Zum Tod von Aretha Franklin Heilige Wahrheit, namenlose Tragödie

Von Kindesbeinen an hat Aretha Franklin die parfümierte Gospel-Chemie aufgesogen. Später stieß sie allen schwarzen Frauen der Popmusik die Tür zum Erfolg auf.

Nachruf von Jonathan Fischer

Es war in der zweiten Märzwoche des Jahres 1967, als das schwarze Amerika zu seiner ureigenen Stimme fand - in einer Popnummer, die scheinbar mühelos das Erbe des Blues, die Erlösungsbotschaft des Gospel und die Energie der Bürgerrechtsdemonstranten kurzschloss: "Die Menschen tanzten auf der frostigen Straße", beschreibt der Soulhistoriker Peter Guralnick die Szene vor einem schwarzen Plattenladen in Boston, nachdem Aretha Franklins Single "I Never Loved A Man" veröffentlicht wurde.

"Sie tanzten alleine oder paarweise und reihten sich vor der Ladentheke ein, um diesen magischen Sound zu erstehen, während die Platte immer wieder aufs Neue lief. Es schien wie der Anbruch eines neuen Milleniums." Keine Frage: Mit Aretha Franklins Gesang war eine Naturgewalt am Werk, ein reißender Strom, dessen Überzeugungskraft sich niemand entziehen konnte. Und "Never Loved A Man" war erst der Anfang, die Debüt-Single ihrer mindestens zehnjährigen Alleinherrschaft als Königin des Soul.

Ach was, Soul. Der Welt, und wenn schon nicht der Welt, dann doch wenigstens des Zeitgeists.

Tatsächlich wirkte Aretha Franklins Königreich schließlich weit über den Pop hinaus: Nur Monate nach dem Debüt brachte die Soulsängerin den Aufbruchsgeist der 60er-Jahre mit sieben Buchstaben kongenial auf den Punkt: "R-E-S-P-E-C-T!" Auch wenn es in dem Song vordergründig um weibliche Selbstbehauptung ging - die schwarzen Jugendlichen, die überall in den Innenstädten "Black Power" skandierten, usurpierten ihn als Botschaft an die Adresse des Mainstream-Amerika.

"Ich und die Mehrheit der Schwarzen", erklärte Franklin damals, "schauen gerade ein zweites Mal in den Spiegel. Wir fangen an, uns zu schätzen, so wie wir sind..., uns in unser natürliches Ebenbild zu verlieben."

Mit der Empathie einer großen alten Seele bündelte sie in der Folge all die Hoffnungen und Ängste des schwarzen Amerika, präsentierte sich in Wickelturban und afrikanischen Roben, während 17 ihrer Songs an die Spitze der Soulcharts schossen und sie gleich acht Mal hintereinander den Grammy in der Sparte "beste weibliche Rhythm'n Blues Sängerin" bekam. Und wie denn auch nicht? Schon die Songtitel sind ja Manifeste: "Think", "Rock Steady", "Young Gifted And Black". Oder "Chain Of Fools" mit seiner prophetischen Zeile: "One of these mornings that chain is gonna break". Eines morgens werden wir die Kette sprengen.

Dazu diese Stimme. Arethas voluminöser, in den tieferen Lagen sinnlich belegter, in den hohen Registern ekstatisch jubilierender Gesang fusionierte eine uralte Spiritualität mit der Sinnlichkeit des Funk. Hatte jemand seit Ray Charles so überzeugend Glaube und Lust, Gebet und Erotik zusammengebracht?

Von Kindesbeinen an hatte die Detroiter Pfarrerstochter die parfümierte, verschwitzte, adrenalinschwangere Gospel-Chemie aufgesogen. Ihr Vater C.L. Franklin galt als einer der charismatischsten Prediger seiner Generation. Wenn er unter dem neonblau leuchtenden Kruzifix über dem Alter seiner New Bethel Baptist Church im "whooping style" nach Luft japste, rief ihm Klein-Retha aus der ersten Reihe ihre "Yes Sirs" und Mylordies zu.

C.L Franklin war damals selbst ein Popstar. Seine Predigtplatten verkauften sich hunderttausendfach. Wenn der "Mann mit der Millionen-Dollar-Stimme" live auftrat, benötigte er eine Schar von Krankenschwestern, um in Trance oder Ohnmacht fallende Zuhörer wiederzubeleben. Berühmte Gospelsängerinnen wie Clara Ward und Mahalia Jackson, ebenso wie der Bürgerrechtsführer Martin Luther King Jr. gingen damals regelmäßig bei den Franklins ein und aus. Der Vater liebte Partys - was ihm unter anderem Strafen wegen Haschrauchens einbrachte. Seine Frau hatte ihn und ihre fünf Kinder verlassen, als Aretha sechs Jahre alt war. Vier Jahre später starb die Mutter.