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TV-Kritik: "Ich kann Kanzler":Sympathisch unprofessionell

Der sonst so korrekte Nachrichtenschönling Steffen Seibert stolpert sympathisch unprofessionell durch die Moderation der zweistündigen Live-Sendung, sucht verzweifelt in seinem Computer nach den Abstimmungsergebnissen und duzt immer wieder ungewollt die ach so jungen Kandidaten.

Eine Prise Klümchen

Als die verbleibenden "Ich-kann-Kanzler"-Recken für den Straßenwahlkampf Plakate entwerfen sollen und dafür - in einem kurzen Beitrag - für eine Fotografin posieren, weht ein Hauch Heidi Klum durchs Studio. Bei der nächsten Disziplin, der kontroversen Diskussion, ist die Prise Klümchen aber schon wieder verschwunden.

Leider sind alle ähnlicher Meinung, ein Streitgespräch kommt nicht zustande: Die Türkei gehört auf alle Fälle in die EU, aber später halt. Und dass Horst Seehofer zu seinem Privatleben schweigt, ist irgendwie auch okay. (Der Wettbewerb im Aktenstudium und Mehrheit-Beschaffen wurde leider vergessen.)

Knapp kann sich Philip Kalisch gegen die türkischstämmige Schülerin Nuray Karaca durchsetzen. Er bekommt ein dickes Lob von der Jury für sein unangepasstes Erscheinungsbild - Piratentuch um den Hals - und den zweiten Platz in der Telefonabstimmung. Damit verpasst er knapp den Hauptgewinn, der mehr über die junge Generation aussagt als jede Studie: Ein Praktikum. Und ein Kanzlerinnen-Monatsgehalt von 16.000 Euro, das aber nur zweckgebunden ausgegeben werden darf.

Jacob Schrot, Deutschlands Superkanzler für einen Abend, war von Anfang an der Publikumsliebling, außerdem der Schlauste beim Wissenstest, der Routinierteste beim Straßenwahlkampf und der Eloquenteste in den Fragerunden. Wenn er sagt, dass "das ganze Leben Politik ist", dann mag man ihm das sogar glauben. Und wenn er im nächsten Satz - es geht um gerechtere Bildungspolitik - vielsagend über die "Leistungsträger" stolpert, dann ist das nur sympathisch.

Er ist ja auch einer - ein "Leistungsstreber", der für einen Abend Kanzler im ZDF war.