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"To All the Boys: Always and Forever" bei Netflix:Schimmernder Dunst über Cupcake County

To All the Boys 3

Wird ihre Liebe die College-Zeit überstehen? Lana Condor und Noah Centineo in "To All the Boys: Always and Forever".

(Foto: Netflix)

Wie schlimm ist es, wenn der Boyfriend an einem anderen Elite-College zugelassen wird? Der Film "To All the Boys: Always and Forever" kennt die Antwort.

Von Nicolas Freund

Es gibt Probleme. Und es gibt Probleme, die hat man, wenn man etwa 18 Jahre alt ist. Was nicht heißt, dass diese weniger ernst sind, aber es sind eben ganz besondere Probleme. Und um diese geht es in "To All the Boys: Always and Forever", dem dritten Teil der Netflix-Verfilmungen der Romane um das Leben und Lieben der jungen Lara Jean, die besonders dadurch auffallen, dass jedes einzelne Bild aussieht, als müsse es jederzeit in einem Instagram-Feed bestehen können.

Lara Jean ist fast fertig mit der High School, die College-Bewerbungen sind raus, die Welt steht der jungen Frau offen. Und das hat etwas Bedrohliches. "Wo gehöre ich hin?" ist eine der überhöhten Fragen des Coming-of-Age-Genres, und die Halbkoreanerin Lara Jean sucht zu Beginn des Films ihre Wurzeln in - genau - Südkorea. Dort merkt sie aber schnell, als die Menschen sie auf Koreanisch ansprechen und sie ihnen nicht antworten kann, dass die Frage nach der eigenen Heimat nicht einfach mit Herkunft zu beantworten ist. Der Film spricht hier sehr subtil ein Thema an, das gerade in Zeiten von Nationalismus und Identitätspolitik brisant ist und sich hintergründig durch den ganzen Film zieht, ohne ihm aber etwas von seiner naiven Leichtigkeit zu nehmen.

Denn wer jemand ist, das dämmert Lara Jean so langsam, hängt nicht nur davon ab, wo man herkommt, sondern auch davon, wo man hingeht. Und Lara Jean geht mit ihrem Freund Peter nach Stanford. Sie wurde zwar noch nicht angenommen, und die Elite-Uni akzeptiert weniger als fünf Prozent der Bewerber, aber was soll schon schiefgehen? Auch den als College-Zulassung getarnten amerikanischen Sozialdarwinismus kritisiert der Film so sehr subtil, denn natürlich ist es nicht alles entscheidend, an welcher Uni man studiert, vor allem nicht, wenn man wie Lara Jean, so viel sei verraten, bald mehr als eine Elite-Uni zur Auswahl hat. Aber mit 18 scheint von so einer Entscheidung eben einfach alles abzuhängen.

Unter Stanford und Berkeley geht es in diesem Film nicht, in dem alle Schauspieler aussehen, als wären sie eigentlich für eine Zahnpastawerbung gebucht, obwohl sie die ganze Zeit Süßkram futtern. Sogar der Hund hat immer gute Laune und sitzt dekorativ, aber brav im Hintergrund. Muss mit dem jemand Gassi gehen, oder gibt es das in dieser Welt nicht? Wird nicht geklärt, auch nicht, warum die Männer alle so irre verständnisvoll sind. Es wird erstaunlich viel Kuchen gebacken und gegessen.

Wenn diese Menschen mit dem Bus durch New York fahren, kommen sie natürlich an allen Sehenswürdigkeiten der Stadt vorbei. Die Welt liegt diesen Teenagern und ihren Familien etwas zu sehr zu Füßen, alles ist etwas zu künstlich und hergerichtet. Das soll natürlich so sein, der Film ist auch Eskapismus in eine Welt, wie sie aussähe, würde man sie ausgehend vom dem Social-Media-Auftritt einer Teenagerin rekonstruieren, inklusive der Tagträume Lara Jeans und eines sehr schönen Zeichentrickfilters.

Die Probleme dieser künstlichen Menschen sind aber trotz ihrer Schicht aus Zuckerguss echt, wenn auch natürlich auf dem Niveau wohlhabender Westküstenfamilien. Dating als Daseinsmetapher, die Collegezulassung als Weichenstellung für das gesamte Leben, Selbstdarstellung als Lebensinhalt. Der Film spricht diese selbstgemachten Probleme an und macht mit einem knallbunten Inferno aus Cupcakes, Prom Nights und Liebesgeschichten klar: Bitte alles nicht zu ernst nehmen.

To All The Boys: Always and Forever, USA 2021 - Regie: Michael Fimognari. Buch: Katie Lovejoy, Jenny Han. Kamera: Michael Fimognari. Mit: Lana Condor, Noah Centineo, Madeleine Arthur. Netflix, 109 Minuten.

© SZ/kni
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