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Zum 80. Geburtstag:Mehr als nur ein Star

Robert Redford In 'The Great Gatsby'

Außen perfekt, innen unergründlich: Robert Redford war für "Der große Gatsby" (1974) eine ziemlich gute Besetzung.

(Foto: Getty Images)

Robert Redford ist Film-Ikone, Festivalgründer und Hollywoods erster Öko. Die Frauen lieben ihn, doch seine große Liebe ist und bleibt: Amerika. Eine Würdigung zum 80. Geburtstag.

Schon klar, welche Szene Robert Redford berühmt machte: Es ist der Sprung von der Klippe in einen reißenden Fluss, den "Butch Cassidy" und "Sundance Kid" auf der Flucht vor einem Superaufgebot von Sheriffs nur knapp überleben. Paul Newman, der Butch Cassidy spielte, war damals, 1969, schon ein großer Star - als der Film dann in die Kinos kam, wurde Redford im Handstreich ein noch viel größerer, so berühmt und begehrt und verehrt wie kein Hollywood-Schauspieler vor oder nach ihm. Der Mann, den alle Frauen liebten. Dafür war vielleicht die Szene nach dem Klippensprung entscheidender, als die beiden sich bei der Frau von Sundance verstecken, Etta. Sie dachte, ihre beiden Jungs seien tot - Sundance winkt cool ab: Mach keine große Sache draus. Und dann wird der Revolverheld ganz weich, sinkt in ihre Arme und sagt: Mach doch eine große Sache draus.

Fürs Kino, einen Western zumal, war das eine völlig neue Vorstellung von Männlichkeit - vor ihm gab es harte Kerle und Schwächlinge, Sundance aber ist weder das eine noch das andere; sensibel, aber keine Mimose, verletzlich, verführerisch, aber ohne jegliche Macho-Allüren. Die gab es bei Redford nicht, nicht als "Der große Gatsby" (1974) und nicht als Träumer in der Steppe, Denys Finch Hatton in "Jenseits von Afrika" (1985). Das allein war es natürlich nicht, was aus Charles Robert Redford, heute vor achtzig Jahren in Santa Monica geboren, eine Hollywood-Ikone machte. Dass er dann gleich für mehrere Generationen von Frauen der Inbegriff von sexy blieb, hat aber sicher geholfen.

Ein Golden Boy, so ganz und gar amerikanisch, aber immer voller Zweifel

Da war mehr. Ein Gespür dafür, welche Filme in der Retrospektive noch von Gewicht sein werden. "Love Story" lehnte er ab und machte stattdessen in den Siebzigerjahren ein halbes Dutzend Filme, die als Meilensteine des Kinos gelten, obwohl an manche von ihnen kaum jemand glaubte außer ihm selbst. Da ist der Mann in den Bergen, "Jeremiah Johnson" (1972, Regie: Sydney Pollack), der vor den Menschen flieht und sogar in der Wildnis wieder bestätigt bekommt, dass die Hölle immer die anderen sind; die immer wieder zitierte Betrüger-Komödie "Der Clou", wieder mit Paul Newman und dem Regisseur George Roy Hill, diesmal geht es um Ganovenehre im Chicago der Dreißiger.

Und natürlich "So wie wir waren", mit Barbra Streisand als Co-Star und wieder mit Pollack als Regisseur - auch eine Love Story, aber vor dem Hintergrund der Kommunistenhatz in der McCarthy-Ära. Und natürlich, dieser Film ist durch und durch Redfords eigenes Baby, "Die Unbestechlichen" über den Watergate-Skandal. Redford hatte die Washington-Post-Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein schon wenige Wochen nach ihrem ersten Artikel kontaktiert, Ende 1972. Als der Film, in dem Redford Woodward spielt, 1976 ins Kino kam, war Präsident Nixon längst zurückgetreten. Der Film wurde ein Blockbuster und ist einer der Gründe, warum es bis heute nicht in Vergessenheit geraten ist, wie damals die Republikaner den politischen Gegner ausspionierten.

Das rührt dann gleich an einen weiteren Grund, warum Redford so besonders war: ein Golden Boy, so ganz und gar amerikanisch, aber immer voller Zweifel, ein Grübler, immer bereit, die amerikanische Selbstsicherheit tüchtig durchzurütteln. Er spielte ganz normale Männer, die all ihren Mut zusammennehmen, um die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, wie im Thriller "Die drei Tage des Condor". Der Condor arbeitet für die CIA, nur als Bücherwurm, aber als er versehentlich in eine Intrige gerät, bei der es um Ölvorräte geht, riskiert er sein Leben, um sie aufzudecken. Und doch antwortet er, als ein fremder Agent ihm Schutz in Europa anbietet: Ich möchte in keinem anderen Land der Welt leben. Michael Feeney Callan kommt in seiner Redford-Biografie - der einzigen, an der Redford selbst mitgearbeitet hat - zu dem Schluss, die große Liebe im Leben dieses Mannes sei Amerika. Da ist vielleicht was dran. Er ging dauernd mit Amerika ins Gericht, aus Liebe.

Redford verwandelte die kleine unabhängige Filmszene in einen Erneuerungsmotor für das marode Studiosystem

Das Institut und das Filmfestival, die Redford dann auf seinem Land in Utah gründete, Sundance, sind auch so ein liebevoller Verbesserungsvorschlag. Er wollte dort, Anfang der Achtzigerjahre, dem Filmemachen jenseits von Hollywood Auftrieb geben, und verwandelte so die kleine unabhängige Filmszene in einen Erneuerungsmotor für das marode Studiosystem. Die Schwächen im System interessierten ihn auch als Regisseur - in "Quiz Show" (1994) ging es um die Glaubwürdigkeit medialer Inszenierungen, in "Von Löwen und Lämmern" (2007) nahm er die Motive für den Irakkrieg auseinander, in "Die Lincoln-Verschwörung" (2010) sezierte er die Tradition, den Angriff auf den Rechtsstaat damit zu beantworten, dass man den Rechtsstaat außer Kraft setzt.

So gewinnt man, in Amerika zumal, keineswegs jeden Popularitätswettbewerb. Ach, überhaupt: Redford ist der Stammvater aller Hollywood-Ökos, war bereits Umweltschützer, als Leo DiCaprio noch gar nicht geboren war. Er war immer schon da, das macht ihn auch zu einer Zielscheibe der Missgunst. Das lässt sich oft aus Kritik an ihm herauslesen, aus Peter Biskinds gehässigem Buch übers unabhängige Kino beispielsweise, "Down and Dirty Pictures". Perfektion erzeugt Neid. Auch in Hollywood.

"Ordinary People" (1980), Redfords leises, einfühlsames Drama über ein Paar, das den Tod eines Kindes nicht verkraftet, wurde bei den Oscars bester Film und brachte ihm selbst einen Oscar für die beste Regie ein - und vielen in der Filmbranche missfiel es, dass er damit Martin Scorseses "Wie ein wilder Stier" aus dem Rennen warf. Dass 1977 "Rocky" im Ernst über "Die Unbestechlichen" triumphierte, ist eigentlich der größere Skandal. Oder dass Redford für seinen herzzerreißenden Solo-Auftritt in "All Is Lost" 2014 nicht einmal nominiert wurde. Macht alles nichts, Robert Redford wird sowieso unauslöschlich eine Ära verkörpern, die von der Hoffnung geprägt war, die Welt und Hollywood seien mit ein bisschen Engagement noch zu retten. Und wenn es uns zu viel wird mit der Gegenwart und all ihren in Schutt und Asche zerlegten Träumen, dann bieten seine Filme für immer Zuflucht. Man kann mit ihnen einfach abhauen, so wie er es tat 1979 als "Der elektrische Reiter". Der trabt auf seinem Pferd einfach von der Bühne einer albernen Werbeshow in Las Vegas, in die Dunkelheit hinein, bis die Lämpchen an seinem Cowboy-Anzug verglühen.

© SZ vom 18.08.2016/doer
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