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Care-Arbeit:"Diese Jobs sollen vor allem eins sein: billig"

Palliativstation der Charité

Eine Pflegerin behandelt einen Patienten einer Palliativstation.

(Foto: dpa)

Auf sie kommt es an: Krankenschwestern, Pfleger, aber auch Eltern zu Hause beweisen gerade, dass sie systemrelevant sind. Was das für die Gesellschaft bedeutet, erklärt Sozialwissenschaftlerin Gabriele Winker.

Krankenpflegerinnen, Altenpfleger, Erzieherinnen: Sie alle erhalten wenig Geld für eine Arbeit, die anspruchsvoll und gesellschaftlich wertvoll sind. In der Corona-Krise wird das besonders deutlich. Die Sozialwissenschaftlerin Gabriele Winker engagiert sich schon seit Jahren in der sogenannten "Care Revolution", die eine Aufwertung dieser Tätigkeiten fordert. Dabei geht es ihr auch um mehr Anerkennung für die unbezahlte Sorgearbeit, die zumeist weibliche Familienmitglieder tagtäglich leisten.

SZ: Frau Winker, Sie fordern seit Jahren eine größere Wertschätzung der Care-Arbeit. Ist das Ihre Stunde, weil nun endgültig bewiesen ist, dass sie systemrelevant ist?

Gabriele Winker: Mit der Corona-Krise erhalten die Pflegefachkräfte, Ärzte und Ärztinnen nun eine große Aufmerksamkeit, da wir derzeit alle spüren, wie stark wir von ihrer Arbeit abhängen. Und das ist gut so! Wir dürfen aber nicht nur über die bezahlten Care-Arbeiterinnen sprechen. Wir haben im Moment eine sehr zugespitzte Situation, in der der Staat alles Geld in die Hand nimmt, um die Krise zu überwinden. Wer allerdings trotzdem kaum Unterstützung erfährt, sind diejenigen Menschen, die sich als Sorgearbeitende zu Hause, in ihrer Familie um andere Menschen kümmern. Im Gegenteil. Bis auf Beschäftigte in systemrelevanten Bereichen müssen derzeit Eltern, insbesondere Mütter, im Home-Office ihrem Beruf nachgehen und dazu noch individuell eine Ganztagesbetreuung ihrer Kinder durchführen. Sie sollen also auch noch eine gute Lehrerin, Hauswirtschafterin und Trösterin sein. So fühlen sich Mütter noch mehr alleingelassen als dies in normalen Zeiten der Fall ist.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Sie sprechen die Mütter besonders an - warum ist Care immer noch ein Frauenthema?

Sorgearbeit wird seit Jahrhunderten stereotyp Frauen zugeschrieben und sie verrichten die meiste unbezahlte Sorgearbeit. Aber das Problem liegt ja nicht darin, dass Frauen sich um andere Menschen kümmern. Das ist notwendig und sinnvoll und kann auch schön sein. Das Problem ist vielmehr, dass in unserer kapitalistischen Gesellschaft die unentlohnte Sorgearbeit nicht als Arbeit anerkannt wird und ihr entsprechend auch nicht die dafür notwendige Zeit eingeräumt wird.

Als Arbeit gelten in unserer Gesellschaft nur Tätigkeiten, für die Menschen Geld bekommen. Für diese Tätigkeiten brauchen die Unternehmen allerdings Arbeitskräfte - möglichst viele und möglichst fitte. Diese sollen möglichst kostengünstig in Familien geboren, erzogen und betreut werden. Gleichzeitig sollen sich die Erwerbstätigen in einem angenehmen häuslichen Ambiente, das meist von Frauen "aus Liebe" aufrechterhalten wird, gut von ihrem Job erholen.

Neben der Familienarbeit werden auch die Care-Berufe wie Erzieherin oder Krankenpflegekraft häufig von Frauen ausgeübt ...

Genau. Und diese Jobs sollen vor allem eins sein: billig. Staat und Unternehmen sparen auf Kosten derjenigen, die für andere Menschen lebenswichtige Aufgaben übernehmen. Besonders kostengünstig ist es natürlich, wenn Frauen die unentlohnte familiäre Sorgearbeit zusätzlich zu ihrer Erwerbsarbeit ausführen. Verhältnismäßig kostengünstig ist es auch noch, wenn ein Teil der Sorgearbeit auf schlecht entlohnte, meist migrantische Haushaltsarbeiterinnen verlagert wird, die noch nicht einmal sozial abgesichert sind.

Wenn Sorgearbeit von Institutionen wie Pflegeheimen, Kitas oder Krankenhäusern übernommen wird, setzt die derzeitige neoliberale Politik alles daran, auch dort die Kosten möglichst gering zu halten. Die Einrichtungen sparen am Personal ebenso wie an einer angemessenen Entlohnung der Care-Beschäftigten. Deswegen leiden Krankenpflegekräfte und andere Care-Arbeitende besonders stark unter der Corona-Krise. Sie sind schon im Normalfall am Rande ihrer Kräfte. Und arbeiten jetzt aus Solidarität mit den erkrankten Menschen immer weiter.

Immerhin erfahren sie im Moment viel Wertschätzung. Kann sich dadurch an ihrer Situation etwas ändern?

Gesellschaftliche Fehlentwicklungen lassen sich nicht kurzfristig, auf Knopfdruck verändern. Und auch Wertschätzung allein hilft nicht. Es braucht grundlegende Veränderungen. Wohl alle Menschen waren auch vor der Krise bereits auf das Gesundheitssystem angewiesen oder haben Angehörige und Freundinnen, die in diesem System auf Hilfe angewiesen waren. Deswegen gibt es grundsätzlich immer viel Unterstützung für Forderungen wie die nach mehr Personal im Krankenhaus. Aber die Kritik findet wenig Resonanz in der Politik. Es ist immer noch oberstes Ziel, die Kosten im Care-Bereich zu senken. Die Krise kann allerdings ein Weckruf sein dafür, unser System komplett zu überdenken.

Wie stellen Sie sich ein besseres System vor?

Es gibt da viele Ideen. Am schnellsten ließe sich ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen. Es könnte noch in der Krise Wirkung entfalten. Damit wären Eltern, die wegen sehr hoher familiärer Sorgeaufgaben gar nicht oder nur begrenzt erwerbstätig sein können, finanziell abgesichert. Und natürlich müsste die öffentliche Infrastruktur ausgebaut, Care-Berufe besser entlohnt werden. Etwas längere Zeit benötigt sicherlich die Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit für alle, zunächst auf maximal 30 Wochenstunden. Diese kurze Vollzeit würde es Eltern ermöglichen, die eigene Existenz und die ihrer Kinder abzusichern. Vor allem Männer, die heute primär in Vollzeit tätig sind, hätten mehr Zeit für die Familie.

Das würde natürlich auch bedeuten, dass sich unser ganzes Denken, unsere Lebensweise ändert. Wir würden dann logischerweise weniger Konsumgüter produzieren und weniger Dinge kaufen. Dafür stünde die Sorge der Menschen umeinander im Mittelpunkt.

© SZ.de/lalse
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