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Debattenkultur in Großbritannien:Verstehen Sie Spaß?

Julie Burchill, journaliste et ecrivain

Gleichberechtigt alle vor den Kopf stoßen: Die Autorin Julie Burchill in Brighton.

(Foto: Charlie Bibby/Financial Times-RE/Bibby/Financial Times-REA/laif)

Die Autorin Julie Burchill verliert wegen eines Twitter-Streits ihren Buchvertrag. Der Fall ist exemplarisch.

Von Andrian Kreye

Am Dienstag cancelte der britische Ableger des Verlages "Little, Brown and Company" ein Buch über die Cancel Culture, an dem die Journalistin und Schriftstellerin Julie Burchill gerade arbeitet. Ihre autobiografische Analyse der Debattenkultur mit dem Titel "Welcome to the Woke Trials: How #Identity Killed Progressive Politics" sollte eigentlich 2021 erscheinen. Den Buchtitel kann man ungefähr mit "Willkommen zu den Moralstandgerichten - wie #Identität progressive Politik zur Strecke brachte" übersetzen.

Bei Linken und Progressiven umschreibt das Adjektiv "woke" ein Gespür für Gerechtigkeit, das weit über politische Fragen hinausgeht. Woke ist im besten Sinne antirassitisch, feministisch, inklusiv, pazifistisch, umweltbewusst, antikapitalistisch und antiimperialistisch zugleich. Bei Liberalen und Konservativen umschreibt das Wort den Fundamentalismus, der sich in den letzten Jahren bei Linken in die Debatten eingeschlichen hat. Härteste Form der Debatte ist dabei die Cancel Culture. Streng genommen handelt es sich um die Selbstreinigungskräfte einer toleranten Gesellschaft, die keine Intoleranz mehr zulassen will. In der angelsächsischen Welt gehören Versuche, Werke zu verhindern oder Karrieren zu zerstören allerdings längst zum nahezu alltäglichen Arsenal der Debatte.

Julie Burchill zum Beispiel will in ihrem also nun erst einmal stornierten Buch über die Zeit schreiben, als sie 2013 ihren Job bei der Zeitung Observer verlor. Damals kam sie einer Kollegin zu Hilfe, die wegen Kritik an der Transsexuellen-Debatte Ärger bekommen hatte. Burchill langte in ihrem Text, wie es seit Jahrzehnten ihre Art ist, zu. Sie schrieb, es sei schon frech, dass sich Transsexuelle ihren "Schwanz abschneiden lassen und dann auf besondere Privilegien als Frau berufen". Für den Observer war da die Grenze zur transphoben Hetze überschritten.

Grenzüberschreitungen gehörten für sie und ihre Alterskohorte dazu

Julie Burchill forderte solche Reaktionen immer wieder heraus. Sie gehört zu einem Pantheon der sogenannten "contrarians", der großen Widerredner, zu denen bis zu seinem Tode auch Christopher Hitchens gehörte, heute sind im Metier führend etwa die Schottin A. L. Kennedy, P. J. O'Rourke oder Rod Liddle. Im Fall Julie Burchill nun steckt ein Aspekt, der in der Woke-Debatte bisher noch keine so arg große Rolle gespielt hat, und zwar ein handfester Generationenkonflikt. Burchill, Kennedy und Liddle gehören zu einer Generation, die Ende der Fünfziger-, Anfang der Sechzigerjahre geboren wurde und so ab Ende der Siebzigerjahre mit Punk groß geworden ist. Julie Burchill begann ihre Laufbahn beim legendären New Musical Express.

Politisch hat diese Generation sämtliche Ideologien, nicht zuletzt die in ihrer Spätphase recht empfindsamen Ausläufer von '68, abgelehnt und deren Vertreter mit brillantem Sarkasmus provoziert. Burchill brachte dann Anfang der Achtzigerjahre erst die Pazifisten auf die Palme, weil sie während des Falkland-Krieges schrieb, die argentinische Diktatur sei das viel größere Übel. Und dann die Linke, weil sie wohlmeinend über die eiserne Margaret Thatcher schrieb. Das brachte ihr eine Kolumne bei der konservativen Mail on Sunday ein. In der rief sie dann ihre Leserinnen und Leser dazu auf, statt Thatchers verhasste Tories besser Labour zu wählen. Grenzüberschreitungen gehörten und gehören für Julie Burchill und ihre Alterskohorte immer dazu.

Sie hat so schon einige Jobs verloren. Sie nimmt deswegen auch die aktuelle Kündigung ihres Buchvertrages mit Humor. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Fall so viel Wirbel macht, dass sie einen noch besser dotierten Folgevertrag bei einem anderen Verlag bekommt, ist groß. Der Generationenkonflikt, der im Kern dieses Falls steckt, ist jedoch exemplarisch für die Unversöhnlichkeit, mit der sich die Generation Punk und die Generation Woke in England gegenüberstehen.

Auslöser war der Streit um einen Text von Rod Liddle, Redakteur der konservativen Intellektuellenzeitschrift Spectator. Liddle hatte im September 2013 eine Kolumne mit dem vermeintlichen Eingeständnis begonnen, er hätte eigentlich Oberschullehrer werden wollen, aber es dann sein gelassen, weil er sehr wahrscheinlich eine seiner Schülerinnen verführt hätte. Diese Frotzelei war dann nur die Einleitung, um die notorische Lüstelei von Lehrern zu verdammen. Vor allem "die einschmeichelnden jungen Männer, die der Klasse bedeutungsvolle Popsongs auf ihrer Gitarre vorspielten und einen Anflug von falscher Rebellion an den Tag legten" hätten sich stets mit fiesen Methoden der Verführung Minderjähriger hervorgetan. Worauf Liddle den Furor der Boulevardpresse über einen damals aktuellen Fall eines Lehrers analysierte, der eine 15-Jährige erst dazu gebracht hatte, sich in ihn zu verlieben, und dann mit ihr durchgebrannt war. Für das Mädchen sei dieser Pressegeifer so gefährlich wie zerstörerisch.

Der Verlag verlautbart ein Bekenntnis zur Meinungsfreiheit

Am vergangenen Sonntag tauchte das Stück erneut auf - diesmal in der Twitter-Timeline der Journalistin Ash Sarkar, einer Muslima, die für das linke Mediennetzwerk Novara arbeitet. Sarkar nahm Liddle den jovialen Umgang mit dem Thema übel und peitschte via Twitter die Wut gegen ihn auf. Worauf sich Julie Burchill mit der Frage an Sarkar einschaltete, wie alt eigentlich Aischa gewesen sei - die dritte Frau des Propheten? Der Schlagabtausch gipfelte nach wenigen Tweets in Burchills beißender Bemerkung: "Aber Ash, ich bete keinen Pädophilen an. Wenn Aischa neun war, so tust Du das."

Der Sturm der Entrüstung war kurz und heftig. Ash Sarkar hat als 28-jährige Digitaljournalistin mit über 275 000 Abonnentinnen und Abonnenten eine deutlich größere Netzgemeinde als die 61-jährige Burchill mit ihren nicht einmal 11 000 Followern. Burchill hat dafür die Free Speech Union auf ihrer Seite, eine relativ neue Organisation konservativer Journalisten und Akademiker. Die Twitterschlacht endete jetzt (vorerst) in einiger Häme über den Suizid einer der beiden Söhne Burchills im Jahre 2015, auf der anderen Seite gab es deutlich Islamophobes.

Beide Seiten reden nun mit Anwälten. Burchills Verlag will sich zum Rauswurf seiner prominenten Autorin nicht weiter äußern, sondern schickt auf Anfrage nur eine Verlautbarung. Man habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, den Vertrag mit Burchill zu kündigen. Man glaube - so auch die Beteuerung dieses Verlags - leidenschaftlich an die freie Meinungsäußerung. Frau Burchill habe aber doch Grenzen überschritten, das könne man nicht mehr verteidigen.

Dass Twitter ein luzides Debattenmedium sein könnte, beteuert auf der Insel hingegen selbst auf Twitter kaum wer. Ist gerade nicht das Thema.

© SZ/gor
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