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Türkei:Am Faden Gottes

Die zur Moschee gemachte Hagia Sophia in Istanbul.

(Foto: Ozan Kose/AFP)

Erdoğan hat die Hagia Sophia und die Chora-Kirche zu Moscheen umgewandelt. Die Unesco will prüfen, ob das zu Schäden an den Bauten geführt hat. Bisher ist davon wenig zu sehen.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan ist als Trouble-Maker bekannt. Er lässt keine Gelegenheit aus, irgendwen irgendwo irgendwie zu provozieren. Selten aber hat Erdoğan so viel Aufsehen erregt wie im Juli, als er vor laufenden Kameras auf dem Boden der Hagia Sophia saß, aus dem Koran zitierte und die 1500 Jahre alte byzantinische Kirche bei einem ersten Freitagsgebet in eine Moschee umwandelte. Die christliche Welt schrie auf, der Papst und die Patriarchen protestierten, Kunsthistoriker waren entsetzt. In der muslimischen Sphäre hingegen gab es viel Zustimmung.

Das Ganze war ein gezielt inszenierter Rummel, durch den sich Erdoğan weltweit als Islamist oder zumindest als frommer Führer der Muslime gerieren konnte. Danach fiel kaum noch auf, dass einen Monat später eine weitere weltberühmte Kirche auf der Grundlage eines Gerichtsurteils vom Museum zum islamischen Gebetshaus wurde: die Istanbuler Chora-Kirche aus dem 14. Jahrhundert, berühmt für ihre Mosaiken und Fresken. Neben der politischen Geste Erdoğans, sich bei jeder Gelegenheit auf Sultan Fatih, den Eroberer Konstantinopels und Bezwinger der Christen im 15. Jahrhundert, zu beziehen, erregte Sorge, dass die zwei früheren Kirchen für die Nutzung als Moscheen baulich verändert und die Fresken und Mosaiken wegen des islamischen Bilderverbots abgedeckt werden und so Schaden nehmen könnten.

Jetzt, fast ein halbes Jahr später, hat sich die Unesco zu Wort gemeldet: Sie will zum Jahresanfang einen Fachmann nach Istanbul schicken, der den Zustand der Kirchen, die in den vergangenen einhundert Jahren als Museen genutzt wurden, "auf Eingriffe und mögliche Veränderungen" überprüfen soll. Besonders genau wird er sich die Hagia Sophia ansehen, die auf der Weltkulturerbeliste steht. Was die Veränderungen angeht, so könnte der Unesco-Experte angenehm überrascht werden: Sie halten sich bisher im Rahmen. Für das erste Gebet wurde die Hagia Sophia zwar mit einem Teppich ausgelegt, den der Staatschef angeblich selbst ausgesucht hat und der die Anmutung von Kunstrasen-Meterware aus dem Baumarkt verbreitet. Mit dem Teppich geht das wichtigste Merkmal der früheren Krönungskirche der Byzantiner verloren: das perfekte Zusammenwirken von Raum, Material, Licht und Klang. Die Hagia Sophia ist berühmt für die Schwerelosigkeit, mit der die gewaltige Kuppel "wie am Faden Gottes" über dem Innenraum ruht, für die Wirkung des Lichtes, das durch die Fenster fällt, für die Akustik mit ihrem dutzendfachen Nachhall. Doch der Teppich ist keine Veränderung am Gebäude - er lässt sich wieder einrollen.

Ansonsten halten sich die Schreckensmeldungen im Rahmen. In der Hagia Sophia sind die meisten Fresken wieder zu sehen. Nur das große Marienbild über der Apsis ist weiterhin mit lose flatternden Tüchern verhängt, damit die Gläubigen beim Gebet das Gesicht der christlichen Gottesmutter nicht ansehen müssen. Der Andrang der Gebetstouristen lässt nach, unter der Woche kommen vor allem herkömmliche Besucher. Für die Betenden ist ein kleines Areal abgetrennt, ein paar Hodschas studieren dort den Koran. Und die Chora-Kirche, in der die Gläubigen doch wieder beten sollten? Wird erst einmal renoviert - auf unbestimmte Zeit.

© SZ/jhl
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