Erste deutsche Parlamentarierinnen Die Macht der Frauen

Die weiblichen Abgeordneten der Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) in der Weimarer Nationalversammlung am 1. Juni 1919. Unter ihnen Marie Juchacz (unten, 3. v. r.), Mitglied des Parteivorstandes.

(Foto: Sammlung Berliner Verlag Archiv)

Vor 100 Jahren machten Frauen in Deutschland erstmals als Abgeordnete Politik. Was konnten sie bewirken - und wie reagierten die Männer?

Von Joachim Käppner und Theresa Parstorfer

Kaum hat Marie Juchacz ein paar Worte gesprochen, schallt ihr Gelächter entgegen. Anders als es später manchmal überliefert wird, ist es vermutlich keine spöttische, sondern eher eine überraschte und ehrlich amüsierte Reaktion.

39 Jahre ist Marie Juchacz an diesem 19. Februar 1919 alt. Und die erste Frau, die in einem Parlament für ganz Deutschland spricht, in der Nationalversammlung in Weimar. Selbstbewusst erlaubt sich die SPD-Abgeordnete den feinsinnigen Scherz, die übliche Begrüßungsanrede "Meine Damen und Herren" umzudrehen. Sie begann mit: "Meine Herren und Damen!"

Mit dieser Umkehrung spielen Sozialdemokratinnen damals gerne auf das bestehende Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern an. Und auch auf etwas, das in Deutschland heute als selbstverständlich gilt, es im Februar vor 100 Jahren aber nicht war: "Die Frauen besitzen heute das ihnen zustehende Recht der Staatsbürgerinnen", sagt Juchacz.

Ein Schriftsteller riet den Frauen: "Getrost wähl' wie der Mann, den du liebst."

Immer wieder wird Juchacz in den folgenden vier Minuten von Applaus unterbrochen ("Sehr richtig!" "Bravo! Bei den Soz.", notiert das Protokoll), ihre unterstützenden Parteikollegen von der SPD befinden sich schließlich in der Mehrheit und führen die Regierung.

Juchacz scheut sich nicht zu sagen, "dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind", dass die Regierung lediglich eingeführt hat, was von Natur aus selbstverständlich sein sollte und deshalb lange überfällig war:

Endlich dürfen Frauen wählen und gewählt werden. Doch welche Rückschläge noch kommen würden, das ahnen weder Marie Juchacz noch ihre Zuhörer in der Nationalversammlung.

Einen Monat zuvor, am 19. Januar 1919, gab es das in Deutschland zum ersten Mal: wählende Frauen. Den Beschluss zu einem Frauenwahlrecht hatte der Rat der Volksbeauftragten, die sozialdemokratische Übergangsregierung, wenige Monate zuvor, am 12. November 1918, gefällt.

Die Wahlbeteiligung im darauffolgenden Januar war mit 83 Prozent außerordentlich hoch, es ging immerhin um die Zukunft, um die verfassungsgebende Nationalversammlung. In Baden und in Württemberg durften Frauen bereits einige Tage früher Regionalparlamente wählen.

Obwohl die "Damenwahl" viel Spott hervorrief, bemühten sich die Parteien im Januar 1919 intensiv um die neue Wählergruppe. Der Schriftsteller Victor Blütghen mochte Frauen noch raten: "Getrost wähl' wie der Mann, den du liebst." Die Parteistrategen waren meist klüger.

Die Linksliberalen von der DDP luden zu Wahlrechtskursen ein. Die Broschüre "Frauen! Lernt wählen!" fand ungezählte Leserinnen. Und der SPD-Politiker Eduard Dietz konstatierte: "Die Frau steht gegenwärtig im Mittelpunkt des politischen Interesses, und alle Parteien von der Linken bis zur äußersten Rechten bemühen sich auf das Lebhafteste um sie."

Es war ein hoffnungsvoller Beginn: In der Nationalversammlung saßen schließlich, mit den Nachrückerinnen, die später noch ins Parlament kamen, 41 Frauen, von insgesamt 423 Abgeordneten. Der Frauenanteil betrug 9,7 Prozent - ein Wert, den der Deutsche Bundestag übrigens erst 1983 wieder erreichen sollte.

Das Frauenwahlrecht gehört zu den im Schatten von 1933 lange eher verkannten, weil sehr progressiven Zügen der Weimarer Demokratie. In den klassischen Demokratien Großbritannien (1928) und Frankreich (1944) wurde es erst viel später eingeführt.

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Zuvor jedoch, bis zum Ende des Kaiserreichs 1918, galten Frauen als Bürger zweiter Klasse - ganz offiziell und gesetzlich festgelegt. Sie besaßen weder das aktive noch das passive Wahlrecht, politisches Engagement war stark beschränkt, und viele Zeitgenossen fanden, das sollte auch so bleiben.

Das größte und wichtigste Reichsland, Preußen, untersagte Frauen bis 1908 die Mitarbeit in politischen Vereinen. Das Kaiserreich, gegründet 1871, bot schon den Männern nur eine höchst eingeschränkte Demokratie. In Preußen galt ein sehr hierarchisches Dreiklassenwahlrecht, das die Sozialdemokraten massiv benachteiligte. Und der Reichstag hatte nicht die vollen Rechte eines souveränen Parlaments.

Dennoch erreichten die Sozialdemokraten 1912 mit 34,8 Prozent dort das beste Ergebnis ihrer Geschichte; des Kaisers Generäle ließen vorsichtshalber schon mal den "Kampf in insurgierten Städten" üben, den Bürgerkrieg. Die SPD war es dann auch, die als einzige Partei das "Wahl- und Stimmrecht ohne Unterschied des Geschlechts für alle Wahlen und Abstimmungen" forderte und dafür schon im Erfurter Programm von 1891 eintrat.

Zugleich wuchs eine aktive Frauenbewegung heran. Eine ihrer bekanntesten Vertreterinnen, Hedwig Dohm, schrieb: "Über das Stimmrecht geht der Weg der Selbstständigkeit und Ebenbürtigkeit, zur Freiheit und zum Glück der Frau." Ihr Credo: "Menschenrechte kennen kein Geschlecht."

Spiegelbildlich zur kaiserlichen Klassengesellschaft war auch die rasch wachsende Frauenbewegung gespalten. Stark bürgerlich geprägt, um schrittweise Reformen bemüht und um Abgrenzung nach links sehr bestrebt war die stärkste Kraft der Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) mit der Vorsitzenden Gertrud Bäumer. Bei Kriegsbeginn 1914 hatte der Bund bereits eine halbe Million Mitglieder, er schwenkte dann auf den Kriegskurs ein.