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Zerstörungen in Palmyra:Wie die Politik das Kulturerbe Syriens retten will

Im Mai wurde Palmyra durch russische und syrische Truppen von den IS-Milizen befreit: Erste Besucher in der Ruinenstadt.

(Foto: Louai Beshara/AFP)

In Berlin beraten Experten aus der ganzen Welt über die Rettung Syriens - mit den Mitteln der Kultur. Symbolisch dafür steht die beschädigte Ruinenstadt Palmyra.

Von Lothar Müller

Ein Friedensschluss in Syrien ist nicht in Sicht. Vor diesem Hintergrund beginnt an diesem Donnerstag im Weltsaal des Auswärtigen Amtes in Berlin das "Internationale Expertentreffen zum Erhalt des Kulturerbes in Syrien". Eingeladen haben die Generaldirektorin der Unesco, Irina Bokova, und die Sonderbeauftragte für das Unesco-Welterbe im Auswärtigen Amt, die Staatsministerin Maria Böhmer. In einer Chiffre verdichtet sich das Thema der Konferenz: Palmyra, Weltkulturerbe, Zerstörungsopfer und Kriegsgebiet, auch nach der Vertreibung der Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates.

Etwa 170 Archäologen, Altertumswissenschaftler, Denkmalpfleger, Architekten, Städteplaner, Museumskuratoren aus 25 Ländern sind angekündigt, unter ihnen viele Syrer. Es wird darum gehen, Wissen über Zerstörungen zusammenzutragen, die Träger des Wissens zu vernetzen, Technologien der Bestandsaufnahme, Archivierung und Erhaltung mit Strategien der Rekonstruktion zu verbinden.

Viele Syrer reisen aus Ländern an, in denen sie Zuflucht gefunden haben, andere kommen aus Syrien selbst wie der Leiter der syrischen Antikenbehörde, Mamun Abdul Karim. Er hat es geschafft, dass im Nationalmuseum von Damaskus Tausende Objekte aus Provinzmuseen zusammengeführt wurden, um sie vor Plünderungen zu schützen, darunter 40 000 mit Keilschrift beschriebene, sehr empfindliche Tontafeln. Deren Lagerung, Konservierung und Erschließung könnten eines der Fachthemen auf der Konferenz sein, im Dialog der Syrer mit Experten aus dem Berliner Museum für Islamische Kunst oder dem Deutschen Archäologischen Institut.

Aber das Fachliche allein ist nicht das Entscheidende. Sondern der Umstand, dass der Leiter der syrischen Antikenbehörde an einem Ort sprechen wird, an dem die Devise gilt, dass die deutsche Außenpolitik eine Nachkriegslösung in Syrien mit dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad für "schwer vorstellbar" hält. Und dass neben ihm Experten aus der Türkei sitzen werden. Vor der Tagung sprach Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, in der FAZ von der "Berliner Syrien-Konferenz", auf der es nun um eine "langfristige Strategie" gehen müsse, um eine "Road Map" für Syrien.

Die deutsche Gelehrtenrepublik ist älter als der Nationalstaat und hat viele Krisengebiete erforscht

In solchen Anspielungen auf die politische Rhetorik der Krisenlösungen im Nahen Osten zeigt sich die Hoffnung, von der diese Kultur-Konferenz getragen ist: dass der internationalen Gelehrtenrepublik in ihrer Sphäre gelingen kann, woran die politische Diplomatie auf ihren Treffen so häufig scheitert. Diese Hoffnung hat tiefe Wurzeln. Die kosmopolitische europäische Gelehrtenrepublik ist älter als die Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts, sie hat seit der Frühen Neuzeit in den heutigen Krisengebieten des Nahen Ostens die Architektur und bildende Kunst der alten Kulturen erforscht, in Bücher und Bilder geholt, auch in Privatsammlungen, die später in die großen öffentlichen Museen eingingen. Nicht erst seit der napoleonischen Ära war die Gelehrtenrepublik ein Wissens-Pool auch über Kunstraub und Kulturzerstörung. Ihre Bindungen an den Raum, für den "Palmyra" steht, sind eng.

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