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TV-Kritik: Goldene Kamera:"Einlochen" mit Hape Kerkeling

"Das Niveau klettert dann wieder": Eine Ü70-Party kann sehr zotig sein - wie Moderator Hape Kerkeling bei der Verleihung der Goldenen Kamera bewies.

Rupert Sommer

Die große Preisfrage zur Zeitreise: Woran erkennt man am deutlichsten, dass die 45. Verleihung des Hörzu-Fernsehpreises Die Goldene Kamera eine durch und durch altmodische, wenn auch in diesem Jahr unverhofft kurzweilige Veranstaltung war?

Matthias Schweighöfer, ddp

Holte sich die

Goldene Kamera

als "Bester Schauspieler" ab - und dankte Oma und Opa: Matthias Schweighöfer.

(Foto: Foto: ddp)

Etwa daran, dass Verlegerin Friede Springer schüchtern errötete, als ihr der junge Wundergeiger David Garrett ein Kompliment zurief? Oder daran, dass der Alt-West-Berliner Dieter Thomas Heck in einer rührenden Festrede erwähnte, dass durch die Ullsteinhalle des Axel-Springer-Verlags, aus der das ZDF live sendete, einst die Zonengrenze verlief? Oder doch daran, dass zwar viel junges Gemüse auf der Bühne stehen durfte, die besten Spontan-Witze aber Häuptling Silberlocke riss: Joachim "Blacky" Fuchsberger.

"Ach ne, der Harry?"

Die Verleihung der Lebenswerk-Trophäe an den 82-Jährigen, der beneidenswert straff, charmant und aufgekratzt wirkte, war ein Höhepunkt der Gala, die nach der Wirtschaftskrisen bedingten Pause im Vorjahr wieder alten Glanz verbreiten wollte.

"Ach ne, der Harry?", fragte Fuchsberger, als mit Harry Belafonte ein alter Freund ins Scheinwerferlicht trat. Der ebenfalls 82-jährige Entertainer, der in Fuchsbergers ARD-Talkshow Heut' abend 1980 dessen erster Stargast war, erinnerte daran, wie er von dem Moderator einst im Münchner Circus Krone mit den Worten "Wir 'Blackys' müssen zusammenhalten" angesprochen wurde. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft!

"Ich bedanke mich bei drei Generationen nachsichtiger Zuschauer", rief Fuchsberger und konnte sich einen originellen, wenn auch recht zotigen Hinweis auf das unglücklich gestaltete Rednerpult nicht verkneifen: In der halb-transparenten Konstruktion rotierte bei allen Laudatoren die titelgebende Kamera samt Stativ knapp unter Hüfthöhe - und löste bei Fuchsberger nicht ganz jugendfreie Assoziationen aus.

Nicht die einzige Deftigkeit des Abends: Der großartige Moderator Hape Kerkeling spielte bereits zu Beginn mit einer Anspielung auf Tiger Woods und dessen Golfkünste und sonstigen Praktiken ("Einlochen") an - entschuldigte sich aber sogleich kokett bei den Würdenträgern der ersten Reihe. "Der war schlimm, Frau Springer", sagte er: "Das Niveau klettert dann wieder." Später folgte ein Herrenwitz über Bauer sucht Frau und die Erleichterung im Hüh-nerstall. Dennoch machte Multitalent Kerkeling - unterstützt durch die ihm nahe stehenden TV-Persönlichkeiten Horst Schlämmer und Evje van Dampen - seinen Job sehr gut.

"Betreutes Moderieren" - ohne Hape Kerkeling!

Einen Seitenhieb auf seinen Goldene-Kamera-Vorgänger Thomas Gottschalk konnte sich der Moderator locker leisten: "Michelle Hunziker hatte heute Abend keine Zeit", gab er als Begründung für Gottschalks Fehlen an - und sprach etwas frech vom "betreuten Moderieren" bei Wetten, dass..?

Freilich war der Altersdurchschnitt der Stars im ZDF an diesem Samstagabend auch nicht unbeträchtlich. Die meisten hätten schon vor einem Vierteljahrhundert diese Show reissen können.

Neben den ohnehin gesetzten Ehrenpreisträgern - darunter Superstar Richard Gere, der den Deutschen für ihre Sympathien für den Dalai Lama und die Freiheit Tibets dankte -, standen diesmal nur wenige Auswahlentscheidungen an.

Der Preis für die beste Schauspielerin ging an Senta Berger, die sich unter anderem dank ihrer starken Leistung in dem TV-Drama Frau Böhm sagt Nein gegen Anna Loos und Silke Bodenbender durchgesetzt hatte.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Danny DeVito über gemeinsame New Yorker WG-Zeiten mit Michael Douglas verriert.

Im Video: Überraschungsgast war Michael Douglas, der den Preis seinem Freund Danny DeVito überreichte. Dieser wurde für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

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Artige Danksagungen an Eltern, Groß- und Schwiegereltern

Als bester Schauspieler wurde Matthias Schweighöfer (Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben) geehrt - und grüßte in seiner Dankesrede Oma und Opa - eine Liebenswürdigkeit, die ihn mit Preisträgerin Diane Kruger verband. Die erfolgreichste deutsche Schauspielerin in Hollywood (Troja, Inglorious Basterds) verriet, dass sie ihren Großeltern von allen Drehorten Postkarten zurück in die ferne Heimat schickt.

Selbst Karsten Schwanke, der für das ZDF-Magazin Abenteuer Wissen eine Goldene Kamera zum Gastgebersender holte, vergaß nicht, artig Eltern und Schwiegereltern dafür zu danken, dass sie zu Hause auf die Kinder aufpassten.

"Soulbrother" Dieter Thomas Heck

Laudator Frank Schätzing, der den Gewinner in der Kategorie "Beste Information" überreichte, dürfte dagegen unfreiwillig eine Themenanregung für Wissenssendungen geliefert haben. Unklar blieb nämlich, ob über dem rechten Ärmel seiner Smoking-Jacke etwas verschüttet worden war - oder ob dort Organisches wucherte.

Charme-Sieger des Abends wurde mit Dieter Thomas Heck ein Mann, der in keiner Kategorie nominiert war. Als Laudator für die Sparte "Beste Musik National" hatten sich die Preisträger von der Band Die Fantastischen Vier den einstigen ZDF-Hitparade-Moderator ausdrücklich gewünscht. Ohne erkennbaren Spott riefen sie ihrem "Soulbrother" (O-Ton Thomas D.) ein freundliches "Dieter, du fehlst" hinterher. Heck hatte zuvor in seiner Lobesrede herausgestrichen, dass Fanta 4 nicht nur "Deutlichsprecher", sondern auch die "bürgerlichsten Popstars der Republik" seien. Die ZDF-Fangemeinde dürfte das wohlwollend zur Kenntnis genommen haben.

In den nostalgischen Generalbass des Abends stimmt natürlich zum Schluss auch die originelle Ehrung des kleinwüchsigen Hollywood-Riesen Danny DeVito ein, der auf der Bühne einen Überraschungsbesuch von Michael Douglas bekam. Dieser erinnerte an gemeinsam durchlebte Hippiezeiten, in denen sich die beiden Jungschauspieler eine New Yorker Studentenbude teilten. Dass Douglas seinen Anteil der Miete für drei Jahre weiterzahlte, auch als er schon für die Serie Die Straßen von San Francisco weggezogen war, dankte ihm DeVito ausdrücklich.

Kein Wiedersehen wird es mit den Preisträgern der internationalen Musikkategorie geben: Simply Red werden sich trennen und standen für ein Medley ihrer großen Hits noch mal gemeinsam auf der Bühne. Auch das also ein Moment, der die Vergangenheit verklärt.

Etwas aus dem Hier und Jetzt gefallen wirkte letztlich nur Star-Schneider Karl Lagerfeld. Er hielt die Laudatio auf Diane Kruger - was aber offensichtlich fast frei improvisiert und streckenweise unverständlich war. Und ob sich seine gute Pariser Freundin, als die er die Auslandsdeutsche dem ZDF-Publikum vorstellte, wirklich freut, dass jetzt alle Welt ihre Adresse genau kennt, darf bezweifelt werden.

Den nostalgischen Frohsinn aber ließen sich Springers ZDF-Galagäste dadurch nicht verderben.

Alle Preisträger im Überblick

Beste deutsche Schauspielerin: Senta Berger Bester deutscher Schauspieler: Matthias Schweighöfer Beste Schauspielerin International: Diane Kruger Beste Musik: International: David Garrett Beste Information: Abenteuer Wissen (ZDF) Bester deutscher Film: Entführt (ZDF) Nachwuchspreis: Maria Kwiatkowsky Beste Musik National: Die Fantastischen Vier Lebenswerk: Joachim Fuchsberger Beste Fernsehunterhaltung: Das Supertalent (RTL) Bester Schauspieler International: Richard Gere Beste Musik International: Simply Red Lebenswerk International: Danny DeVito

© sueddeutsche.de/jja/jobr
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