bedeckt München 19°

"Fall To Pieces" von Tricky:Scheißspiel, Scheißschmerz, Kopf hoch!

Tricky - "Fall To Pieces" (False Idols / Indigo)

"Ich habe sogar zum ersten Mal gelacht": Tricky mit seinem neuen Album "Fall To Pieces".

(Foto: Erik Weiss - False Idols / Indigo)

Tricky hat im vergangenen Jahr seine Tochter verloren. "Fall To Pieces" ist ein schaurig gründlicher Rückblick auf die Nullpunkte, die er seither hinter sich hat.

Von Jakob Biazza

Wenn die Menschen erst ausreichend kaputt sind, wird vieles ja wieder egaler. In Trickys Autobiographie "Hell Is Round The Corner", eine von reichlich Gewalt und etwas Gossenromantik durchtränkte Geschichtensammlung, ist es ein Onkel, der soeben das Gefängnis verlassen hat. "Er hatte kein Geld, es regnete und er zündete sich eine Zigarette an", heißt es da, und es ist bestimmt gewünscht, dass man sich das jetzt wie in der Einführungsszene eines Tarantino-Films vorstellt: die Kippe, ein Streichholz, ein tiefer Zug, ein nicht sonderlich motiviertes Ausatmen. Dann spricht der Onkel. Einen Satz nur, aber von weit unten braucht es ja oft auch nicht mehr, damit alles gesagt ist: "What a fucking game." Scheißspiel.

Der Satz taucht jetzt auf Trickys neuem Album "Fall To Pieces" (False Idols / Indigo) wieder auf. "Hate This Pain" heißt der Song, der eine wirklich schaurig gründliche Nullpunkt-Vermessung ist. Ein verhalltes Blues-Klavier klimpert darin herum. Immer dasselbe Motiv, kaum vier Sekunden lang. Ein Cello stromert vorbei, Drums schleichen sich an, ziehen sich dann aber doch lieber zurück, statt ernsthaft einzusteigen. Insgesamt bleibt also viel Raum für Trickys episch zerlumpte Stimme, die sich mit dem plüschigen Gesang von Marta Złakowska mantraartig abwechselt, um festzuhalten: "What a fucking game / I hate this fucking pain / Was crying on the coast / Baby girl she knew me most." Scheißschmerz.

Das "baby girl", das den Protagonisten des Songs kennt, wie keine sonst, dürfte, dafür braucht es nun keine ausgefeilte Hermeneutik, Trickys Tochter gewesen sein. Mazy ist 2019 gestorben. Mit 24 Jahren. "Ich habe noch nie so geliebt, und ich habe es erst gemerkt, als sie nicht mehr da war", sagt er. Viel weiter unten ging auch hier nicht mehr.

Das nur, um zu verstehen, warum "Fall To Pieces", das neue Album des Briten, der inzwischen in Berlin lebt, einige, nun: überraschend fröhliche Momente hat. "I'm in the Doorway" zum Beispiel, ein hopsender Popsong, über den die Dänin Oh Land ihre ätherischen Melodien schwirren lassen kann. Das schwüle "Running Off" mit seinen sparsamen Balkan-Samples. Oder das beinahe housige "Fall Please".

Überraschend lebensbejahendes Material also, das sich mit den rostigen, schartigen Dunkelheitserkundungen abwechselt, die etwa zwei Drittel des Werks ausmachen. Dem an den Nervenenden herumfingernden "Chills Me to the Bone". Oder "Close Now", das in der Hauptsache aus einem wolkigen, an den Rändern porösen Synthie-Bass besteht, über den eine Art Schlaflied gehaucht wird - zerhackt von einem zweiten Mantra: "Don't let it get you down."

"Im Moment geht es mir gut, Kumpel"

Es ist keine sehr energische Selbstanfeuerung, aber sie scheint an diesem Punkt zu genügen. "Im Moment befinde ich mich im Kampfmodus", hat Tricky in den Pressetext zum Album diktiert. Einer von vielen Sätzen dort, die klingen, als hätte Bukowski sie ihm, frisch vom Gossenboden aufgerappelt, zugeraunt. "Ich fühle mich, als wäre ich einer der besten Musiker, die England je hatte", heißt es weiter. "Dieser Konkurrenzkampf, den ich früher hatte, als ich jünger war, als ob meine Musik auf einem anderen Niveau wäre."

Das stimmt nicht ganz. Und auch wieder doch. "Fall to Pieces" ist kein im herkömmlichen Sinne gutes Album. Es ist womöglich nicht mal im herkömmlichen Sinne ein Album. Eher ein schlaglichtartiges Abtasten verschiedener klaustrophobischer Seelenzustände, die auf eine emotionale Schockstarre so folgen können - ein verstörend ambivalentes, in Teilen immer wieder unfertiges Sammelsurium an Zuständen. Kaum ein Song ist länger als drei Minuten, einige sind sogar kürzer als zwei, brechen plötzlich ab oder hallen im Nichts aus, ohne je wirklich losgegangen zu sein. Alles zerfasert, zerfällt, verweht. Und findet dann, wer könnte schon sagen, warum genau, doch wieder zusammen.

Scheißspiel. Scheißschmerz. Kopf hoch. Irgendwie so geht das.

Oder um Tricky noch ein paar dieser Bodensatz-Aussagen zu gönnen: "Im Moment geht es mir gut, Kumpel. Ich komme jetzt besser zurecht. Ich habe sogar zum ersten Mal gelacht. Ich bin wieder im Spiel."

© SZ/tmh
JJ Bola

Schwerpunkt: Männlichkeit in der Literatur
:"Na, biste am Händchenhalten?"

Der Autor und Streetworker JJ Bola erklärt, dass die Idee des dominanten Mannes ein Hindernis für Nähe ist, wie Männer unter überholten Klischees leiden - und warum Gangsta Rap ein Teil des Problems ist.

Interview von Jonathan Fischer

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite