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Thilo Sarrazin:Der Bundesbanker und die Stämme Israels

Teilen alle Juden ein spezielles Gen? Bestimmt gar das Erbgut, wer Jude ist? Die Legende der jüdischen DNS hält sich seit langem - und sorgt auch im israelischen Parlament für heiße Debatten.

Es gab Zeiten, da standen "jüdische Gene" nicht sehr hoch im Kurs. Damals versuchte ein gewaltiger pseudowissenschaftlicher Apparat nachzuweisen, wer diese Gene in sich trug und damit nicht Teil der arischen Volksgemeinschaft werden konnte. Die Ergebnisse dieser Ahnenforschung kamen bekanntlich einem Todesurteil gleich.

Rabbi-Ordination At Leipzig Synagogue

Teilen die Juden ein bestimmtes Gen? Oder bestimmen sogar die Gene darüber, wer Jude ist? Sarrazins populärwisschenschaftliche Aussagen sorgen für große Verwirrung.

(Foto: Getty Images)

Dann gab es Zeiten, da erfreute sich das "jüdische Gen" einer gewissen Konjunktur. In den Jahren nach 1945 hatten plötzlich ganz viele Deutsche ihre jüdischen Vorfahren entdeckt. Sie konnten damit von der Tätergemeinschaft in die Opfergemeinschaft wechseln oder sich einfach nur Care-Pakete jüdischer Hilfsorganisationen beschaffen. Die Schlagzeile einer deutsch-jüdischen Zeitung im Jahre 1946 lautete: "Jüdische Großmütter zu Schwarzmarktpreisen".

Lange blieb es ruhig um die These einer biologistischen Definition der Juden. Eine angebliche jüdische Rasse oder jüdische Gene festzustellen erschien nicht mehr opportun. In der letzten Zeit aber kann man wieder viel darüber hören: in naturwissenschaftlichen Fachzeitschriften, in israelischen Parlamentsdebatten und in allerlei Blogs. Irgendwo hat Thilo Sarrazin dies aufgeschnappt und die These verbreitet, dass "alle Juden ein bestimmtes Gen teilen". Seitdem diskutiert Deutschland über das "Juden-Gen".

Die Wissenschaft schmunzelt höchstens

Bei Wissenschaftlern sorgt die Idee, es gäbe ein "jüdisches Gen", höchstens für ein Schmunzeln. Zwar gibt es bestimmte häufiger vorkommende Genvarianten unter Bevölkerungsgruppen, die Jahrhunderte lang weitgehend endogen gelebt haben. Dazu gehören auch die meisten der vorwiegend aus Osteuropa stammenden aschkenasischen Juden. So tauchen etwa bestimmte Erbkrankheiten unter dieser Bevölkerungsgruppe häufiger auf als anderswo.

Der amerikanische Physiker und Anthropologe Gregory M. Cochran hat dazu zusammen mit Jason Hardy und Henry Harpending im Jahr 2005 im Journal of Biosocial Science die nicht unumstrittene Studie "Natural History of Ashkenazi Intelligence" publiziert. Auch hat man bei Nachfolgern der Hohepriester, den durch patrilineare Linie definierten Kohanim, einen auffallend hohen Anteil bestimmter Y-Chromosom-Marker festgestellt.

Doch kommt es eben auf die Feinheiten an. Es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen der Feststellung, dass bestimmte Genvarianten unter einem Teil der aschkenasischen jüdischen Bevölkerung mit größerer Häufigkeit auftauchen, und der Behauptung, dass alle Juden ein bestimmtes Gen teilen. Über die Herkunft "aller Juden" sagen die Ergebnisse der Genforschung nämlich gar nichts aus.

Wie könnte es auch anders sein? Juden lebten jahrhundertelang nicht nur in Osteuropa, sondern auch in Nordafrika, im Jemen, in Iran, ja selbst in Indien und China. Dass diese alle ihren Stammbaum auf König David zurückführen können, mag man bezweifeln. Gemäß der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, ist Jude, wer eine jüdische Mutter hat oder zum Judentum konvertiert ist. So kam es bereits in der Antike immer wieder zu Konversionen zum Judentum; im Falle des im Kaukasus beheimateten Chasarenvolkes nahm wohl die gesamte Oberschicht im 8. oder 9. Jahrhundert die jüdische Religion an.

Manche Historiker wollen sogar alle aschkenasischen Juden als Nachkommen der Chasaren ausmachen. Ab Beginn des 20. Jahrhunderts wird die Sache noch viel komplizierter. In vielen deutschen Großstädten war vor 1933 jede dritte von einem jüdischen Partner geschlossene Ehe eine interreligiöse Ehe.

Mit DNS-Tests zur israelischen Staat

Solche notwendigen Differenzierungen geben freilich nicht das Material für Bestseller ab. Auch tragen sie nichts zu den Erträgen privater Firmen bei, die mittels DNS-Tests die jüdische oder irgendeine andere Abstammung nachweisen wollen. Schließlich kommen sie auch all denjenigen ungelegen, die sich auf die Suche nach den zehn verlorenen Stämmen des biblischen Israel begeben.

Mithilfe von DNS-Tests könnten Millionen von Mizo aus Birma, Ibo aus Nigeria und Lemba aus Südafrika nachweisen, dass sie die Voraussetzungen für den Erwerb der israelischen Staatsbürgerschaft besitzen und so bald zu den neuen Siedlern der Westbank gehören. In der Tat führten die Ansprüche mehrerer afrikanischer und asiatischer Volksstämme in den letzten Jahren zu heftigen Diskussionen in Israel, wer Jude ist und damit das Recht hat, sich dort auf der Grundlage des "Rückkehrgesetzes" niederzulassen.

Mit Hilfe von Abstammungstheorien und Genealogietests kann im 21. Jahrhundert der größte bevölkerungspolitische Unfug auf eine pseudowissenschaftliche Grundlage gestellt werden. Wenn wir die komplexen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Genetiker auf Schlagworte verkürzt in den kulturellen und politischen Diskurs eindringen lassen, zündeln wir mit Brandsätzen, deren Explosionskraft unsere Geschichte nur allzu gut bewiesen hat.

Der Autor hat den Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität München inne. Seine Kleine jüdische Geschichte (C.H. Beck, 2008) ist gerade bei Princeton University Press in englischer Übersetzung erschienen.