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Zum Tod von Tom Petty:Die große Anomalie

Einen Künstler wie Tom Petty kann es eigentlich nicht geben. Seine Songs vereinten vermeintlich Unvereinbares: Ironie, Tiefgang, Coolness und absurde Schönheit.

Schlussendlich war Tom Petty wohl einfach ein Fehler im Rock-System. Eine dieser Anomalien, die dann und wann auftreten, wer weiß schon warum, und warum sollte man es auch wissen wollen. Eine Art von Mutation vielleicht, nach allen Regeln der Natur eigentlich nicht überlebensfähig. Aber dann lebt sie eben doch und wächst und gedeiht und alle wundern sich, zucken aber schließlich nur mit den Schultern. Es wird schon seinen Sinn haben.

Dabei besagen die Regeln der Pop-Natur ja eigentlich, dass es - etwas zu vereinfacht - nur zwei Sorten von Rockstars geben kann: Die auf unterschiedliche Art breitbeinigen Großgesten-Poser und die samtherzigen Umschmeichler. Die mit den cowboygestiefelten, strunzblöden, aber eben so herrlich wirkungsvollen Gitarren und Texten. Und die reflektierten Gefühlsschwelger. Musik für Jungs. Musik für Mädchen. Ungefähr so.

Tom Petty war beides nicht. Was eigentlich heißt: Er war beides, oft auch gleichzeitig, aber damit eben zugleich nichts von alldem.

"See that drunk girl speedin' down the street?"

Es gibt für diesen phänomenalen Fehler im System - wie für eigentlich alle relevanteren Systemfehler und Absonderlichkeiten auf dieser Welt - eine Referenz bei den Simpsons. Homer besucht da mit den anderen latent zurückgebliebenen Männern der Comic-Serie ein Rock-Sommercamp. Mick Jagger gockelt dort als Dozent für Bühnengewese herum, Keith Richards lehrt mit metallrasselndem Husten die Flucht vor Paparazzi und Groupies, Elvis Costello arbeitet an der Instrumentenausgabe - und alle zusammen machen sich über Lenny Kravitz lustig, weil der seinen Schritt mit Socken ausstopft.

Tom Petty aber gibt einen "Lyrics Workshop" - Lagerfeuer, Folkgitarrengesäusel, Tiefganggehabe. Das Texten, sagt er, sei schließlich das Schwerste am Songwriting. "But if you come up with something meaningful and heartfelt", fiele einem also etwas ein, das Bedeutung habe und von Herzen komme ... An diesem Punkt wird er von den Zuhörern unter Schwerstgepöbel gezwungen, mit dem Gesülze aufzuhören und endlich "mindless, generic rock" zu spielen. Die erste, breitbeinige der zwei Rock-Sorten.

Der gelbe Comic-Petty seufzt also gedehnt, dreht seine Akustikgitarre um (was sie in eine E-Gitarre verwandelt) und prügelt verflucht glaubwürdig ein paar dieser archetypischen Takte heraus: "See that drunk girl speedin' down the street?" Gejohle! Dann aber plötzlich die Brechung: "She's worried `bout the state of public schools." Da brettert dieses besoffene Mädchen also, absolutes Klischee, die Straße runter - und sorgt sich in der zweiten Zeile um den Zustand der öffentlichen Schulen. Tom Petty in a nutshell. Die Brechung. Die Essenz. Groß.

Denn die Songs des am 20. Oktober 1950 in Gainsville, Florida, geborenen Musikers konnten ja tatsächlich immer beides: gefühlig sein und trotzdem klug. Denken und rocken. Wunderschön schwelgen und gleichzeitig mit einem schweren Pfund an Cool wuchern. Dinge also, die an sich unvereinbar sind - oder das zumindest in den ersten Jahren, eigentlich Jahrzehnten, seiner Karriere, die mit dem schlicht den Bandnamen tragenden Debüt "Tom Petty and the Heartbreakers" 1977 begann, noch waren. Begriffe wie Indie-Rock oder gar -Folk sollten ihre heutige Bedeutung erst bekommen. Ironie gab es natürlich schon. Aber selten in dieser absurden Schönheit.

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