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Alben der Woche:Den Ahninnen huldigen

Tricky beschreibt den Nullpunkt nach dem Tod seiner Tochter schaurig gründlich, Joy Denalane vertont das Leben als schwarze Frau in Deutschland. Und Bill Callahan gibt sich als Johnny Cash aus.

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Dukes of Chutney - "Hazel" (Beats In Space)

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Quelle: Label

Ganze sieben Jahre haben die Dukes of Chutney gebraucht, um auf ihre erste EP ein Debütalbum folgen zu lassen. Und wer das hört, versteht sofort warum: Zeit spielt auf "Hazel" (Beats In Space) nämlich so gar keine Rolle. Alles fließt, strömt und läuft ineinander. Im Titeltrack "Hazel" kuscheln sich Synthesizer-Arpeggios unter den Bossa-Nova-Groove. "U Never Know" wippt sonnenmüde zu balearischen Beats, "Love With A Few Hares" tänzelt zaghaft im Schatten von Dub. Und die Stimme von Sängerin Petra klingt so, als würde sie zufällig dank eines glücklichen Lüftchens von der anderen Seite der Bucht herübergeweht. Was im ersten Moment als von zu vielen Räucherstäbchen benebelte Hippie-Esoterik erscheinen mag, ist vielmehr der Versuch, im musikhistorischen Rundumschlag die perfekte Durchatemmusik zu schaffen.

Julian Dörr

2 / 7

Bill Callahan - "Gold Record" (Drag City)

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Quelle: Label

Es vergeht eine halbe Schrecksekunde, bis man merkt, dass es doch nicht Johnny Cash ist, der sich hier aus dem Jenseits zurückmeldet. Stattdessen ist es nur die gute alte Grummelstimme von Bill Callahan, der sein neues Album "Gold Record" (Drag City) mit dem Witzchen "Hello, I'm Johnny Cash" beginnt. In weiter Ferne erheben sich die Mariachi-Bläser, die Stahlsaiten der Gitarre schnarren, der Hauch einer Melodie streift durch den Song. In Callahans Musik stecken neuerdings Ruhe und Sesshaftigkeit. Er erzählt Geschichten von "everymen and everywomen", von "salt and soil", "tired eyes" und "hard days of work". Ein Protestsong ist auch dabei, er heißt "Protest Song" und Callahan protestiert darin gegen Protestsongs, genauer gegen junge Typen, die im TV eben jene singen. Er nennt sie "boys messing with the men's toys". Ruhig und sesshaft kann Callahan gerne sein, aber ein alter Nörgler muss er deshalb nicht gleich werden.

Julian Dörr

3 / 7

Joy Denalane - "Let Yourself Be Loved" (Vertigo Berlin)

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Quelle: Label

Die deutsche Sängerin Joy Denalane veröffentlicht dieser Tage ihr neues Album "Let Yourself Be Loved" (Vertigo Berlin). Schon die Singles "I Gotta Know", "I Believe" und "Put In Work" versprechen eine Soul-Platte im Stil der klassischen Motown-Ära. Denalane huldigt ihren Ahninnen, ist dabei aber mehr als eine Kopie. Im puren Vintage-Sound zwischen schwofender Orgel und hitzigen Bläsern erzählt ihre Stimme die persönliche Geschichte einer (Selbst-)Bewusstwerdung als schwarze Frau in Deutschland.

Julian Dörr

4 / 7

Rui Ho - "Lov3 & L1ght" (Planet Mu)

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Quelle: Label

Stimme und Bewusstsein spielen auch auf "Lov3 & L1ght" (Planet Mu), dem Debütalbum der chinesischen DJ und Musikerin Rui Ho eine wichtige Rolle. Die in Berlin lebende Künstlerin bewegt sich zwischen glitzernden Future-Pop-Entwürfen und experimentelleren Spielarten europäischer Clubmusik. Auf "Lov3 & L1ght" singt Rui zum ersten Mal selbst, wofür sie als trans Frau erst einiges an Selbstbewusstsein aufbauen musste, wie sie sagt. Zwischen den klirrenden Synthies von "Right Now", dem melancholischen Rave von "Fire Walk With Me" und dem Autotune-R'n'B von "Leave" fließen immer wieder chinesische Melodien in den Mix. Diese unterschiedlichen Einflüsse sind weder trennscharf noch verschmelzen sie miteinander. Die Facetten von Ruis Identität, sie erschaffen keine Kontraste oder Konflikte, sie sind einfach da, als wahrhaftig transzendierender Pop.

Julian Dörr

5 / 7

Deutsche Laichen - "Team Scheiße" (Deutsche Laichen)

Deutsche Laichen - "Team Scheiße"

Quelle: Deutsche Laichen

Genau die richtige Musik zum richtigen Zeitpunkt liefert in dieser Woche die queer-feministische Punk-Band Deutsche Laichen. Nach ihrem Debütalbum von 2019 rechnet die neue EP "Team Scheiße" (Eigenvertrieb/Bandcamp) mit den gesellschaftlichen Debatten der vergangenen Monate ab. "Deutschland ein Alptraum" wütet gegen wohlfeilen Social-Media-Aktivismus, die Heuchelei der liberalen Mitte, aber auch gegen die Unfähigkeit der vermeintlich anti-rassistischen Linken, strukturellen Rassismus zu begreifen. "Team Scheiße" ist genau dieMusik, die dieses Land nach Halle, Hanau, NSU 2.0 und Nazis auf den Reichstagsstufen verdient hat. Drei Songs, zusammen keine sechs Minuten lang, die zeigen, wie relevant Punk heute noch sein kann, wenn er in die richtige Richtung rotzt.

Julian Dörr

6 / 7

Tricky - "Fall To Pieces" (False Idols / Indigo)

Tricky - 'Fall to Pieces'

Quelle: dpa

Wenn die Menschen erst ausreichend kaputt sind, wird vieles ja wieder egaler. Das nur, um zu verstehen, warum Trickys neues Album "Fall To Pieces" (False Idols / Indigo) einige, nun: überraschend fröhliche Momente hat. "I'm In The Doorway" zum Beispiel, ein hopsender Popsong, über den die Dänin Oh Land ihre ätherischen Melodien schwirren lassen kann. Oder das schwüle "Running Off" mit seinen sparsamen Balkan-Samples. Und das beinahe housige "Fall Please". Eigentlich könnte Tricky nämlich mit großem Recht umfassend zerstört sein. Seine Tochter Mazy ist 2019 gestorben. 24 Jahre alt war sie da. "Ich habe noch nie so geliebt, und ich habe es erst gemerkt, als sie nicht mehr da war", lässt der Brite sich dazu im Pressetext zitieren. Der Song, mit dem Tricky sich womöglich wieder aus dem Dreck gezogen hat, heißt "Hate This Pain" - eine der ersten Stücke, an denen er fürs neue Album gearbeitet hat, und eine wirklich schaurig gründliche Nullpunkt-Vermessung. Ein verhalltes Blues-Klavier klimpert darin herum. Ein Cello stromert vorbei und Trickys episch zerlumpte Stimme wiederholt mantraartig: "What a fucking game / I hate this fucking pain / Was crying on the coast / Baby girl she knew me most." Scheißspiel. Scheißschmerz. Aber ein verstörend ambivalentes, in Teilen fast unfertiges, irgendwie ständig zerfallendes am Ende dann aber doch wieder zusammenfindendes Album.

Jakob Biazza

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Joy Denalane

Quelle: dpa

(Selbst-)Bewusstwerdung als schwarze Frau in Deutschland: Sängerin Joy Denalane.

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© SZ/biaz

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