Sportpoesie:Choreografie des Lebens

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Sportpoesie: Roger Angell in seinem Büro beim "New Yorker".

Roger Angell in seinem Büro beim "New Yorker".

(Foto: Mary Altaffer/AP)

Roger Angell, der wichtigste Baseball-Chronist der USA und Poet Laureate dieses Sports beim Magazin "The New Yorker", ist mit 101 Jahren gestorben.

Von Hubert Wetzel

Baseball wird in Amerika schon sehr lange gespielt, mindestens seit 1846, also seit 176 Jahren. Das ist länger als American Football (erstes Spiel: 1869) und Basketball (erfunden: 1891). Von diesen 176 Jahren hat Roger Angell den größeren Teil persönlich miterlebt.

Angell wurde im September 1920 geboren. Für Baseball war das ein prägendes Jahr, denn 1920 wechselte ein Mann namens George Herman Ruth, genannt Babe, von den Boston Red Sox zu den New York Yankees. Ruth spielte vierzehn Jahre lang für die Yankees, und in dieser Zeit wurde er zu einem der besten Baseball-Spieler der Geschichte - zu einer Legende. Als er noch aktiv war, hielt er alle wichtigen Rekorde, die man in diesem Spiel halten kann. Noch heute steht Babe Ruth mit 714 Homeruns auf Platz drei der Liste der besten Schlagmänner aller Zeiten.

Roger Angell hat nie Baseball gespielt, jedenfalls nicht professionell. Aber er hat sich mit dem Spiel so eingehend befasst wie wenige seiner Landsleute. Angell, ein Sohn aus höheren Manhattaner Kreisen und Harvard-Absolvent, war eigentlich der für Belletristik zuständige Redakteur bei dem überaus vornehmen und bekannten Magazin The New Yorker. Diese Position hatte vor ihm schon seine Mutter inne, die Autoren wie John Updike und Vladimir Nabokov zum New Yorker brachte. Angell verfasste zunächst selbst Kurzgeschichten, 1962 aber begann er, sich statt mit Literatur mit Baseball zu beschäftigen. In den Jahrzehnten danach schrieb er für den New Yorker unzählige Berichte und Essays über Baseball sowie einige der besten Bücher zu dem Thema.

Man kann das seltsam finden, denn schließlich ist Baseball nur ein Sport. Aber schon die Tatsache, dass eine hochintellektuelle, literarisch anspruchsvolle Zeitschrift wie der New Yorker sich einen Baseball-Korrespondenten leistete, zeigt, dass Baseball eben noch viel mehr ist, zumindest in den USA. Baseball wird zuweilen als "America's Pastime" bezeichnet, als Amerikas Zeitvertreib. Das klingt nach Freizeit und Hobby, was einerseits nicht stimmt - Baseball ist für die Spieler harte Arbeit und für die Sportbranche ein Milliardengeschäft. Es stimmt andererseits aber doch, denn Baseball ist so eng und tief mit der amerikanischen Alltagskultur verwoben wie keine andere Sportart.

Baseball ist Amerikas Sommersport. Die Saison dauert von April bis Oktober, in dieser Zeit spielen die 30 Profimannschaften jeweils sagenhafte 162 Spiele. Das sind mehr als 2400 Partien - pro Jahr. Und dann folgt die Nachsaison mit den Playoffs und der Meisterschaft, der World Series. Baseball begleitet die Amerikaner mehr als das halbe Jahr lang täglich. Man kann nur ahnen, wie viele Baseball-Spiele Roger Angell in seiner Zeit als Reporter gesehen haben muss.

Angell war glühender Fan und kluger Journalist gleichermaßen

Zum wichtigsten Baseball-Chronisten des Landes, zum Poet Laureate des Sports, wurde Angell wegen der Art, wie er schrieb: kenntnisreich, anschaulich, elegant, leidenschaftlich. Angell war ein Journalist, aber er war auch ein glühender Fan. Beim New Yorker gibt es die Anekdote, Angells Chefredakteur habe ihn deshalb zum Baseball-Korrespondenten gemacht, weil seine Backen vor Begeisterung rot geworden seien, als er ihm einmal die abgezirkelte, fast balletthafte Choreografie eines Double Play erklärt habe.

Angell liebte Baseball sogar so sehr, dass er seine Loyalität nicht nur einer einzigen Mannschaft schenken wollte. Er galt als Anhänger der New York Mets, aber er mochte auch die New York Yankees gern und sogar die Red Sox aus Boston, wenn es sein musste. Das ist, auf deutsche Fußballverhältnisse übertragen, in etwa so, als sei man Fan des FC Bayern München, des TSV 1860 München und dazu noch von Borussia Dortmund.

Roger Angell hat als kleiner Junge den großen Babe Ruth spielen sehen. Dieses Jahr hatte er das Glück, die Reinkarnation von Ruth auf dem Feld zu erleben - Shohei Ohtani, vermutlich der einzige Mensch auf der Welt, der sowohl 100 Meilen schnelle Bälle werfen als auch 100 Meilen schnelle Bälle schlagen kann. Als Baseball-Reporter, aber mehr noch als Baseball-Fan, kann man sich kaum eine bessere Klammer wünschen, die das eigene Leben zusammenhält. Am Samstag ist Roger Angell im Alter von 101 Jahren gestorben.

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