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"Total Recall" mit Colin Farrell:Im Wirbel der Identitäten

In "Total Recall" bietet eine Firma an, auf Wunsch neue Erinnerungen einzupflanzen. Aber wer das Leben nach seinen Träumen neu modelliert, endet im Chaos. Es ist die zweite Verfilmung einer Story des genialen Philip K. Dick, diesmal mit Colin Farrell statt Arnold Schwarzenegger.

Dann hab ich einfach reagiert, sagt der Mann, als er seiner Frau zu beschreiben versucht, was er eben erlebt hat. Wie er bei dieser Firma Rekall war und wie dort das Chaos ausbrach und er einfach eine Reihe uniformierter Polizisten erledigte, ein paar mehr und in einem noch beherzteren Furor als das legendäre tapfere Schneiderlein. Er, ein simpler Arbeiter, aus dem Handgelenk heraus, spontan, unbewusst. Er hat einfach reagiert, man kann es genauer nicht beschreiben, die physischen und psychischen, biologischen und neuronalen Prozesse, die da involviert waren.

Themendienst Kino: Total Recall

Colin Farrell in dem Science Fiction-Film 'Total Recall' von Len Wiseman.

(Foto: dapd)

Douglas Quaid ist ein typischer Held des Philip-K.-Dick-Universums, nach dessen Story "We Can Remember It for You Wholesale" ist der Film entstanden, es ist schon die zweite Verfilmung, die erste ist von 1990, von Paul Verhoeven, mit Arnold Schwarzenegger und Sharon Stone. Diesmal spielt Colin Farrell den Douglas und Kate Beckinsale seine Frau Lori. Es ist nicht leicht eine solche Frau zu befriedigen, wenn man so bodenständig ist wie der Arbeiter Douglas und von merkwürdigen Träumen heimgesucht wird, in denen man offenbar als fetziger Agent agiert. Eben deshalb ging Douglas zu Rekall, um sein Leben seinen Träumen anzupassen, das ist eine Firma, die einem neue Erinnerungen nach Wunsch einpflanzt, mit denen es sich besser leben lässt, Pauschalerinnerungen, statt der üblichen diversen Urlaube.

Dann ist etwas schiefgegangen, irgendwie gab es da schon falsche Erinnerungen in Douglas' Kopf, eine gefährliche verdrängte Identität, ein Einsatzkommando der Polizei rückt an, ist er ein Geheimagent der Regierung, ein Spion, ein Widerstandskämpfer? Es ist eine totalitäre Welt, in der sich Douglas bewegt, nach einem weiteren Weltkrieg, nur noch zwei Staaten sind geblieben, das britische Reich und, auf der anderen Seite, der australische Kontinent - ein dampfiges, übervölkertes Konglomerat, das an Blade Runner erinnert, einen anderen PKD-Film. Man nennt es die "Kolonie", damit ist die Beziehung, die zwischen den beiden Ländern besteht, ziemlich exakt beschrieben. Eine monströse Transportlinie, die direkt durch die Erde und ihren Kern führt, verbindet die beiden, wie eine mechanische Nabelschnur.

Helden, die nicht mehr wissen, wer sie sind

Es ist natürlich absurd, dass die PKD-Romane und -Geschichten, die meistens in einer hippieseligen Westküsten-Community lokalisiert sind, im Kino immer in krachige Actionreißer verwandelt wurden, die durch das Spiel mit den diversen Realitäten eine zusätzliche Monstrosität erhalten - Helden, die überhaupt nicht mehr wissen können, wer sie eigentlich sind, setzen ihre Verzweiflung in umso stärkeren Drive um.

Regisseur Len Wiseman, der als Zeichner und dann als Produktionsdesigner im Kino angefangen hat, will alles möglichst plastisch haben und vermeidet Computertricks so weit es geht, er schickt seine Helden, Colin Farrell und Jessica Biel, eine Kollegin aus einem seiner früheren Leben, durch verschiedene Welten, die er liebevoll ausmalt: die koloniale Welt, ein schickes postmodernes London und ein schlieriges der Nachkriegszeit. Man wird pauschal erinnert. We can remember it for you wholesale, eine schöne Formel auch fürs Kino.

Von der alten Paranoia, die Philip K. Dick dem LSD und dem FBI verdankte und die zur fröhlichen Preisgabe einer festen Identität verlockte, ist in der großspurigen Action dieses Films wenig geblieben. Einmal hockt Farrell an einem Flügel in einem kalt durchgestylten Nobelapartment, das angeblich eine seiner früheren Persönlichkeiten bewohnte und fängt zu spielen an - wer mag ihm in jenem Leben wohl den Anfang von Beethovens Sturmsonate gelehrt haben? Einfach reagieren, ein Handeln ohne Ziel und Vorsatz, das gilt natürlich auch für die Frau, Kate Beckinsale. "Total Recall" ist auch ein Film aus dem verflixten siebten Ehejahr.

Total Recall, USA 2012 - Regie: Len Wiseman. Buch: Kurt Wimmer, Mark Bomback. Kamera: Paul Cameron. Schnitt: Christian Wagner. Musik: Harry Gregson-Williams. Mit: Colin Farrell, Kate Beckinsale, Bill Nighy, Jessica Biel. Sony, 118 Minuten.