"Ultraviolence" von Lana Del Rey:Geheimnisvolle Präsenz

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Und so hört man bei "West Coast" wirklich so etwas viel zu Seltenes wie: subtile Mainstream-Popmusik. Ein gedämpft-polternder, aber ungewöhnlich präsenter Schlagzeug-Beat schiebt den Song von unten an, dahinter gleitet, deutlich stiller, eine eher tastend gespielte E-Gitarre herum, und das war's eigentlich auch schon, bevor im Refrain die Glocken läuten und ein paar Synthie-Wolken vorbeischweben. So einfach ist das und so geschickt, weil der große Trumpf und das große Problem dieser Künstlerin ja ihre merkwürdige Stimme ist, die den Unterschied oder alles kaputt machen kann.

Sie ist tief und besitzt eine sehr eigene, geheimnisvolle Präsenz, aber letztlich ist sie doch eher zart, fragil. Es ist eine Kunst für sich, diese Stimme im Studio richtig einzusetzen, im Konzert ist es eine echte Herausforderung. Die böse Kritik und Häme für ihre ersten Auftritte waren deshalb nicht ganz fair. Es ist ein grausam schmaler Grat zwischen souverän-gelangweilt und einfach nur nuschelnd-schlafmützig. Besonders, wenn man sich einmal dafür entschieden hat, so zu singen, als ob man gerade mal wieder ein klit-ze-klei-nes Bisschen zu viel Valium genommen hat, wenn man ohnehin kein Freund davon ist, den Mund beim Singen mehr als unbedingt nötig zu öffnen.

Keine offensichtlichen Peinlichkeiten mehr

Womit natürlich noch die Frage bliebe, ob denn auch auf den übrigen Songs des Albums die Gratwanderungen so gut gelingen wie bei "West Coast"?

Nun, leider nicht ganz. Aber auf ungewöhnlich hohem Niveau. Es gibt auf "Ultraviolence" keine offensichtlichen Peinlichkeiten mehr wie noch auf "Born To Die". Nicht einmal einen bloß missglückten Song. Aber immer noch erkundet Lana Del Rey beinahe obsessiv eigentlich nur ein einziges Gefühl, das man vielleicht wehmütige Verlorenheit nennen könnte.

Die Liebe ist dabei grundsätzlich gleichzeitig das Versprechen der ersehnten Rettung wie die ständige Gefahr neuer Verletzungen, die ihrerseits natürlich vor allem wieder ein hervorragender Grund sind für noch tiefer reichende Träumereien und Verklärungen: "Cruel World" heißen diese Trips dann oder "Sad Girl" oder "Pretty When You Cry" - man hält das nicht zwingend ewig aus, aber es ist doch auch große Klasse.

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