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Tragödie bei der Loveparade:Bum, Bum, Bum

Das Ende der Loveparade wird genüsslich als begrüßenswerter Schlussakt einer ohnehin aus dem Ruder gelaufenen Jugendkultur gedeutet. Doch der Reiz des Massenhaften ist jetzt keineswegs plötzlich erloschen.

Der Schreck über die Massenpanik bei der Duisburger Loveparade, bei der am Samstag neunzehn Menschen starben und Hunderte verletzt wurden, hält noch an. Der Veranstalter und Hauptsponsor, der Betreiber einer großen Fitnessstudiokette, zog noch am Sonntag die Konsequenzen und verkündete auf einer Pressekonferenz das Ende der Loveparade. Die Veranstaltung, die "immer eine friedliche Veranstaltung und fröhliche Party" gewesen sei, werde "von den gestrigen tragischen Unglücksfällen" für immer "überschattet sein".

REVELLERS ATTEND THE LOVE PARADE IN BERLIN

Die Reaktion, die Loveparade nicht wieder zu veranstalten, ist nicht nur unvermeidlich gewesen, sondern auch richtig. Überhaupt nicht nachvollziehbar ist dagegen die beflissene Apokalyptik, mit der nun überall der weite Bogen geschlagen wird. Das Foto zeigt die Loveparade im Juli 2000.

(Foto: Reuters)

Aus Respekt gegenüber den Opfern, deren Familien und Freunden werde man die Parade nicht mehr fortsetzen. Diese Reaktion ist nicht nur unvermeidlich gewesen, sondern auch richtig. Ereignisse dieser Art sind selten, und einfach so weitermachen wie bisher kann man danach nicht. Man stelle sich nur einmal vor, was passiert wäre, wenn der Veranstalter auf der Pressekonferenz nicht das Ende der Loveparade ausgerufen, sondern bekanntgegeben hätte, dass man aus den Vorfällen seine Schlüsse ziehen und beim nächsten Mal einen geeigneteren Ort finden werde.

Überhaupt nicht nachvollziehbar ist dagegen die beflissene Apokalyptik, mit der nun überall der weite Bogen geschlagen wird. Das traurige Ende der diesjährigen Loveparade wird nicht nur als das gedeutet, was es war, nämlich offenbar die Folge fataler Organisationsfehler, sondern genüsslich als zwangsläufiger und begrüßenswerter Schlussakt einer ohnehin aus dem Ruder gelaufenen Jugend- und Popkultur, die längst abgeschafft gehört hätte: Seht her, da habt ihr's, war ja klar.

So stand nun etwa in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, geschrieben offenbar mit den ganz spitzen Fingern im finalen Stadium selbstzufriedener Ahnungslosigkeit: "Die ,Love Parade', ein Kind der Freizeitgesellschaft und ein Enkel der Friedensbewegung, ist am Ende. Die Feierfreude ist bei Leuten, die noch vor wenigen Tagen beim ,Public viewing' während der Fussball-Weltmeisterschaft den Reiz des Massenhaften genossen, erloschen." Aber sogar bei einer Online-Umfrage der in Sachen Pop eigentlich ungleich aufgeklärteren Berliner taz zeigt sich unverhohlen die Fratze des stumpfesten Elitismus gegenüber der Massenkultur. Auf die Frage, ob das Ende der Loveparade gekommen sei, antwortete die große Mehrheit mit dem Satz: "Hoffentlich. Die Loveparade ist doch nur noch Ballermann hoch zehn."

Die Wahrheit dürfte dennoch sein, dass alle, die sich jetzt in ihrem vermeintlich edlen Ekel mal wieder ganz vorne wähnen beim "Gutenachtküssen" (Thomas Meinecke), falsch liegen. Das Verabschieden ist eine bequeme Geste geworden, der viel zu selbstverständlich Autorität zugebilligt wird. Hat es aber nicht schon nach der ersten Katastrophe der Popkultur, dem Konzert der Rolling Stones 1969 in Altamont, bei dem ein Zuschauer von einem Security-Mann erstochen wurde, doch wieder große Open-Air-Konzerte gegeben? Vernünftigerweise waren nur die Hell's Angels als Ordner nicht mehr allzu gefragt.

Der Reiz des Massenhaften, so sonderbare Auswüchse er gelegentlich haben mag, ist jetzt keineswegs plötzlich erloschen. Die Erfahrungen der vergangenen beiden Fussball-Weltmeisterschaften haben eher gezeigt, dass er eine große Zeit hat. Ob einem das gefällt oder nicht. Das Problem der Duisburger Loveparade war ja gerade, dass zwei- oder dreimal mehr Menschen teilnehmen wollten, als erwartet worden waren. In anderen Fällen wäre das ein Argument für die Popularität einer Kultur. Was auch immer sie im Detail auszeichnet.

Man kann und soll aber natürlich in seinem eigenen geistigen Vorgarten weiter die kulturkritische Keule schwingen; man sollte nur nicht meinen, dabei naturgemäß auf der richtigen Seite zu stehen. Gerade was die Technokultur betrifft, das "große Bum Bum Bum" (Rainer Schmidt), ist man als Kritiker in einer Gesellschaft, deren Niveau und Differenzierungsvermögen man besser halten sollte. Thomas Groß etwa verwarf Techno und dessen hemmungslose Stilisierung durch den Schriftsteller Rainald Goetz schon Mitte der neunziger Jahre, als die Parade noch in Berlin stattfand, mit dem schönen Satz, Techno sei die "Technik des Glücks im Zeitalter seiner akustischen Reproduzierbarkeit". Und auch Diedrich Diederichsen fand Techno wenig später zum Gähnen "langweilig, schwerfällig und ohne jede Disco-House-Eleganz". Er war aber natürlich klug genug, nicht das Kind mit dem Bad auszuschütten, und erkannte ebenso an, dass die Musik "sozial signifikant" war, also eine "völlig neue Jugendkultur" mit sich brachte und schon allein deshalb "eine Weile im Recht" war.

Dass es von Zeit zu Zeit noch immer so ist, also wenigstens zuletzt immer zum Tag der Loveparade, muss man nicht gut finden, aber anerkennen. Geholfen hätte vielen wahrscheinlich schon, wenn sie am Samstag in der Welt gelesen hätten, wie besonnen sich Westbam, einer der wichtigsten deutschen Techno-DJs von der Loveparade, die er miterfunden hat, verabschiedete: Dass die Parade heute schlecht wäre, sei Unfug. Sie sei toll, nur "finde ich mich da nicht mehr so richtig wieder".

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