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Klassik:Das Paradies ist verloren

Vladimir Jurowski

Ein mit einfachsten Bausteinen beglückt spielender Intellektueller und Musiker: Vladimir Jurowski bei seinem Auftritt in München.

(Foto: Wilfried Hösl)

Vladimir Jurowski, designierter Musikchef der Bayerischen Staatsoper, überzeugt bei seinem ersten Akademiekonzert mit Mozart und Bruckner.

Von Reinhard J. Brembeck

Erst als Vladimir Jurowski durch den nicht nachlassenden Beifall des Publikums ein drittes Mal auf die Bühne des Münchner Nationaltheaters gerufen wird, entfährt ihm ein kurzes und ungläubiges Lächeln. In diesem Moment muss der elegant und imperial auftretende Dirigent festgestellt haben, dass ihn das Münchner Publikum nicht nur achtungsvoll bejubelt, sondern ihm eine Liebeserklärung macht. Was kein Zufall ist. Jurowski, 47 Jahre alt, in Moskau geboren als Sohn des Dirigenten Michail Jurowski, wird in eineinhalb Jahren der Musikchef der Bayerischen Staatsoper und damit Nachfolger des gleichalten Kirill Petrenko, der gerade Chef der Berliner Philharmoniker geworden ist. Doch es trennen Welten diese beiden Musiker.

Wo sich Petrenko mit einer erschreckenden Leidenschaft in die Musik stürzt und sie bis über den Siedepunkt erhitzt, da bleibt Jurowski selbst in den lautesten und tobendsten Momenten von Anton Bruckners dritter Sinfonie distanziert überlegen. Er lässt seine Musiker toben und dröhnen, er selbst hält sich als Zeremonienmeister zurück. Anleiten und Lenken, Aufmerksamkeit, Detailverliebtheit, Analytik und Tiefblick sind die Eigenschaften dieses Musikers, der damit an den oft als kühl gescholtenen Lorin Maazel erinnert. Doch obwohl Jurowski sich nie verausgabt, bringt er Musik und Musiker zum Glühen.

Schon für Bruckner waren Ganzheitlichkeit und Paradies längst verloren

So bietet er eine frappierende Synthese aus Sinnlichkeit und Intellektualität, aus Gefühlstiefe und Strukturalismus, aus Magie und Handwerk. Jurowski überrumpelt nicht, er verführt auch nicht. Er bietet auch keine verblüffenden Neudeutungen, sondern belebt selbst die konventionellsten Begleitfloskeln in Wolfgang A. Mozarts "Sinfonia concertante". In der Bruckner-Sinfonie, er spielt die mittlere der drei Fassungen, versucht er nie, das Brüchige, Unglückliche, Unabgeschlossene einzuebnen oder zu übersteigern. Jegliche esoterische Sinnsuche ist ihm fremd.

Stattdessen erhebt sich Bruckner als ein Schuttberg aus lädierten schönen Momenten, ins Absurde übersteigerten Triumphgesten, knarziger Bierhausfolklore und in den Bankrott getriebener Kontrapunktik. Das Stück ist bei Jurowski Abbild der heutigen Welt, in der Schönheit, Ganzheitlichkeit, Integrität und Glaubwürdigkeit nur mehr versehrt als Fragmente oder in der Erinnerung existieren. Weil Klimawandel, Politpotentaten, Überwachungswahn und die zunehmende Armut all diese überkommenen Normen zunehmend schleifen. Solche Assoziationsketten vermag Jurowski auszulösen. Gleichzeitig gibt er die Antwort darauf, warum Bruckner die einst bei Joseph Haydn so knappe, übersichtliche und geschlossene Sinfonie durch seine Klangorgasmen und Brachialoperationen im Übergroßformat zerschreddern lässt. Schon für Bruckner waren Ganzheitlichkeit und Paradies längst verloren. Das macht ihn zu einem heutigen Zeitgenossen, da muss Jurowski gar nicht viel tun, um das klarzumachen.

Die Mozart-Sinfonia und die Richard Wagner gewidmete Bruckner-Sinfonie sind Jurowskis Bewerbung und Nagelprobe für seinen Münchner Posten. Er bekennt sich zu der Tradition des Hauses, das ganz traditionell auf Mozart und Wagner geeicht ist, nur Giuseppe Verdi fehlt. Währen Mozart bei Petrenko, der sich von der historischen Aufführungspraxis inspirieren lässt, zum Harten und Rigiden neigt, gerät er Jurowski warm, schwebend, flexibel. Mit der konzentrierten und beherrschten Geigerin Isabelle Faust, sie ist eine Geistesverwandte des Dirigenten, und dem sehr viel stärker auf Ausdruck und Überschwang setzenden Bratscher Antoine Tamestit hat er zudem ein Dream- Team an Solisten, das er beständig in das Geflecht der Orchesterstimmen verwebt, aus dem die Solisten nach und nach auftauchen und immer wieder versinken. Nur manche hinreißend von den Solisten gespielten Akkordzerlegungen, auch manche ihrer Girlanden, drängen etwas zu sehr und dann sinnstörend in den Vordergrund.

Der langsame Mollmittelsatz ist ein traumverlorenes Paradies, vollkommen und gefühlstief. Jurowski bietet einen modernen Mozart, der souverän und ohne alles Eifern sowohl die historische wie auch die traditionelle Aufführungstradition wegwischt und stattdessen einen mit einfachsten Bausteinen beglückt spielenden Intellektuellen entdeckt.

© SZ vom 15.01.2020/cag
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