"Tod den Hippies! Es lebe der Punk" im Kino:Im alten Westberlin lauert der Abgrund

Das alte Westberlin, dieses anrüchige Atlantis, das unter den Wellen des Mauerfalls und der Gentrifizierung durch schwäbische Hipster versunken ist, scheint sich im Genre der versifften Slapstick-Klamotte generell recht wohl zu fühlen. Schon bei Sven Regener, noch so einem Westberlin-Neurotiker, geriet sein Roman "Der kleine Bruder", der in den frühen Achtzigern in Kreuzberg spielt und den mittleren Teil seiner "Herr Lehmann"-Trilogie bildet, zu einem einzigen verschwitzten Bier-Sketch. Oder die halbfiktive Doku "20 000 Days On Earth", die letztes Jahr im Kino lief. Da treffen die alten Westberlin-Paten Nick Cave und Blixa Bargeld aufeinander, die Roehler jetzt ebenfalls wiederauferstehen lässt. Beide werden plötzlich ein bisschen wortkarg, als sie auf die alte Zeit zu sprechen kommen: zu verrückt, um ernsthaft in Erinnerungen zu schwelgen, und dieses merkwürdig wissende Schweigen wiederum ist schon wieder große Komödie.

Tod den Hippies

Hier dürfen die Untoten des alten Westberlin wieder auferstehen: Alexander Scheer als Blixa Bargeld.

(Foto: Nik Konietzny / X-Verleih)

Als ein koordinatenloser Ort erscheint Berlin in diesen Erfahrungsberichten, von einer Zeitlosigkeit beseelt, hinter der irgendwie das Nichts lauert - was natürlich purer Kinostoff ist, immer am Abgrund. Weshalb "Tod den Hippies" mit Sicherheit auch nur ein Vorreiter von diversen anderen filmischen Aufarbeitungsorgien dieser Art sein wird, derweil die Regisseure, die jenes Atlantis als junge Menschen erlebt haben, nun immer mehr in den Erinnerungsmodus schalten.

Die Interieurs ein perverses Stück zu knallbunt

Was man Roehler in diesem Zusammenhang hoch anrechnen muss: Er verzichtet auf jegliche Nostalgie, die solche Teenager-Aufbereitungen normalerweise mit sich bringen. Sein Berlin ist in allen Außenszenen in einem zermürbenden Schwarz-Weiß gezeichnet. Und die Interieurs, in legendären Kneipen wie dem "Risiko" etwa, sind ein perverses Stück zu knallbunt, als dass Menschen sich wirklich dauerhaft in ihnen aufhalten könnten.

Westberlin, eine eingemauerte Zombiestadt also, ohne Ausweg? Nein, im Gegenteil, und auch das bringt nur ein begnadeter Spinner wie Oskar Roehler fertig: eine autistische Westberlin-Komödie zu drehen, die schließlich im Nahen Osten endet, mit einer Kühltruhe voller deutscher Schweinswürstel und einer Steinigung. Es lebe der Punk!

Tod den Hippies!! Es lebe der Punk, Deutschland 2015 - Regie und Buch: Oskar Roehler. Kamera: Carl-Friedrich Koschnick. Mit: Tom Schilling, Frederick Lau, Emilia Schüle, Hannelore Hoger, Samuel Finzi. X-Verleih, 94 Minuten.

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