen und zunehmende geistige Fähigkeiten würden sich, so Freud, Menschen auch zu moralisch handelnden Menschen entwickeln. Ähnlich sah das der amerikanische Psychologe Lawrence Kohlberg, der in den Sechzigerjahren einen bahnbrechenden Fahrplan der Moral-Entwicklung des Menschen von Geburt an entwickelte, doch für seine Studien erst Kinder heranzog, die zehn Jahre oder älter waren.

"Man hat viele Jahre einfach angenommen, jüngere Kinder wären nicht in der Lage, wirklich moralisch zu denken oder zu handeln", sagt Monika Keller vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Weil ihnen die kognitiven Fähigkeiten dazu fehlten, sie also, wenn sie sehr klein sind, ja noch nicht mal sprechen können. Kohlberg, sagt Keller, die seit knapp 40 Jahren zu dem Thema forscht, habe nur einen entscheidenden Denkfehler gemacht: "Er hat übersehen, dass zur Entstehung eines Moralgefühls nicht nur ein Verständnis von Regeln, sondern vor allem auch Empathie gehört - und diese entwickeln Menschen bereits von Beginn an." Durch Erfahrung und Beobachtung ihrer Umwelt, durch Erziehung, dadurch, wie gerecht und fürsorglich sie selbst behandelt werden.