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Serie "Welt im Fieber": Brasilien:Uns bleibt nur, auf die Impfung zu warten

A woman holds a Brazilian flag with black crosses painted on to remember victims of covid-19, while participating in a

Die Kreuze auf der brasilianischen Flagge sollen an die vielen Corona-Toten erinnern, die das Land bereits zu beklagen hat.

(Foto: imago images/Agencia EFE)

In Brasilien aus dem Haus zu gehen kann fatal sein. Denn hier setzt man noch immer auf Herdenimmunität und das wirkungslose Medikament Chloroquin.

Mehr als tausend Tote pro Tag. Die aktuellen Zahlen bestätigen: Brasilien ist wirklich eine internationale Schande. Hier ist ein Epizentrum der Pandemie und die Zahl der Infizierten steigt weiterhin in fast allen Teilen des Landes. Und während die Behandlung mit Chloroquin und Hydrochloroquin schon vom Rest der Welt offiziell verworfen wurde, ist sie in Brasilien offiziell geltende Politik. Kostenlos und in öffentlichen Krankenhäusern verfügbar.

Uns bleibt nur, auf die Impfung zu warten. Und wir müssen dafür kämpfen, dass sie dann kostenlos im öffentlichen Gesundheitssystem verfügbar ist. Als ein Recht für alle, so wie jetzt das Chloroquin. Solange dies nicht passiert bleiben wir in diesem nicht endenden Albtraum hängen. Voll von Kadavern, Waffen und Symbolen des Todes.

In diesem Albtraum sterben weit mehr Schwarze, Indigene, Arme oder Menschen mit Vorerkrankungen, Übergewichtige und Alte. Außerdem ist die psychische Gesundheit der Brasilianer generell kolossal angegriffen. Viele vertreten immer noch die patriotische Idee, Herdenimmunität entstehen zu lassen. Sie glauben, sich anstecken zu dürfen, kämpfen zu müssen, für die Freiheit. Ich weiß, dass das kein rein brasilianisches Problem ist. Aber hier erreicht es eine kontinentgroße Dimension. Es kann passieren, dass die Zahl der Toten in Brasilen höher steigt als in den USA. Unter den Betroffenen werden auch die Ureinwohner Brasiliens sein: die Indigenen, die in ihren Reservaten immer noch versuchen, das Amazonasgebiet zu schützen.

Während Politiker von Herdenimmunität reden, sterben Menschen

In Joinville, die Stadt hat 600.000 Einwohner, hat sich der Präfekt Udo Döhler vergangene Woche in der Presse explizit für eine Masseninfektion ausgesprochen. Wohl gemerkt, er ist der Präfekt der größten Stadt im Bundesstaat Santa Katharina und er sagte am vergangenen Mittwoch: "Es ist essentiell, dass dieses Virus die ganze Population erreicht, um Antikörper zu produzieren (sic!). Denn wir wollen erreichen, dass gefährdete Personen, etwa über 60-Jährige, Schwangere oder andere Geschwächte, besser geschützt werden können. Dies ist unser Versuch zu erreichen, dass es möglichst wenige Tote unter diesen Risikogruppen gibt, denn Menschen, die jünger als 60 Jahre sind sterben ohnehin nicht durch das Virus."

Die Reaktion auf seine Rede kam prompt, besonders von Medizinern. Zwei Ärzte, einer 44 Jahre alt, der andere 56, waren da schon durch das Covid-19-Virus gestorben. Wie kann jemand die Herdenimmunität beim derzeitigen Verlauf der Pandemie noch verteidigen? Da wir doch schon wissen, dass diese Politik jedes einzelne verlorene oder durch das Virus stark betroffene Leben ignoriert, um "Antikörper zu produzieren"?

Und während diese Diskussion läuft wird die Zahl der Infizierten nicht sinken, sondern steigen. Ebenso wie die Zahl der Toten. Ohne Massentests werden wir niemals wissen, wie viele Personen infiziert sind und wie viele genesen.

In der Hauptstadt unseres Bundesstaates dagegen gibt es Massentests und die Ergebnisse werden nach Stadtteilen aufgeschlüsselt. Dort sinkt die Sterberate. Florianópolis ist ein Beispiel für ganz Brasilien.

In Brasilien aus dem Haus zu gehen, kann fatal sein

Aber hier in Joinville verlasse ich das Haus seit dem 13. März nicht mehr. Letzten Mittwoch musste ich raus. Ich tat dies sehr vorsichtig. Aber für jede Person mit Maske sah ich mindestens fünf ohne Schutz. In dem Laden, den ich besuchte, lief die Geschäftsführerin ohne Maske umher. Sie redete viel und trank dabei Mate, eine Art Tee, den man durch einen Strohhalm aus Metall trinkt. Eine Tradition der Viehzüchter hier im Süden Brasiliens.

Mich hinterließ diese Situation sehr angespannt. Diese Anspannung, stelle ich mir vor, kann anderswo geringer sein wenn man aus dem Haus gehen muss. In einem Land, wo jeder seine Rechte und Pflichten wahrnimmt. Wie das in Uruguay passiert. Oh Uruguay, Argentinien, Neuseeland, Australien! Neid!

Aber in Brasilien aus dem Haus zu gehen kann unvorhersehbar und fatal sein. Etwa 30 Prozent der Bevölkerung glaubt den absurdesten Fake News, wie etwa durch das Tragen einer Maske eine Kohlenstoffdioxidvergiftung zu riskieren. Oder dass die Behandlung mit Chloroquin funktioniert. Natürlich muss man sich fragen, wem es nützt, eine derart große Zahl an Fehlinformationen zu verbreiten. Wir checken die Fakten mit aller Kraft - während wir auf den rettenden Impfstoff warten.

Katherine Funke, geboren 1981, ist brasilianische Schriftstellerin und Gründerin des Verlags Micronotas. Aus dem Portugiesischen von Michaela Metz.

© SZ

Katherine Funke aus Brasilien, Felwine Sarr aus dem Senegal, Khaled al-Khamissi aus Ägypten, Kristen Roupenian aus den USA, V. Ramaswamy aus Indien, Zukiswa Wanner aus Kenia und Sayara Murata aus Japan. Literaten aus verschiedenen Ländern führen eine globale Chronik.

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