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Zum Tod von Dario Fo:Vom Hofnarren zum fahrenden Sänger

1959 gründeten Fo und Rame eine eigene Theatergesellschaft, "La compagnia Dario Fo - Franca Rame", bei der beide gemeinsam für Text, Regie, Inszenierung, Produktion und Aufführung verantwortlich waren. Die Stücke wurden im Mailänder Piccolo-Theater uraufgeführt und danach auf Tourneen durch ganz Italien gezeigt.

Den internationalen Durchbruch schaffte Fo 1960 mit der grotesken Volkskomödie "Gli arcangeli non giocano a flipper" ("Erzengel spielen nicht am Flipper"). 1962 übernahm er die Moderation der Fernsehsendung Canzonissima, die zwei Jahre später abgesetzt wurde. Fo bekam dann Auftrittsverbot im italienischen Fernsehen und klagte dagegen in einem spektakulären Prozess, der 1974 in letzter Instanz gegen ihn entschieden wurde. 1968 wandelte sich Fo eigenen Worten zufolge vom "Hofnarren der Bourgeoisie" zum "fahrenden Sänger des Volkes". Er gründete 1968 und leitete bis 1970 die der Kommunistischen Partei Italiens nahestehende Theatergruppe "La Nuova Scena", mit der er in Vorstädten, Fabriken und Gefängnissen gastierte.

Mehrfach auf offener Bühne verhaftet

Nach der Spaltung der Gruppe rief Fo mit seiner Frau in Mailand das Theaterkollektiv "La Comune" ins Leben, mit dem er gesellschaftskritische Stücke auf die Bühne brachte. Auf dieses "Theater der großen Provokation" reagierte der Staat immer wieder mit juristischen Sanktionen und zahlreichen Prozessen. Mehrmals wurde Fo auf offener Bühne verhaftet. 1977 protestierte Papst Paul VI. nach einer Fernsehsendung von Fo bei der italienischen Regierung und drohte, der Vatikan werde der "Schändung der religiösen Gefühle der Italiener nicht schweigend zusehen". 1980 und 1983 verweigerte man Fo und seiner Frau die Einreise in die USA zu einer Tournee und verwies auf deren Mitgliedschaft in der Gefangenenhilfsorganisation "Soccorso Rosso".

Dario Fo und Franca Rame, man kann nie nur ihn nennen, verstanden ihre Theaterstücke als Ermunterungen für den Augenblick, weniger als Beitrag zur Literaturgeschichte. "Wir sind Flegel. Wir sind überzeugt, dass im Gelächter, im Grotesken der Satire, der höchste Ausdruck des Zweifels liegt, die wichtigste Hilfe der Vernunft." Die Stockholmer Akademie verlieh ihm also deswegen den Nobelpreis, weil er, so die Begründung, "in der Nachfolge der mittelalterlichen Gaukler der Commedia dell'arte die Macht geißelt und die Würde der Schwachen und Gedemütigten wieder aufrichtet." Seine Stücke, die in mehr als 30 Sprachen übertragen und in 60 Ländern aufgeführt wurden, waren an deutschen Bühnen erfolgreich, auch wenn nach Kritikermeinung jeder Biss in seinen Politpossen fehlte und meist nur die pure Spaßmacherei übrigblieb.

"Dario Froh macht alle Fo" hatte Alexeij Sagerer mal auf den italienischen Theater-Allrounder gereimt, dessen wesentliches Anliegen es war, mit seinen anarchistischen und poetischen Dramoletten, Sketchen, Kabarett-Pantomime-Nummern ungehorsam, derb und provokant zu sein, aber immer getragen von einer unstillbaren Sehnsucht nach dem geglückten Leben.

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