Theater Zuflucht in den Bildern

Eine bunte Truppe aus Kroaten, Polen, Deutschen: Das neugegründete Europa Ensemble auf Utopie-Suche in Stuttgart.

(Foto: Björn Klein)

Was kann Theater anders oder besser als die EU? Oliver Frljić geht mit dem neu gegründeten Europa Ensemble in Stuttgart auf Utopiesuche.

Von Ekaterina Kel

Im Kammertheater des Schauspiels Stuttgart bewegen sich sechs junge, ambitionierte Darsteller. Mal streichen sie Haarsträhnen weg, mal wischen sie sich den Schweiß von der Stirn, mal erzählen sie, vom vielen Herumspringen noch schwer atmend, ihre Familiendramen. Sie sollen hier mehr einbringen als ihre fragilen Menschenkörper. Zur Disposition steht ihre Internationalität. Es sind zwei Kroaten, zwei Polen und zwei Deutsche mit russischen und tibetischen Wurzeln. Drei Frauen, drei Männer, zwischen 30 und 25 Jahren. Gecastet für ein ambitioniertes Projekt: das Europa Ensemble.

Wie macht man europäisches Theater? Muss es konkret politisch sein? Wenn ja - was kann Theater der Kakofonie aus politischem Diskurs, journalistischer Analyse und phrasenschleuderndem Aktionismus noch hinzufügen, was sich nicht wie ein klägliches Echo anhört? Und wenn nein - ist die Antwort ein progressives Casting mit Diversität als oberster Prämisse? Oliver Frljić jedenfalls entscheidet sich in seinem Stück "Imaginary Europe" für letzteres. Dass Ästhetiken und Produktionspraktiken aus der freien Szene den Weg in große Institutionen finden, ist schon länger der Fall. Auch setzen die deutschen Theater immer mehr auf internationale Zusammenarbeit. Die erste Arbeit des Europa Ensembles ist gleichzeitig der Auftakt einer Koproduktion des Stuttgarter Theaters mit dem Nowy Teatr in Warschau, dem Zagreb Youth Theatre und dem Nationaltheater Athen als "assoziiertem Partner" (weil es wohl nicht genug Mittel hatte, um als vollständiger Partner mitzumachen). Für eine Folgeinszenierung in Warschau ist schon die französisch-polnische Regisseurin Anna Smolar gebucht, für Zagreb der Grieche Anestis Azas. Dem Intendanten Burkhard C. Kosminski schwebt gar die Vision eines "großeuropäischen Ensembles" vor. Auch der Chefdramaturg aus Polen, Piotr Gruszczyński, und die Intendantin aus Kroatien, Snježana Abramović Milković, zeigten sich bei der Vorstellung ihrer Pläne europabeflügelt.

Der gesprochene Text auf der Bühne besteht größtenteils aus Auszügen von Peter Weiss' "Ästhetik des Widerstands" und Walter Benjamins Überlegungen zu Paul Klees Bild "Angelus Novus" in "Über den Begriff der Geschichte". Ergänzt wird es mit Persönlichem aus dem Leben der sechs Darsteller und tatsächlich lustigen Einwürfen aus der Feder des Regisseurs. Der Abend dreht sich um zwei Gemälde, die exemplarisch für das Versagen und Bestreben Europas stehen, "Das Floß der Medusa" von Théodore Géricault und "Die Freiheit führt das Volk" von Eugène Delacroix. Als Riesenpuzzles werden sie live zusammen- und auseinander gebaut.

Ein Rock für Hitler, eine Hose für Stalin, eine Jacke für den Kommunismus

Die Bilder, die sich einbrennen, sind aber andere: ein erschlaffter nackter Körper, Kunstblut auf der Haut, darauf mit Fingern freigewischte Großbuchstaben: E-U-R-O-P-A. Die Leiche wird auf einer Plastikplane weggetragen. Dazu Stille. Oder die Szene, in der die russisch-deutsche Claudia Korneev, frisch von der Schauspielschule, große helle Augen, Aufmüpfigkeit im Gesicht, mit ausgestreckten Armen dasteht. Rechter Arm: deutsche Schuld, linker Arm: russische Schuld, sagen ihre polnischen Kollegen. Sie werfen ihr Kleidungsstücke auf die Arme, ein Rock für Hitler, eine Hose für Stalin, eine Jacke für den Kommunismus, eine Unterhose für den Faschismus. Bis Korneev ein Hügel aus Stoff auf zwei Beinen ist, wankend unter der Last.

Ein anderes Bild: Jan Sobolewski und Jaśmina Polak, beide nackt, halten ein etwa drei Meter großes Kruzifix aus Pappe, er links, sie rechts. Sie versuchen, den leidenden Jesus am Kreuz zum Stehen zu bringen, aber er hält nicht. Immer wieder droht das Pappkreuz umzufallen, und so sind die zwei nackten Polen für immer verdammt, ihren Jesus aufrechtzuerhalten.

Das imaginäre Europa von Frljić kommt von "imago", Bild. Vielleicht muss man es sich so erklären: Wenn die richtigen Worte fehlen, weil die eigentlich nötigen Worte etwas über eine Utopie erzählen müssten und Sprache das nicht hergibt, egal welche, dann bieten Bilder eine heilsame Zuflucht. Frljić, der freche Bühnenberserker, führt in Stuttgart das dringlich Politische seiner Gedankenwelt mit dem sinnlich Unmittelbaren sinnvoll zusammen. Das Reden überlässt er den Bildern. Hinter all den schrillen Kostümen, der Nacktheit, dem lauten Gebrüll und den zynischen Bemerkungen steht eine Frage: Kann Europa noch etwas anderes als die EU? Die Antwort kommt vom Papp-Jesus: In der Utopie, sagt er, ist kein Platz für Religion und Privateigentum.