Zum Tod von Günter Amendt Der Sex und die Sechziger

Sein Aufklärungswerk "Sex-Front" wurde wohl zum wichtigsten Buch der späten siebziger Jahre. Nun starb der Sexualforscher und Soziologe bei einem Verkehrsunfall in Hamburg.

Ein Nachruf von Volker Breidecker

Zu Ostern 1968, als der Sozialistische Deutsches Studentenbund (SDS) nach dem Attentat auf Rudi Dutschke vorübergehend kopflos war, sprang einer in die Bresche: In seinen legendären sonntäglichen "Internationalen Frühschoppen" der ARD hatte der Moderator Werner Höfer den Frankfurter Soziologiestudenten Günter Amendt eingeladen, und es flogen die Fetzen: Der Adorno-Schüler mit lockigem langen Haar und runder Brille - ein Outfit, das er sich bis zuletzt bewahrte - nahm kein Blatt vor den Mund: Er sprach Klartext, kein Parteichinesisch und auch kein Predigtdeutsch, sondern anschauliche und verständliche Sätze, die bei aller Härte in der Sache immer auch Humor verrieten. Solche Talente prädestinierten den im Jahr des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs in Frankfurt am Main geborenen Zwillingsbruder des gleichfalls bekannten Soziologen Gerhard Amendt zum Aufklärer.

"Sex-Front", das vielleicht wichtigste Buch des Popzeitalters: Sexualwissenschaftlicher Günter Amendt schuf ein Standardwerk im Zeitalter der Aufklärung. Nun starb er an einem Autounfall in Hamburg.

(Foto: ZB)

Aufklärung in den sechziger Jahren freilich hieß per definitionem auch Sexualaufklärung, zumal junger Menschen, die Günter Amendt dann mit seinem populärsten Buch "Sex-Front"" - mehr als eine halbe Million Exemplare wurden bis heute davon verkauft - nicht nur lehrte, dass Sex in erster Linie Spass machen sollte, ohne die Zwänge von Institution, aber auch ohne die Zwanghaftigkeit des Suchtverhaltens. Vielmehr erschloss dieses Buch überhaupt erst die jugendliche Sexualität ihrer öffentlichen Behandlung. Das war auch dem Äußeren dieses vielleicht wichtigsten Buchs des Pop-Zeitalters in Deutschland anzusehen: knallgelber Umschlag, kräftiges Papier, farbige Comics und ebenso schöne wie großformatige Fotos, alles vom Autor selbst handverlesen.

Die akademische Karriere hatte Günter Amendt sich damit und mit anderen Veröffentlichungen - wie dem "Kinderkreuzzug oder: Beginnt die Revolution in den Schulen" (1968), einem Versuch, die Studentenrevolte ins Milieu der Gymnasiasten zu tragen - freilich verdorben. Mit seinen Freunden und Mitstreitern Volkmar Sigusch, Martin Dannecker und Reimut Reiche kämpfte der im übrigen bekennende Homosexuelle damals vergeblich um die Einrichtung und Besetzung eines Lehrstuhls für die Soziologie der Sexualität in Hamburg.

Grausamer und makabrer Unglücksfall

Günter Amendt, der 1972 mit einer Studie über das "Sexualverhalten von Jugendlichen in der Drogensubkultur" promoviert wurde, blieb dem akademisch vernachlässigten Orchideenfach Sexualwissenschaft als Autor und Forscher erhalten. Zunehmend verlagerte er aber seine Arbeit und seine Publikationen auf die soziologische Erforschung von Drogensucht und auf das noch immer hochumstrittene praktische Terrain der Drogenpolitik.

Bücher wie "Sucht, Profit, Sucht. Politische Ökonomie des Drogenhandels" (1984), "Die Droge - der Staat - der Tod. Auf dem Weg in die Drogengesellschaft" (1996) sowie "No drugs no future. Drogen im Zeitalter der Globalisierung" (2003) lassen den abschließenden Befund, wer hier süchtig ist und allerhand Drogen bedarf - nämlich eine ganze Gesellschaft - schon in den Titeln erkennen. Durch einen grausamen und makabren Unglücksfall, verursacht ausgerechnet von einem Autofahrer, der sein Fahrzeug unter Drogeneinfluss steuerte, kam Günter Amendt nun am vergangen Wochenende in Hamburg ums Leben.

Zuletzt hatte sich Günter Amendt im Dezember vergangenen Jahres in der Zeitschrift Merkur mit einem fulminanten Beitrag zu den Themen Pädosexualität und sexuelle Gewalt gegen Kinder zu Wort gemeldet - auch dieser Essay war ein Plädoyer für ein höchstes Maß an Vernunft und Offenheit. Nicht nur in dieser Debatte, die uns noch lange beschäftigen wird, wird sein Wort jetzt schmerzlich fehlen.