Zum Tod von Carrie Fisher Das ewige Sternenmädchen

Schauspielerin Carrie Fisher wurde nur 60 Jahre alt. In ihrer wichtigsten Rolle als Prinzessin Leia in "Star Wars" nahm sie das fiktive Universum ernst und parodierte es zugleich mit einem schelmischen Lächeln.

Nachruf von David Steinitz

Wie mit einem Lichtschalter konnte die Schauspielerin Carrie Fisher auf ihr zweites Ego Prinzessin Leia umschalten, so sehr war ihr die Überrolle in Fleisch und Blut übergegangen. Zum Beispiel bei einem ihrer letzten Deutschlandauftritte im Sommer 2013, natürlich auf einer "Star Wars"-Convention. Da saß sie mit ihrem Kollegen Mark Hamill, der als Luke Skywalker quasi ihr Karrierebruder geworden war, vor zahlreichen kostümierten Fans auf der Bühne und erzählte die Anekdoten, die sie seit fast vierzig Jahren wieder und wieder zum Besten geben musste.

Zum Beispiel wie der "Star Wars"-Erfinder George Lucas, der als Filmemacher so genial wie verklemmt war, ihr 1977 beim Dreh zum "Krieg der Sterne" die Brüste mit Klebeband abdeckte, um sie kleiner zu machen und ja keine Brustwarzen herausschauen zu lassen im weißen Leia-Kleid - in den weit entfernten Galaxien sollte es familienfreundlich zugehen.

Dass sie diesen konservativen Anspruch mit einem erotischen Augenzwinkern stets fleißig unterwanderte, hat Lucas, der sich immer mehr für die Roboter und die Raumschiffe interessierte als für seine Schauspieler, vermutlich nie gemerkt. Carrie Fisher jedenfalls war auch in ihrer größten Leia-Müdigkeit immer stolz, dieser Figur Leben eingehaucht und ihr eine ordentliche Portion Ironie im Umgang mit den eitlen Balztänzen der "Star Wars"-Jungs verpasst zu haben.

Sie nahm das fiktive Universum ernst, aber nicht zu sehr

Fisher wurde 1956 in Beverly Hills geboren, schon die Eltern arbeiteten als Entertainer und Schauspieler. Sie hatte erst zwei kleinere Rollen gespielt, als sie Mitte der Siebzigerjahre zu einem Casting ging, das eigentlich ein Doppelcasting war. Die Sparfüchse George Lucas und Brian De Palma, beides Gewächse des New Hollywood, die kräftig daran mitarbeiteten, die amerikanische Unterhaltungsindustrie umzukrempeln, machten einen gemeinsamen Besetzungstag für ihre jeweiligen Filme. Lucas suchte Darsteller für "Krieg der Sterne", De Palma für seine Adaption von Stephen Kings Debütroman "Carrie". Ihre Idee: Da sie viele junge Schauspieler im selben Alter suchten, konnten sie sich die Tortur der endlosen Vorsprechen auch gleich gemeinsam antun.

Laut Hollywood-Legende pickte sich De Palma die hübsche Carrie Fisher sofort für sein Projekt heraus, und Lucas entschied sich für die Schauspielerin Sissy Spacek als Prinzessin Leia. Aber weil Fisher keine Nacktszenen drehen wollte, die für "Carrie" bereits im Drehbuch standen, hätten die beiden Mädchen einfach getauscht.

Möge die Macht mit ihr sein

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Fisher, Lucas, De Palma und Spacek haben sich dann über die Jahrzehnte einen Spaß daraus gemacht, die Geschichte abwechselnd als wahr und erfunden zu bezeichnen. In einem ihrer neueren Interviews beharrte Fisher darauf, die Story sei ein Publicity-Gag gewesen - "ich hätte mich damals liebend gern ausgezogen!".

Nach den drei ersten "Star Wars"-Teilen war Carrie Fisher Anfang der Achtzigerjahre ein junger Weltstar, der neue Rollen spielen wollte, sich aber von der Sternenkriegssaga nicht lösen konnte. Während beispielsweise ihr Kollege Harrison Ford, mit dem sie damals eine Affäre hatte, wie sie erst kürzlich berichtete, sich vom Image des Han Solo befreien konnte, blieb sie schlicht und einfach: Leia.

Natürlich drehte sie auch weiterhin, hatte kleinere und größere Gastauftritte, im Kino zum Beispiel in "Harry und Sally" und "Hook", im Fernsehen in der Serie "Sex and the City". Aber ihr Kerngeschäft blieb die Sternenprinzessin, von der sie eine Zeit lang stark, dann aber immer weniger distanzierte. Die Sache war natürlich auch ein Geschäft; dass sie wie 2013 in Deutschland nach der Pressekonferenz noch den ganzen Tag Autogramme schrieb, während die Fanschlange vor ihrem Stand einfach nicht kürzer wurde, wird sie sich gut entlohnt haben lassen.

Ob es eine Erlösung war, als die neuen "Star Wars"-Macher um den quirligen Regisseur J.J. Abrams sie anriefen, um sie in ihrer Rolle als Leia aus der Sternenkriegsrente zu holen? Ihr Auftritt in "Das Erwachen der Macht" im letzten Jahr spricht dafür. Sie hat sich etwas Mädchenhaftes und Süffisantes bewahrt über die Jahrzehnte; sie nahm das fiktive Universum ernst und parodierte es zugleich mit einem schelmischen Lächeln, das diese doch sehr bierernste Welt sehr bereichert hat und das dieser Filmserie künftig bitter fehlen wird.

Am Dienstag ist Carrie Fisher im Alter von 60 Jahren an den Folgen eines Herzanfalls, den sie am vergangenen Freitag erlitt, in einem Krankenhaus in Los Angeles gestorben.

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