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Die Probleme von Patchwork-Familien:Die böse Stiefmutter

Oft sind es nicht die neuen Partner, die eine Patchworkbeziehung wieder verlassen, sondern die, die die Kinder mitgebracht haben.

Früher, als Patchworkfamilien noch Stieffamilien hießen, gab es diese eine Figur, die besonders schlecht wegkam: die Stiefmutter. Eigentlich existiert sie gar nicht ohne das Adjektiv "böse". Tiefenpsychologisch kann man sie als Ausdruck der dunklen Seite sehen, die jede Mutter in sich trägt. Und es gab die Frauen, die den Kindern aus der alten Ehe die Zuneigung ihres Mannes neideten oder die die eigenen Kinder an erster Stelle sehen wollten. Heute gibt es dafür einen neue Art Stiefmutter-Reflex.

In der Zeit zwischen Marlene und Katrin lernte Jan noch eine andere Frau kennen, die wollte es besonders gut und richtig machen mit den Kindern. Sie wollte die wahre Mutter sein, sie wollte erziehen und geliebt werden. Am Ende verlangte sie sogar, dass Jan der leiblichen Mutter das Sorgerecht entziehen und auf sie übertragen solle - als könnte man die Liebe von Kindern einfach per Gerichtsentscheid übertragen.

Wäre Jan mit ihr zusammengeblieben, wäre die Sache höchstwahrscheinlich nicht gut ausgegangen. Denn die Liebe, die übermäßige Liebe, mit der manche Frauen die angeheirateten Kinder überhäufen, wird sehr selten zurückkommen. Für Kinder gibt es nur eine echte Mutter. Das wissen die Kinder, und das muss auch den Erwachsenen immer bewusst bleiben. Frauen, die versuchen, die leibliche Mutter zu ersetzen, haben von Anfang an verloren.

Katrin und Jans Kinder bekommen genug Zeit, um sich aneinander zu gewöhnen. Sie leben miteinander, lachen und lernen miteinander, respektieren sich. Sie mögen sich. Aber dann bekommt Katrin von Jan ein Kind. Oft ist es so, dass gemeinsame Kinder die Patchworkfamilien festigen. Katrin sagt heute, sie habe die Familie abrunden wollen, ganz machen. Doch es funktioniert nicht, diesmal nicht.

Für Patchwork-Familien gibt es keine Vorbilder

Die Mutter der beiden älteren Kinder beginnt sie aufzuhetzen gegen den schreienden Säugling, gegen die neue Mutter. Fast als ob sie jetzt, nach all diesen Jahren, entdeckt, dass sie selbst als Mutter zumindest für die kleinere der beiden Töchter nicht wirklich da war. Hat sie Schuldgefühle? Ist es das, was sie treibt, fragen sich Jan und Katrin, wenn die Kinder wieder einmal vom Besuch bei der Mutter zurückkommen, voller Zorn und Empörung und Hass auf das Baby und die andere Frau. Es brechen schlimme Zeiten an, es wird viel gekämpft und geschrien und geweint.

Das Schwierige an Patchworkfamilien ist, dass es keine Vorbilder für sie gibt. Jede ist in ihrer eigenen ganz besonderen Welt und Konstellation gefangen. Menschen verlieben sich und stolpern hinein wie Jan und Katrin, wie Paul und Carla, die Kinder stolpern mit, und eigentlich weiß keiner genau, wie man mit dem anderen umgehen muss. Es gibt keine Modelle, keine Konventionen, keine Rollen, an denen man sich orientieren könnte wie bei der herkömmlichen Kernfamilie. Wenn sie Glück haben, wie Jan und Katrin, schaffen sie es, mit schlechten und guten Phasen, mit viel Arbeit und Toleranz und Geduld und, ja, auch mit Liebe.

Denn nur weil Patchwork immer häufiger wird, heißt das nicht automatisch, dass diese Form des Zusammenlebens deshalb immer besser funktioniert. Zunehmende Häufigkeit bedeutet erst einmal gar nichts für die Qualität. Vielleicht ist es umgekehrt so, dass das fröhliche Leben im TV-Patchwork à la "Brady Bunch" dazu geführt hat, dass die alten Schwierigkeiten tabuisiert werden. Gerade weil man darüber reden kann, redet man nicht mehr darüber. Man schafft alles in der flexiblen Gesellschaft der Moderne, und wenn es verlangt wird, probiert man eben auch diverse Formen des Zusammenlebens einmal aus.

In Patchworkfamilien haben nicht alle Eltern alle Kinder gleich lieb, aber das dürfen sie oft nicht einmal vor sich selber zugeben. Manche, vor allem Frauen, brauchen Jahre, um die Lüge im eigenen Herzen zu entdecken. Dann müssen sie anfangen zu reden. Die Kinder werden es verstehen.

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