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"All Is Lost" im Kino:Der letzte Kampf

Robert Redford in All is lost

Ums Überleben kämpft der Mensch für sich allein: Robert Redford in "All Is Lost"

(Foto: Universal Pictures)

Auf hoher See ist ein einziger Mann den Elementen ausgesetzt. In dem neuen Film "All Is Lost" von J. C. Chandor gehört die Leinwand Robert Redford ganz allein - und der 77-Jährige füllt sie mit allem, was er ist, wofür er steht und was er gespielt hat.

Es gibt eine Macht, die Menschen dazu treibt, sich den schwersten Weg zu erwählen, wo es auch einen leichteren gäbe. So kommt es, dass Menschen Berge erklimmen für nichts als den Stolz, den sie selbst empfinden, ganz allein die Welt umsegeln, oder - so hat es Robert Redford gemacht, als er als Schauspieler schon eine Legende war und als Regisseur einen Oscar gewonnen hatte - ein Festival für unabhängig gedrehte Filme gründen an einem der konservativsten Flecken der USA, um von dort aus das amerikanische Kino zu revolutionieren. Es hätte das Independent-Wunder des amerikanischen Kinos nicht gegeben ohne Redfords Sundance Festival in Utah, wo die Karrieren von Quentin Tarantino, Steven Soderbergh und Robert Rodriguez begannen, und zuletzt die von J. C. Chandor, mit seinem Wall-Street-Thriller "Margin Call".

Chandor, der in fast dreißig Jahren der erste dieser Indie-Regisseure war, der Redford eine Rolle angeboten hat. Er hat sie ihm auf den Leib geschrieben - den Helden in seinem zweiten Film "All Is Lost", ein alter Mann im Kampf gegen die Gewalt des Meeres.

Ein namenloser Segler wacht auf, irgendwo im Pazifik, als ein Container, den ein Frachter verloren hat, sein Boot rammt. Er begegnet dieser Herausforderung stoisch, einfallsreich, kampfbereit - ein großer Segelprofi ist er nicht, aber er weiß sich zu helfen, und bekommt seine Segelyacht wieder einigermaßen wasserdicht. Diese ganze Reise ist für ihn eine Herausforderung, auch eine emotionale, das ist in ein paar Gesten und Worten klar, eine, die er gesucht hat. Das Funkgerät und den Laptop hat das Salzwasser zerstört, ein Sturm wird das Loch wieder aufreißen, und dieser Mann wird immer wieder um sein Leben kämpfen, trotzig, manchmal verzweifelt. Er wird manchmal schreien, sprechen wird er fast nicht - es gibt nur diese eine Person in diesem Film.

Dass Redford dafür einen Darsteller-Oscar verdient hat - er hat einen als Regisseur und einen fürs Lebenswerk -, hieß es schon bei der Premiere bei den Filmfestspielen in Cannes im vergangenen Mai. Zurecht, das ist wohl der Gipfel der Schauspielkunst: ganz allein die Leinwand beherrschen, alles spielen müssen, ohne je etwas mit Worten erklären zu können. "All Is Lost" ist ganz physisch, was jene Kinomagie angeht, die man gerne als Präsenz bezeichnet und als Action - wenn sich Redford, die Leinwandikone, ohne jede Eitelkeit Sturm und Wasser aussetzt, herumgeworfen wird, bis er grün und blau ist, die Stirn voller Blut- in nur zwei Einstellungen ist, so J. C. Chandor, ein Stuntman zu sehen. Das wäre eigentlich für sich genommen schon oscarreif. Zumal Redford immerhin 77 Jahre alt ist.

Was man dann sieht, ist bewegend und spannend - man ist, das gehört bei Redford dazu, in all seinen Filmen, immer auf seiner Seite: Davon lebt diese wortkarge Tour de Force, das macht sie aus. Unterstrichen von ein paar wunderbaren Einfällen, die Chandor hatte - einmal, da ist die Segelyacht schon halb vollgelaufen, wird sich der Mann rasieren, ein letztes Mal: Das ist eine wunderbare Szene, wie sich jemand zur Beruhigung, während es eigentlich nur noch ums Überleben geht, in die Routine flüchtet - und sich ein wenig seiner Würde bewahrt, nur für sich selbst.

Was Redford auf See erlebt, ähnelt dem, was Sandra Bullock im All in "Gravity" durchmacht: Es ist vielleicht kein Zufall, dass zwei Filmemacher, Alfonso Cuarón und Chandor, daran rühren, dass die ständige Kommunikation, die totale Vernetzung der Welt Illusion sind. Ums Überleben kämpft der Mensch für sich allein.

Und wie das ist, wenn sich ein Mensch gegen ein unausweichliches Schicksal stellt, sieht man vielleicht dann am besten, wenn er den Elementen ausgesetzt ist. "All Is Lost" ist ein existentieller Kampf - ein einsamer Mann, von dem man nicht weiß, was ihn in seine Einsamkeit getrieben hat, und doch weiß man immer genug. Da ist nur ein Brief, ein paar Zeilen an seine Familie, man hört seine Stimme ganz am Anfang, wie er diese Zeilen vorliest, und sieht ganz am Ende, wie er ihn schreibt: dass er sie alle geliebt hat, so gut er konnte. Das ist nur deshalb genug, weil Robert Redford diesen Mann spielt, der für sich genommen schon eine Geschichte ist.

Er hat ihn immer wieder gespielt, den Loner, der ganz auf sich gestellt ums Überleben kämpft, und meist um seine Vorstellung von Amerika. Redford füllt die Figur, die Chandor für ihn schuf, mit all den Rollen, die sein Lebenswerk ausmachen, mit allem wofür er steht - die liberale Stimme in allen politischen Kontexten, die Kritik an Hollywood als System, der Öko-Aktivismus, den er schon betrieb, als es noch keinen Namen dafür gab.

Und man vergisst manchmal fast, weil seine größten Auftritte ein wenig in Vergessenheit geraten sind zugunsten seiner erfolgreichsten, dass er einer der ganz großen Hollywoodschauspieler ist: Er beherrscht einen Minimalismus, der nie auf sichtbares Spielen setzt, sondern immer nur auf das Sein, auf große Emotionen, die aus winzigen Gesten entstehen. Den Kampf gegen einen unsichtbaren Goliath hat Redford am großartigsten in Sydney Pollacks "Jeremiah Johnson" (1970) ausgefochten wo er sich, Mitte des 19. Jahrhunderts, ein Leben aufbauen will in der Wildnis; es gibt da eine wortlose Szene, als Jeremiahs Familie umgebracht wurde, und er einfach nur dasitzt, unendlich traurig, bis es dunkel wird - das ist die Vorarbeit zu "All Is Lost".

Damals ging es, letztlich, um ein Gefühl der Ohnmacht im Angesicht einer unübersichtlicher werdenden Welt, ein Hadern mit den grausamen Gesetzen, nach denen sie funktioniert. "All Is Lost", hat der Filmkritiker und Filmhistoriker David Thomson geschrieben, ist eine Reise in die Zeit, als die Filme, die der amerikanische Mainstream hervorbrachte, die besten waren. Was das beste ist, darüber kann man streiten - aber das amerikanische Kino hatte in den Siebzigern immer eine politische Dimension, wies über sich selbst hinaus. Diese einsamen Kämpfe, die Redford ausfocht in den Filmen, die er mit Pollack drehte - auch "Die drei Tage des Condor", in dem er in eine CIA-Intrige hineingerät, gehört dazu -, waren metaphorische politische Auseinandersetzungen, es ging um verlorene Unschuld, den Zusammenbruch eines Wertesystems, an dessen Stelle kein neues trat.

Wie immer sich die Welt seither auch verändert hat, "All Is Lost" ist sich am Ende vielleicht nicht sicher, ob alles verloren ist, aber eines ist gewiss: Die Zerbrechlichkeit des Lebens bleibt in alle Ewigkeit gleich.

All Is Lost, USA 2013 - Regie, Buch: J. C. Chandor. Kamera: Frank G. DeMarco, Peter Zuccarini. Mit: Robert Redford. Square One/Universum, 107 Min.

© SZ vom 08.01.2014/cag

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