Zukunftsvisionen im Kino "Science-Fiction hat mein Denken verändert"

Zukunftsvisionen: In "Minority Report" mit Tom Cruise in der Hauptrolle können Mensche Morde voraussehen.

(Foto: 20th Century Fox)

Alex McDowell wurde als Szenenbildner von "Minority Report" berühmt, gerade hat er am neuen "Star Wars"-Film mitgearbeitet. Ein Gespräch über Fantasie, selbst schnürende Schuhe und den Computerpionier Tom Cruise.

Von Hannes Vollmuth

SZ: Sie haben 2002 für Regisseur Steven Spielberg "Minority Report" entworfen, eine Welt, die 16 Jahre nach dem Kinostart immer noch als visionär angesehen wird. Wie macht man das?

Alex McDowell: Wenn eine neue Welt auf der Leinwand erschaffen werden soll, darf es am Anfang kein festes Drehbuch geben. Das tötet die Vorstellungskraft ab. Bei "Minority Report" hatten wir nur die Kernidee von Philip K. Dick, der 1956 eine Kurzgeschichte geschrieben hat. Es geht um das Jahr 2054, um eine Zukunft, in der die Gesellschaft Verbrechen vorhersehen kann. Das war schon alles. Und dann haben wir mit unserer 2054-Bibel begonnen.

Was war das genau, die 2054-Bibel?

Das war unser Zukunftskatalog. Wir haben uns mit den einflussreichsten Stadtplanern, Zukunftsforschern und Computerexperten der USA zusammengesetzt: mit Neil Gershenfeld, Jaron Lanier und William J. Mitchell von der Elite-Uni MIT in Boston. Wir haben Labore und Institute besucht, Wissenschaftler und Politiker getroffen und tausend Fragen gestellt. Über die Waffen der Zukunft, wie man in fünfzig Jahren Menschen von A nach B transportiert oder das Bildungssystem funktioniert. Mit den Erkenntnissen haben wir dann die 2054-Bibel geschrieben, weil der Film ja im Jahr 2054 spielen soll. Und daraus haben wir die "Minority-Report"-Welt entworfen, aus der Steven Spielberg dann wiederum die Handlung abgeleitet hat.

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Zum Beispiel?

Wir nahmen an, dass im Washington des Jahres 2054 eine große Zahl von Menschen leben wird, weil es dort seit mehreren Jahren keine Morde mehr gegeben hat - dank der Fähigkeit, Verbrechen vorherzusehen. Wegen der Massen an Menschen ist die Stadt gigantisch die Höhe gebaut, weshalb es auch ein neues Transportsystem gibt, das an den Fassaden der Gebäude entlangführt, von oben nach unten und umgekehrt. Und auf dieser Mischung aus Taxi und Aufzug kann man dann einen Kampf inszenieren, den man in den Film einbauen kann. Ich habe also Hand in Hand mit dem Drehbuchautor gearbeitet.

Wieso wirkt "Minority Report" wie eine Zukunftsvorhersage, die immer noch nicht veraltet ist?

Weil wir den Wissenschaftlern gut zugehört und die Ideen konsequent weitergedacht haben. Ein Team von uns kümmerte sich ausschließlich um das Thema Werbung und wie sie uns in Zukunft durch die Stadt verfolgen wird. Oder nehmen wir "G-Speak", das System, das Tom Cruise im Film benutzt - mit Gesten steuert er einen Computer. Das haben wir uns nicht ausgedacht, das hat John Underkoffler vom MIT Media Lab entwickelt.

Es sollen über 100 Patente aus diesem Film hervorgegangen sein. Begegnen Ihnen manchmal Dinge, die eine direkte Folge von "Minority Report" sind?

Das passiert häufig. Die Werbedisplays in diesem Film arbeiten mit Gesichtserkennung, eine Technologie die inzwischen weit verbreitet ist. Und G-Speak gibt es auch schon auf dem Markt. Aus Science-Fiction sind schon immer neue Produkte hervorgegangen. Nike hat vor kurzem sogar eine limitierte Anzahl von selbst schnürenden Schuhe herausgebracht. Solche Schuhe hat man zum ersten Mal gesehen, als sie Michael J. Fox in "Zurück in die Zukunft II" getragen hat.

Wie oft werden Sie inzwischen kontaktiert, wenn es darum geht, eine neue Welt zu entwerfen?

Jeden Tag. Das ist ja mein Beruf. Ich leite das World Building Institute an der University of Southern California in Los Angeles. Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs), politische Institute und Unternehmen kommen auf uns zu. Intel ist einer unserer Kunden, Boeing, Nike. Gerade arbeiten wir mit Ford an der Stadt der Zukunft.

Sehen Sie sich noch als Filmset-Designer?

Nicht mehr ausschließlich. Ich habe zwar gerade am neuen "Star Wars"-Film mitgearbeitet. Aber mich interessieren jetzt die Probleme der echten Welt noch mehr als die Probleme der Filmindustrie, die sich vor allem darum sorgt, dass ein Film am ersten Wochenende gut abschneidet. Die Filmindustrie ist leider ein sehr konservativer Laden. Man bekommt ein Drehbuch vorgesetzt und soll das Design dazu liefern. Aber Filme wie "Minority Report", die uns begeistern und unsere Vorstellung von der Zukunft verändern, entstehen so nicht.

Alex McDowell, 62, leitet er das World Building Institute an der Universität von Southern California in Los Angeles und zählt zu den gefragtesten Männern Amerikas, wenn es darum geht, die Welt von Morgen zu entwerfen.

(Foto: worldbuilding.institute)

Sie haben auch Supermans Heimatplaneten Krypton in "Man of Steel" entworfen, eine Welt, in der sich alles um das S-Symbol dreht, das Superman auf der Brust trägt. Auch für das Design von "Watchmen" waren Sie verantwortlich. Waren Sie schon als Kind ein Science-Fiction-Fan?

Ich wurde auf Borneo in Malaysia geboren, mein Vater arbeitete damals für Shell. Ich hatte in den ersten Jahren überhaupt keine Berührung mit Science-Fiction. Wir hatten damals nicht mal einen Fernseher. Erst als meine Eltern mich nach England auf ein Quäker-Internat schickten, kam ich mit Science-Fiction in Berührung. Die TV-Serie Doctor Who hat mich tief beeindruckt. Und Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" war wie eine Erleuchtung für mich.

Wie entwickelt man in einem Quäker-Internat eine Science-Fiction-Leidenschaft?

Bis ich 18 war, fand mein Leben entweder im Internat im Süden Englands statt, auf 40 Hektar Land, wunderschön, aber kein Kontakt zur Außenwelt. Oder ich war bei meinen Eltern in Indonesien, in einem kleinen Dorf auf Sumatra, das Prabumulih hieß, ein Golfplatz auf der einen Seite und der Dschungel auf der anderen. Auch kein Kontakt zur Außenwelt. Also flüchtete ich mich in meine Fantasie. Im Prinzip mache ich als Designer von Zukunftswelten heute nichts anderes. Ich würde sogar sagen, dass mein Beruf eine direkte Folge meiner Kindheit ist. Science-Fiction hat mein Denken verändert.

Wenn Sie wählen müssten, in welcher Welt würden Sie gerne leben?

Es gibt nicht die eine Welt, in die ich mich immer hineinträume. Das ändert sich mit jedem Projekt. Neben der Stadt der Zukunft habe ich im Moment noch ein zweites Projekt. Mit einem Biologie-Professor bastele ich gerade an einer komplett neuen Welt wie in "Minority Report", nur dass es nicht um Menschen, sondern um biologische Zellen geht. Im Moment bin ich völlig absorbiert von dieser neuen Welt. Ich träume in Molekülen.

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