Historie:Der Erste seiner Art

Historie: Reinhard Mohn 1954 in New York: Die USA bedeuteten für ihn zugleich Erweckungserlebnis und Vorbild.

Reinhard Mohn 1954 in New York: Die USA bedeuteten für ihn zugleich Erweckungserlebnis und Vorbild.

(Foto: Bertelsmann)

Wie der Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn zu einem der führenden Unternehmer des Landes wurde? Er besaß etwas, das vielen fehlte: Weltoffenheit.

Von Joachim Käppner

Wie geht man um mit einer Persönlichkeit der Zeitgeschichte, wenn diese weder selber Erinnerungen verfasst noch jemals einer Biografie zugestimmt hat? So hat es sich mit Reinhard Mohn (1921 - 2009) verhalten, dem Mann, der aus einem kriegszerstörten Gütersloher Verlagshaus einen der bedeutendsten Medienkonzerne der Gegenwart gemacht hat: Er wäre am 29. Juni 100 Jahre alt geworden. Der Historiker Joachim Scholtyseck hat es gewagt, dieses Leben aufzuschreiben, und sich dabei an der Lebensweisheit eines großen englischen Schriftstellers orientiert: "Den Menschen hinter einer Wirtschaftspersönlichkeit sichtbar werden zu lassen gehört zu den schwierigsten Aufgaben einer biographischen Studie. W. Somerset Maugham fasste das Problem der Autorschaft einmal schön in den Aphorismus: ,Es gibt drei Regeln beim Schreiben. Unglücklicherweise sind sie niemandem bekannt.'"

Der Mann, dem diese Biografie gilt (Joachim Scholtyseck: Reinhard Mohn. Ein Jahrhundertunternehmer. Bertelsmann 2021), gehört im Rückblick zu den großen Gründerfiguren der bundesdeutschen Wirtschaft. Wie Peter von Siemens oder Berthold Beitz trat hier eine neue Generation an. Diese Männer, Frauen waren anfangs in der konservativen Zeit der Adenauerjahre kaum dabei, mochten mächtig sein oder gar zu Patriarchen werden, anders als die alten Wirtschaftslenker waren sie aber demokratisch gesinnt und verstanden sich nicht mehr als, sozusagen, Klassenkämpfer von oben. Sie waren wenig oder mitunter gar nicht vom Nationalsozialismus diskreditiert und wurden zu tragenden Figuren der sozialen Marktwirtschaft. Wie die anderen legte auch der junge Bertelsmann-Chef großen Wert auf Kooperation mit Gewerkschaften und Arbeitnehmern. Sie waren reich, oft autoritär und nicht frei von Marotten, aber die Allüren und mehr noch die Selbstherrlichkeit vieler heutiger Manager blieb ihnen stets fremd, und sie duldeten derlei in ihren Betrieben wenig.

"Teamwork. Vertrauen in den Mitarbeiter."

Ein Blick in das Buch über Reinhard Mohn ist daher so etwas, als gehe man durch ein Museum der alten Bundesrepublik. Reinhard Mohn war als Konzernherr im Wirtschaftswunderland in manchem durch die Lehren des progressiven Nationalökonomen Joseph Alois Schumpeter beeinflusst und umriss das eigene Selbstverständnis so: als Unternehmer sei man nicht allein ein profitorientierter "Homo oeconomicus". Der gute Arbeitgeber "lässt seine Angestellten zu Mitarbeitern werden. Teamwork. Vertrauen in den Mitarbeiter. Abgabe von Verantwortung. Viel Geduld und Mühe bei der Ausbildung und Beratung. Fähigkeit, das Positive zu sehen und zu entwickeln. Achtung vor der Meinung anderer." Das sind einfache Grundregeln der Personalführung, die heute, im Zeitalter global agierender "Heuschrecken", freilich längst nicht mehr als selbstverständlich gelten.

Historie: Kleine Anfänge: Bertelsmann-Bücherwagen in der Nachkriegszeit.

Kleine Anfänge: Bertelsmann-Bücherwagen in der Nachkriegszeit.

(Foto: © Bertelsmann/© Bertelsmann)

Reinhard Mohn wurde am 29. Juni 1921 geboren, als fünftes von sechs Kindern und drittältester Sohn. Sein Vater Heinrich Mohn leitete den Verlag C. Bertelsmann, die Familie war bodenständig, protestantisch, es galten die Ethik der Leistung und der Bescheidenheit. Die eigene Mutter hat dem nicht sehr ruhmbedeckten Schüler Reinhard sogar geraten, sich doch einen praktischen Beruf zu suchen.

Scholtyseck mag seinen Helden erkennbar sympathisch finden, ist aber bemüht, nicht in eine Hagiografie zu verfallen. Reinhard Mohn meldete sich, kaum volljährig, 1939 als Freiwilliger zur Wehrmacht. Er hatte dann zweifaches Glück: Er wurde nicht im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion eingesetzt, sondern in Nordafrika, wo die Wehrmacht im Frühjahr 1943 gegen Briten und Amerikaner eine schwere Niederlage erlitt (heimlich "Tunisgrad" genannt, in Anlehnung an den Untergang der 6. Armee in Stalingrad wenige Monate zuvor). Zehntausende deutsche Soldaten gerieten in Gefangenschaft, unter ihnen Reinhard Mohn.

Heinrich Mohn, der Vater, war trotz seiner kirchlichen Bindung Förderer der SS und machte beste Geschäfte mit dem Regime - im nationalistischen protestantischen Milieu sah man kein Problem darin, die politische Botschaft des Hasses mit der biblischen der Liebe gleichermaßen zu vertreten. Dass die Nazis 1944 das Verlagshaus dichtmachten, begründete eine später sorgsam gepflegte Widerstandslegende, doch hatte sich Mohn senior mit der staatlichen Seite schlicht über Fragen der Papierzuteilung zerstritten. Der Konzern beschäftigte unter Vater Mohn indirekt - über nachgeordnete Firmen - auch jüdische Zwangsarbeiter.

Im Land des Individualisten

Reinhard Mohns Verhalten gegenüber dieser trüben Konzerngeschichte blieb zwiespältig, wie aus Scholtysecks Buch klar hervorgeht. Er war überzeugter Demokrat und führte den Aufstieg der Nationalsozialisten bis 1933 später auf das "Versagen einer Gesellschaftsordnung" zurück, der Weimarer Republik, deren Widerstandskraft viel zu schwach gewesen war. Über die Rolle der deutschen Unternehmer und der eigenen Firma jedoch sprach er, wie in der Wirtschaft der Bundesrepublik noch Jahrzehnte nach 1945 üblich, höchst zögerlich. Aber er war es, unter dem Eindruck der großen Debatte um die Entschädigung früherer Zwangsarbeiter, der 1998 die Unternehmensgeschichte wissenschaftlich aufarbeiten ließ und damit das Ende der beschönigenden Legenden herbeiführte - ob er das aus Vernunft tat oder aus später Einsicht, das bleibt offen.

Mohn begann 1947 mit wenigen Dutzend Mitarbeitern und vielen sehr kreativen Ideen. Seine eigenen Eltern hatten ihm das nicht zugetraut. Doch der Vater war krank und durch seine Kollaboration mit den Nationalsozialisten viel zu belastet, der älteste Sohn war schon 1939 in einer der ersten Wochen des Krieges gefallen, der zweite saß noch in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. So kam die Reihe an Reinhard, und der brachte weder Erfahrung noch Kenntnisse als Unternehmer mit, aber etwas viel Wichtigeres, was damals noch sehr wenige besaßen: Weltoffenheit.

Die Kriegsgefangenschaft ab 1943, die er überwiegend in Concordia, Kansas, verbrachte, hatte ihn tief geprägt - aber im Guten. Amerika war sein Erweckungserlebnis: Individualismus statt "Volksgemeinschaft", Freiheit statt verordnetes Denken und auch ein Unternehmerwesen, das nicht, wie so häufig in Deutschland, den Geist eines Kasernenhofs atmete. Er selbst beschrieb es so: "Statt einer überzogenen Gemeinschaftsorientierung überzeugte mich der in der US-Verfassung verbriefte Anspruch auf die Freiheit des einzelnen und sein Recht zur Selbstverwirklichung. Theorie und Funktionsweise der Demokratie lernte ich dort ebenso kennen wie die dynamischen Kräfte einer liberalen Wirtschaftsordnung. Hätte für mich nach dem Kriegsende die Möglichkeit bestanden, in den USA zu bleiben, gewiss hätte ich es getan."

Erfolgsmodell Buchklub

Als Gefangener war das nicht möglich, er kehrte ins heimische Gütersloh zurück. Gegenüber dem SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt hat er das einmal so beschrieben: "Noch als die Trümmer brannten, begann ein kleines Häuflein von Mitarbeitern die Planung für den Wiederaufbau. Die Verpflichtung gegenüber der übernommenen Aufgabe und ein ethisches Fundament, das die materiellen Voraussetzungen nur als Werkzeug betrachtete, gaben die Kraft, wieder von vorn anzufangen."

Seine Buchklubs, die in der Digitalära so altmodisch anmuten, waren damals ein Erfolgsmodell. Man abonnierte Bücher zu günstigen Preisen, anfangs waren noch Bertelsmann-Fahrer mit knatternden Karren zu den Kunden unterwegs. Das Kulturgut des Lesens, von vielen heute so leichtfertig drangegeben, wurde so auch für viele Menschen erschwinglich, die mit dem Pfennig rechnen mussten. So begann der Aufstieg, erst zu einem Printkonzern, den Reinhard Mohn mit einer geschickten, doch meist soliden Wachstumsstrategie um das Musik-, Film- und Fernsehgeschäft erweiterte und auch für den US-Markt erschloss. Erst 1981 wechselte er aus der operativen Leitung in den Aufsichtsrat.

Im Unterschied zu anderen gewaltigen Playern des Wirtschaftswunderlandes steht Bertelsmann noch heute in erheblicher Blüte. Thyssen und Krupp, Ikonen des Stahls und rauchender Schlote, haben längst fusioniert, und doch ist ihre Zukunft ungewiss. Bertelsmann beschäftigt fast 133 000 Mitarbeiter weltweit, auch der Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr gehört dazu, und schloss selbst das Corona-Jahr 2020 mit 1,45 Milliarden Euro Gewinn und 17,3 Milliarden Umsatz ab. Vor wenigen Wochen übergab Reinhard Mohns Witwe Liz Mohn das Amt des "Familiensprechers" bei Bertelsmann an ihren Sohn Christoph Mohn - und somit an die sechste Generation.

Historie: Medienmacher: Reinhard Mohn (1921 - 2009)

Medienmacher: Reinhard Mohn (1921 - 2009)

(Foto: © Bertelsmann/© Bertelsmann)

Firmenpatriarchen wie Reinhard Mohn gibt es eigentlich nicht mehr, sie erscheinen aus heutiger Sicht zu konservativ. Um ihn, der sich parteipolitisch nicht festlegte, zu charakterisieren, zitiert Scholtyseck den Publizisten Joachim Fest: "Konservatismus ist keine Sache des Zeitgeistes. Er geht von einigen für ihn unbezweifelbaren Prämissen aus: dass die Welt unvollkommen, der Mensch schwach und das Böse eine Macht ist; dass alle Geschichte nur ein Treiben vor wechselnden Kulissen in immer anderen Kostümen ist; dass alle innerweltlichen Verheißungen an einem irrigen Menschenbild kranken. ... Der Konservative nimmt überall die Unterschiede wahr, sieht die Bedingtheit der Verhältnisse und ist folglich der geborene Skeptiker."

© SZ/fabr
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War es ein selbstbewusster Aufstieg oder hat sich an ihr einfach ein Märchen erfüllt? Die Bertelsmann-Chefin Liz Mohn wird achtzig.

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