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Yerebatan-Zisterne in Istanbul:Kopfüber in die Nacht

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Medusakopf in der Yerebatan-Zisterne in Istanbul.

(Foto: imago stock&people/imago/Westend61)

James Bond fand sie atemraubend, Millionen Touristen auch: die anderthalbtausend Jahre alte Zisterne von Istanbul. Doch um ihre Rettung vorm Einsturz ist ein hässlicher politischer Streit entbrannt.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Natürlich, auch er war hier. "Bond, James Bond" und so weiter, 007 adelte immer schon jeden Ort. In "From Russia with Love" lässt sich Sean Connery über einen See mit einem unterirdischen Wald antiker Säulen rudern, tote Ratten treiben im Wasser. Bond macht ein paar sinnige Bemerkungen - "Really?" - und verschwindet an der Rückwand der Zisterne in einem Geheimgang, um brustbehaart und smart wie immer Jagd zu machen auf schöne Frauen und eine sowjetische Dechiffriermaschine, in genau dieser Reihenfolge.

Es ist ein Schicksal berühmter Orte, berühmteren Charakteren als Kulisse zu dienen. Der "im Boden versunkene Palast" in Istanbul, direkt gegenüber der Hagia Sophia und der Blauen Moschee, muss ein Traum für jeden Regisseur sein. Ein Raum tief unter der Erde, die Decke getragen von 336 antiken Säulen, an zweien starren wirrlockige Medusenhäupter. Dieser "Yerebatan Saray" stammt aus dem sechsten Jahrhundert, er diente als Wasserspeicher für den Palast von Kaiser Justinian, dem Byzantiner, auf den auch die Hagia Sophia zurückgeht. Prosaisch betrachtet ist er ein steinerner Kanister für 80 000 Kubikmeter Trinkwasser, Jahrhunderte lang wurde er gespeist aus unterirdischen Quellen und überirdischen Aquädukten. Bis zur Schließung wegen Corona hat man ihn golden ausgeleuchtet. Eine Muss-Attraktion also für Bond und alle Istanbul-Touristen.

Die Säulen der Zisterne tragen ihre Last seit mehr als 1500 Jahren. Bei einem schweren Erdbeben Ende des 19. Jahrhunderts stürzte ein gutes Dutzend von ihnen um, doch blieb der Untergrundpalast gut gehalten. Er hat den Untergang von Byzanz überstanden, das Ende des Osmanischen Reichs und die Ausrufung der Republik durch Atatürk, dazu mehrere Militärputsche und die schleichende Ent-Atatürkisierung des Landes durch den aktuellen Staatschef Recep Tayyip Erdoğan.

Dennoch droht der Zisterne heute Gefahr: Es sei nur eine Frage der Zeit, dass Istanbul von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht werde, da sind sich die meisten Fachleute einig. Im nahen Marmarameer verläuft die Verwerfung zweier Kontinentalplatten, die Bruchlinie zieht sich quer durch die Türkei, fast täglich bebt es irgendwo im Land. Mit einer wirklichen Katastrophe und Zehntausenden Toten wird im Lauf der kommenden Jahre gerechnet: Mit einem Beben der Stärke sieben und mehr, mit dem Epizentrum im Marmarameer, vor den alten Stadtmauern der 16-Millionen-Stadt Istanbul. Wann es so weit sein wird - das weiß niemand.

Die acht Meter hohen Säulen der Zisterne, die sich schon im sechsten Jahrhundert durch hölzerne Streben zwischen den Kapitellen gegenseitig Halt gaben, könnten ein schweres Beben kaum überstehen: Die Balken wurden zwar vor Jahrzehnten durch Eisenträger ersetzt, doch sie rosten seitdem vor sich hin. Oktay Özel, der sich für die Istanbuler Stadtverwaltung um die Zisterne kümmert, will rostfreie Stahlstreben zwischen den Säulen einziehen, an deren Enden "eine Art Stoßdämpfer" die Wucht eines Erdbebens abfedern soll: "Die Zisterne ist Weltkulturerbe, hier darf nichts schiefgehen."

Das klingt gut, kostet mit umgerechnet zwei Millionen Euro und vier Monaten Arbeit vergleichsweise wenig Geld und Zeit. Es wird aber wohl vorerst nicht geschehen: Istanbuls Bürgermeister Ekrem İmamoğlu ist einer der Vorzeigepolitiker der Opposition, Präsident Erdoğan gönnt ihm keinen noch so kleinen Erfolg. Wohl nicht einmal bei der Zisterne, denn spätestens 2023 wird gewählt in der Türkei. Weshalb die Zustimmung eines Rats für kulturelle Fragen, ohne den die Installation der Stoßdämpfer nicht beginnen kann, aussteht.

Umgekehrt nutzt Oppositionspolitiker İmamoğlu jede Gelegenheit, den Staatschef für was auch immer - mal zu Recht und mal zu Unrecht - verantwortlich zu machen. Was das Schicksal des 1500 Jahre alte "unterirdischen Palasts" angeht, ließ er erklären: "Die Renovierung der Zisterne kann keine Minute länger warten."

© SZ/beg
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