Zum Tod von Aretha Franklin Songs für Sünder, Suchende und Superheldinnen

Aretha Franklin war mehr als eine Stimme voll dunkelsüßer Gewalt. Und mehr als ihr Überhit "Respect". Eine Auswahl an besonderen Lieblingen.

"Dr. Feelgood (Love Is a Serious Business)" (1971)

Aretha Franklins Stimme ist in all ihrer dunkelsüßen Gewalt und quasi-transzendenten Kraft natürlich nicht genug zu lobpreisen. Aber die Schwelgerei überdeckt immer auch zwei andere Großtalente der Sängerin: Komponieren und Klavierspielen. Deshalb gleich zu Beginn ein Song, der beides in einer urkräftigen Kombination zeigt: "Dr. Feelgood (Love Is a Serious Business)" - in der Live-Version auf dem Filmore-West-Festival in San Francisco (6. März 1971). Eine Aufnahme, die ganz nebenbei auch noch zeigt, wie viele von Franklins Platten entstanden sind, seit Jerry Wexler von Atlantic Records ihr Potenzial nicht nur als Sängerin sondern auch als Komplett-Künstlerin und Band-Leaderin erkannte. Er war es, der sie 1966 in die Muscle Shoals Studios in Alabama brachte, an ein Klavier setzte und die Band anwies, sich ganz dem unterzuordnen, was Franklin tat.

Und was sie da alles tut, bei diesem Konzert. Himmel! Mit welcher Nonchalance und Coolness am Klavier (genauer: am Rhodes) sie diesen Blues in den Raum stellt und ihn mit Licks schmückt und umtänzelt, während Saxofonist King Curtis die Band (übrigens mit den wunderbaren Musikern Billy Preston an der Orgel und Bernard Purdie am Schlagzeug) an ihre Fersen heftet.

Und was das im Übrigen für ein Song ist. Es geht in "Dr. Feelgood" um wenig mehr als den einen Mann, den sie endlich gefunden hat, der - nun, was soll man groß herumtänzeln - im Bett derart gewaltig ist ("Taking care of business is truly that man's gain"), dass sie fürderhin keinen Arzt mehr braucht, der ihr irgendwelche Pillen verschreibt. Dr. Feelgood nimmt ihr bereits alle Ängste. Klingt heute noch beinahe anzüglich? Franklin schrieb den Song 1967 für "I Never Loved a Man The Way I Love You", das Album, das ihr den Durchbruch bringen sollte. Noch Fragen, warum jede Frau, warum quasi jeder gottverdammte Mensch auf der Welt, der sich für irgendeine Minderheit einsetzt, sich direkt oder indirekt auf Franklin beruft?

Jakob Biazza

"Think" (1968)

"You better think (think)/ Think about what you're trying to do to me." Es ist das Jahr 1968. Und eine feministische Pophymne ist in den amerikanischen Top10. Das sind diese Sachen, die nur Aretha hinbekam: "Think" ist so etwas wie ein Geschwisterstück zu "Respect", das bereits 1967 erschien: Im Gegensatz zur berühmten Schwester ist "Think" die politisch viel ambitioniertere. Mit "Respect" hatte sich Aretha einen Song von Otis Redding einverleibt. "Think", das waren ihre eigenen Worte (geschrieben fortschrittlicherweise zusammen mit ihrem Mann). Und plötzlich ging es nicht mehr um das Mindeste, um Respekt, sondern um alles: Freiheit, Freedom, let yourself be free. Es macht etwas mit einer Frau (und vielleicht auch mit einem Mann), wenn Aretha im Refrain singt: "Oh, freedom (freedom), freedom (freedom), Oh, freedom!" In ihrem warmen und wuchtigen Gesang bekommt dieses große Wort eine noch größere Kraft. Ein Gewicht, an dem man sich auch 50 Jahre später noch festhalten kann. Eine mächtige und verbindende weibliche Superpower, die sich wie ein Energiestrahl auf uns überträgt und uns aufrechter durch den Tag gehen lässt.

Annett Scheffel

Respekt!

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"The Dark End of the Street" (1970)

Viele Menschen haben diesen Song gesungen, die bekannteste Version ist vielleicht die von Countryengel Gram Parsons und seinen Flying Burrito Brothers. Aber niemand, wirklich niemand hat die herzverkrampfende und seelenwringende Lust dieser Dunkelheit am Ende der Straße besser zum Strahlen gebracht als Aretha Franklin. Ein Song für Sünder, für die rastlos Suchenden, für die Außenseiter. Geschrieben wurde "The Dark End of the Street" von zwei Soul-Songwritern in einem Hotelzimmer - in etwa 30 Minuten. Ein Witz, eine Fingerübung zweier Vollprofis, denen beim Kartenspielen die Idee kam, den besten Song über das Betrügen zu schreiben. Aretha macht aus einem Lied über Ehebruch einen der verzweifelsten und damit schönsten Lovesongs aller Zeiten. Die Gitarrensaiten hallen in die Leere, Arethas Stimme setzt ein, mit soviel Gravitas, dass sie die Zeit und den Song verlangsamt. Sie dehnt die Sekunden, schafft Platz zwischen den Worten, und in diesen Freiraum kriecht der Schmerz. "I know time is gonna take its toll/ We've got to pay for the love that we stole". Ich weiß, dass es falsch ist. Ich weiß, dass es weh tun wird. Ich weiß, dass ich es trotzdem tun muss. "The Dark End of the Street" erzählt von einer Sackgasse des Lebens. Niemand ist schöner an der Liebe gescheitert als Aretha Franklin in diesem Song.

Julian Dörr

"Share Your Love With Me" (1970)

"Share Your Love With Me" ist der beste unbekannte Song von Aretha Franklin. Eine kleine matt und rotgold schimmernde Perle inmitten all der unzähligen anderen. Es ist mein Lieblings-Soulsong, seitdem ich 13 Jahre war und meine Mutter überredete, mir diese Compilation dort im CD-Regal zu kaufen, die mit dem warm lächelnden Gesicht auf dem Cover. Zusammen mit ihrem samtenen Call-and-Response-Chor singt Aretha hier über die schwierigste und simpelste Sache der Welt: Liebe ist etwas Gemeinsames - etwas, das man nicht für sich behalten darf, das man teilen muss. Ein Thema, das Aretha oft besungen hat, aber nie so schön wie in diesen Zeilen, in denen so viel Zärtlichkeit und pochende Zuneigung liegen. Und diese ruhige, tiefempfundene Selbstgewissheit, die eigentlich immer wichtiger war als ihre Wahnsinnsstimme. Soul, das bedeutete bei Aretha, ihre Seele nach außen, in den Hall ihrer Stimme, zu stülpen. She shared her love with me.

Annett Scheffel

Heilige Wahrheit, namenlose Tragödie

Von Kindesbeinen an hat Aretha Franklin die parfümierte Gospel-Chemie aufgesogen. Später stieß sie allen schwarzen Frauen der Popmusik die Tür zum Erfolg auf. Nachruf von Jonathan Fischer mehr...