Werner Herzog zum 70.:Atem der Gefahr

Sein Tatendrang ist vehement, seine Filme zielen aufs Ende der Welt. Jetzt feiert Filmemacher Werner Herzog seinen 70. Geburtstag - und setzt noch immer alles daran, seinen Kollegen zu zeigen, mit welch winzigem Budget er einen dreckigen kleinen Film drehen kann.

Fritz Göttler

Das Inszenieren mag er überhaupt nicht. Die Menschen wirken wie Eindringlinge in seinen Filmen, als hätten sie sich in die Einstellungen hineingedrängt und fänden nun keinen Weg mehr hinaus. Sie sind sich selber fremd, und das ist jene Fremdheit vom Beginn der Kinogeschichte, die in den allerersten Filmen die Zuschauer verwirrt und erschreckt haben muss, als sie diese grauen, stummen Gestalten über die Leinwand hasten sahen.

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Werner Herzogs Forscherdrang ist legendär - seine Filme zielen ab auf das Ende der Welt, in zeitlicher wie räumlicher Hinsicht.

(Foto: AFP)

Phantomfremdheit, die vertrieben werden sollte durch Exaltation und Ekstase, eine Übung, die vor allem Klaus Kinski perfekt beherrschte, mit dem Werner Herzog fünf Filme machte. Er ließ ihn gern Männer spielen, die es der Welt zeigen wollten, dominieren mit ihren überzogenen Posen. Die große Oper machen wollten mitten in der Wirklichkeit. Caruso hören im Opernhaus von Manaus, ein Schiff durch den Dschungel über einen Berg ziehen, wie Brian Sweeney Fitzgerald es tat, den die Indios Fitzcarraldo nannten, im gleichnamigen Film.

Den Amazonas hochfahren, um das sagenhafte Eldorado zu finden, wie der spanische Feldherr Aguirre, im gleichnamigen Film von 1972 - das war 1972, ein paar Jahre bevor Coppola seine Vietnamkämpfer durch seine "Apocalypse Now" schickte. Werner Herzog gehörte zu den Filmemachern und Intellektuellen, die Coppola in den Siebzigern auf seinem Landsitz bei San Francisco versammelte in eine zeitentrückte Sommerkolonie.

Es hat Herzog nicht lange gehalten in solchen Residuen und Residenzen, sein Forscherdrang ist legendär. Seine Filme zielen ab auf das Ende der Welt, in zeitlicher wie räumlicher Hinsicht. Von der Geschichte interessieren ihn vor allem jene Bereiche, in denen nicht der Mensch im Mittelpunkt steht, der ausbrechende Vulkan La Soufrière, die brennenden Ölfelder von Kuwait, die Untereiswelt der Antarktis, die Chauvet-Höhlen mit ihren über 30.000 Jahre alten Felsmalereien.

"Herbert legt mir die Karten. Es ist The Devil dabei."

Im November 1974 macht er sich auf einen Marsch nach Paris, in dem er von Regen- und Schneeschauern vorangetrieben wird. Ein Gewaltmarsch, er soll verhindern, dass die schwerkranke Lotte Eisner tatsächlich stirbt - die letzte Überlebende der großen Kinozeit, die nun Patronin war für das junge deutsche Kino. der Sechziger. "Vom Gehen im Eis" heißt das Buch mit Aufzeichnungen von dieser Tour, es wurde eben wiederveröffentlicht (bei Hanser).

Einen ersten Zwischenstopp gab es im Krankenhaus Pasing, wo Herbert Achternbusch lag, der für ihn das Script zu "Herz aus Glas" schrieb, über den bayerischen Seher Hias. "Herbert legt mir die Karten, ganz winzige, so groß nur wie ein Daumennagel, zwei Reihen zu je fünf, weiß aber nicht, wie zu deuten, weil er das Blatt mit den Lösungen nicht findet. Es ist The Devil dabei und in der zweiten Reihe The Hanged Man, umgekehrt aufgehängt."

Der Schwung, den er entwickelt, um sich selbst in Fahrt zu bringen, kann einen manchmal gewaltig nerven, und inzwischen, seit er München verlassen und sich in L.A. angesiedelt hat, ist ein richtiger Drive daraus geworden. Noch immer will er es uns und den Kollegen zeigen, wie schnell und mit welch lächerlich kleinem Budget man heute einen dreckigen kleinen Film drehen kann - und sogar Nicolas Cage oder Willem Dafoe machen mit, in "Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans" oder "My Son, My Son, What Have Ye Done".

Nicht Action, sondern Aura

Das Leben der Forscherin Gertrude Bell will er nun verfilmen, mit Naomi Watts und Robert Pattinson als T. E. Lawrence. Mit dem er wieder zurückführt zu den Traumverlorenen der frühen Filme, dem Bildschnitzer Steiner auf seinen wahnwitzigen Skisprung-Höhenflügen, dem tollen Invaliden in "Lebenszeichen", dem schüchternen Jonathan Harker im Nosferatu-Remake - mit Kinski als Vampir -, der mit seiner Frau - Bruno Ganz und Isabelle Adjani - am Meer entlangspaziert, als wären sie Fremde in ihrer eigenen Geschichte. Die horizontale Erzähllinie, sieht man hier in jeder Einstellung abgelenkt ins Vertikale, in eine Reflexion über die Bilderwelt des großen Vorbilds Murnau.

Nicht Action, sondern Aura, Geschichtenerzählen ist nicht sein Ding - wie etwas seinen Anfang nimmt und mit welcher Logik es auf ein Ende zuläuft. Herzog mag Bewegung an sich, so was wie das Rätsel um Kaspar Hauser, dem er sich widmet in "Jeder für sich und Gott gegen alle". Einer, der aus dem Dunkel kommt, keine Herkunft und keinen Ursprung hat, der ein paar Jahre unter den Menschen weilt und dann von einem geheimnisvollen Fremden niedergestochen wird. "Hias sagt, er sehe bis ans Ende der Welt. Wir seien dicht am Atmen von dem, was man Gefahr heißt", liest man im Buch "Vom Gehen im Eis". Einen Extremfilmer hat man Herzog gern genannt, verrückt auf Abenteuer. Aber er kennt die Risiken genau, fordert das Schicksal nicht sinnlos heraus, wie Timothy Treadwell es tat, der in Alaska von den Grizzlys verschlungen wurde, an die er immer näher heranrückte. Nein, Werner Herzog ist cool. Einer der letzten Professionals.

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