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US-Präsident bei Jay Leno:Auftritt des "American Idol"

Ein bisschen Wahlkampf: Als erster amtierender US-Präsident tritt Barack Obama in einer Late Night Show auf - und schimpft auf die Moral der Manager.

M. Koch, New York

Böse Zungen behaupten, Barack Obama sei am Ziel. Hatte er nicht versprochen, das Land zusammenzuführen? Jetzt ist es soweit: Alle reden über AIG und alle sind sich einig.

Als erster amtierender US-Präsident tritt Barack Obama in einer Late-Night-Show auf. Wenn das mal gut geht: Denn er will trotz des komödiantischen Formats über die Finanzkrise sprechen.

Barack Obama bei Jay Leno

(Foto: Foto: AFP)

Die Angestellten des Versicherungskonzerns, zürnt Amerika, hätten ihrem Firmenkürzel einen neuen Sinn gegeben mit ihrer Arroganz, ihrer Inkompetenz und ihrer Gier. Haben sie nicht soeben Boni eingestrichen, obwohl sie ihren Konzern in den Ruin gewirtschaftet haben? Und sind es nicht die Steuerzahler, die letztlich für die Prämien aufkommen müssen, da AIG ohne Staatsmilliarden längst pleite wäre?

Wer will diese Fragen schon verneinen. Und so geschah Bemerkenswertes gestern in Washington. Im Abgeordnetenhaus, dem Schauplatz ewiger Grabenkämpfe, stimmten Demokraten und viele Republikaner gemeinsam für ein Gesetz. Eine 90-Prozent-Strafsteuer für Bonusbezieher wollen sie erlassen, aus Ärger über die Wall Street und ganz besonders über AIG. Natürlich hatte sich Obama etwas anderes vorgestellt, als er im Wahlkampf Überparteilichkeit versprach. Es ging ihm um Aufbruch, nicht Aufruhr, um Gerechtigkeit, nicht Groll.

Also versucht Obama die Wogen zu glätten. Er tourt durchs Land und veranstaltet Bürgerfragestunden, wie im Wahlkampf. Und er tut, was vor ihm kein amerikanischer Präsident getan hat. Er tritt auf in einer Late Night Show.

Zur Einstimmung gibt es Spott und Häme von Moderator Jay Leno. Natürlich nicht für den Präsidenten, sondern für AIG: "Die Washington Post berichtet, bei AIG hätten nicht die Mitarbeiter Boni erhalten, die die Krise verschuldet haben, sondern die, die sie reparieren sollen. So funktioniert es in meiner Welt: Behebt das Problem und streicht dann die Boni ein. Nicht andersrum." Den Zuschauern gefällt's und Leno lacht.

Er freut sich diebisch über seinen hohen Gast. Er hoffe doch sehr, sagt er, dass seine Sozialkundelehrerin heute zuschaue. "Wir sind gleich zurück mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten!", ruft er in die Kamera.

Nach der Werbepause betritt Obama die Bühne. Er winkt, klatscht in die Hände und Leno auf die Schultern. Die Zuschauer springen auf, Obama setzt sich hin. Er schlägt die Beine übereinander, vergisst, seinen Jackettknopf zu lösen, und macht ein paar Scherze, bevor es ernst wird.

Geduld ist erschöpft

Präsident zu sein, erzählt er, sei ein bisschen wie bei "American Idol" vorzusingen, nur dass jeder Simon Cowell sei. "American Idol" ist die US-Version von "Deutschland sucht den Superstar" und Simon Cowell der Dieter Bohlen Amerikas - auch wenn er wahrscheinlich auf eine Gegendarstellung beharren würde, wüsste er, wer dieser Bohlen ist.

Doch zurück zu AIG, zurück zur Krise, die eigentlich niemand mehr zum Lachen findet. Obama sagt: "Die Amerikaner verstehen, dass es eine Weile dauerte, bis wir in dieses Schlamassel gerieten und dass es jetzt eine Weile dauern wird, bis wir da wieder herauskommen." Der Präsident ist Optimist. Er fährt fort: "Ich glaube, sie werden uns etwas Zeit geben."

Von der Comedy zum nachdenklichen Dialog

Na ja. Die Geduld der Bürger ist erschöpft. Sie haben es satt, den großspurigen Lebensstil von gescheiterten Bankern zu subventionieren. Natürlich spürt Obama das. Aber er weiß auch, dass es keine Alternative sein kann, die Finanzkonzerne ihrem Schicksal zu überlassen.

Und wie danken es dem Präsidenten die Herren von Wall Street? Sie gießen weiter Öl ins Feuer. Die Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac wollen sich AIG zum Vorbild nehmen und ebenfalls Boni zahlen.

Wofür?

Schwer zu sagen, auch Fannie und Freddie brauchen die lebenserhaltende Kapitalinfusionen der Regierung. Gleichzeitig plant die marode Citigroup die Renovierung ihrer Vorstandsetage. Irgendwie muss man das viele Staatsgeld ja ausgeben, scheinen die Chefs zu denken, schließlich hat der Kauf des neuen Firmenjets ja schon nicht geklappt.

Obama hat eine Erklärung für all die Dreistigkeit. Die Comedy-Show ist längst zu einem nachdenklichen Dialog geworden, als er sagt: "Ich glaube, das ist Teil einer Kultur, die an der Wall Street existiert hat, wo man dieses generelle Anspruchsdenken hatte, dass man zu den Besten und Klügsten gehört, dass man Auszahlungen von 10 Millionen, 50 Millionen oder 100 Millionen Dollar verdient."

Nach den Strafsteuern gefragt, vermeidet Obama, sich festzulegen. "Ich verstehe den Frust des Kongresses," antwortet er. "Aber die beste Methode, damit umzugehen, ist sicherzustellen, dass das Tor geschlossen ist, bevor das Pferd aus dem Stall entwischt. In diesem Fall ist das Geld schon weg."

In der Tat, der Schaden ist angerichtet, die Boni ausgezahlt, und auch die Regierung hat Kratzer abbekommen. Versicherungen aus dem Weißen Haus, dass Finanzminister Timothy Geithner erst vergangene Woche von den Prämien erfahren hat, klingen wenig glaubwürdig.

Gefährliche Einheitsfront

Das größte Problem für Obama aber ist der Kongress. Die Einheitsfront gegen die Wall Street wird ihm gefährlich. Setzen sich die Hardliner auf beiden Seiten durch, steht die Stabilisierung des Finanzsystems auf dem Spiel. Selbst wenn Obama versucht, das Parlament zu besänftigen und die Strafsteuern absegnet, muss er befürchten, dass die aufgebrachten Abgeordneten weitere Hilfen für die Finanzkonzerne scheitern lassen.

Doch die sind nötig, sagen Experten. Sollte AIG kollabieren oder die Citigroup, droht eine wirtschaftliche Katastrophe, die den Fall von Lehman Brothers wie einen Spätsommerregen erscheinen ließe. Die Welt hat sich das neue, geeinte Amerika anders vorgestellt. Obama selbst erst recht.

© sueddeutsche.de/segi/odg

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