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Zukunft der Krise:Böse Sterne

Die Voraussagen über den weiteren Verlauf der Wirtschaftskrise haben bestenfalls den Charakter von Ratschlägen. Schlechterenfalls aber handelt es sich um modernisierte Astrologie.

Neulich, der Deutsche Aktienindex ("Dax") war nach langer, langer Zeit wieder einmal jenseits der 6000 Punkte angelangt, ging eine erstaunliche Nachricht durch die Wirtschaftsmeldungen. Die "Kleinanleger", wer immer das sein mag, hätten den Aufschwung der Börsen "verschlafen". Erstaunlich war diese Nachricht vor allem, weil wenige Tage zuvor an denselben Stellen und im selben Ton noch verkündet worden war, die gegenwärtige Wirtschaftskrise werde voraussichtlich die Form eines "W" annehmen, also einem zweiten Tiefpunkt entgegengehen. Aber auch das "L" sei als Gestalt der ökonomischen Entwicklung nicht auszuschließen. Tatsächlich werden die "Kleinanleger" also hellwach und voller Sorge die Kommentare der Wirtschaftsexperten gelesen haben, um sich schließlich, nach langer, zittriger Selbstbefragung zu entschließen, zunächst einmal nichts zu tun - um sich dann, wenige Tage später, von denselben Figuren verhöhnt zu sehen, denen sie gerade noch Vertrauen geschenkt hatten.

Bulle und Bär vor der Daxtafel. Viele Menschen spekulieren, wie die zukünftige ökonomische Entwicklung aussehen wird.

(Foto: Foto: ap)

Was lehrt das? Zum einen, dass der Spekulant nicht nur die Börse beherrscht, sondern auch das Nachdenken über die Börse. Dabei tut er, was er immer zu tun trachtet: nämlich auf einen Fortgang der Dinge zu spekulieren, den er in Gestalt seiner Spekulationen selbst hervorbringen will - um dann, vor allen anderen, selbstverständlich, das nächste Neue zu produzieren. Zum anderen aber, dass sich am überlegenen Selbstbewusstsein der Ökonomen auch dann nichts ändert, wenn sie vom Lauf der Dinge nunmehr beinahe täglich eines Besseren belehrt werden. Und zum dritten: dass eben dieser Lauf der Dinge in den vergangenen Jahren so unüberschaubar, so unvorhersehbar geworden ist, dass man sich - außer auf die offenbar institutionell gesicherte Arroganz der Ökonomen - auf nichts mehr verlassen kann.

Der Berliner Literaturwissenschaftler Joseph Vogl hat in seinem Aufsatz "Die voranlaufende Verpfändung der Zeit", einem für diese Zeitung geschrieben Essay (17. Oktober 2009) erklärt, woran das liegt: Die Finanzwirtschaft habe ihr Prinzip, mit nur erst versprochenen oder erwarteten Erträgen, Wertentwicklungen und Finanzierungslücken zu handeln, also mit dem Morgen ihr Geschäft zu machen, nunmehr so weit vorangetrieben, das sich die Ungewissheit dieser Zukunft potenziert habe. Und zwar dadurch, dass diese Ungewissheit zunehmend in die Gegenwart zurückwirke, ja deren Verlauf bestimme.

Denn hatten "sich moderne Vorsorgegesellschaften einmal über die Verwandlung von Gefahren in Risiken und über die Bändigung des Zufalls formiert, so ist nun das Zufällige, die Gefahr, ein ungebändigter Ereignissturm in die Mitte der Gesellschaft zurückgekehrt". Anders gesagt: die Zukunft, in der jede Spekulation zu Hause sein muss, ist, nachdem sie sich lange immer weiter in die Zukunft ausgedehnt hatte, ist in der Zeit zurückgewandert und hat die Gegenwart unterhöhlt. Dass man nicht weiß und nicht wissen kann, welchen Wert eine Sache oder eine Handlung in Zukunft haben wird - dieses Risiko ist zur Ungewissheit darüber geworden, welchen Wert eine Sache oder Handlung in der Gegenwart besitzt. Der Schein, es gebe ein zumindest halbwegs nachvollziehbares Verhältnis zwischen dem Wert und dem Preis einer Ware, ist damit als Illusion enttarnt.

Was bleibt dann aber vom alten Glauben, das eigensinnige, auch irrationale Verhalten von einzelnen, jeweils souverän agierenden Menschen bringe, wie durch eine unsichtbare Hand geführt, die Rationalität eines ökonomischen Systems hervor? Offenbar gar nichts, weshalb die Voraussagen über den weiteren Verlauf der Wirtschaftskrise bestenfalls den Charakter von Ratschlägen besitzen - weil der Ratschlag ja keine Gewähr kennt und deshalb die gewöhnliche Form des Umgangs mit unbeherrschten oder gar unbegriffenen Gewalten ist. Schlechterenfalls aber fallen diese Voraussagen in den Bereich einer modernisierten Astrologie, deren Technik Joseph Vogl als "effizient chaotisch", "allwissend ignorant" und "regelhaft aleatorisch" beschreibt. Wenn die Unternehmensberatung Roland Berger in einer in diesen Tagen erschienenen Broschüre über "Innovation in der Krise" eine "Philosophie der Herausforderung" durch systematische Provokation fordert, ist damit genau diese Art von weltlicher Astrologie gemeint.

Lesen Sie auf Seite 2, warum der Kern der Krise systematisch verfehlt wird.

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