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Theater:Wann anders ist nie

Das Telefon klingelt, eine Stimme kündet von einer besseren Zukunft, irgendwann vielleicht. Bis die eintrifft, erstarren Tschechows „Drei Schwestern“ (Eva Löbau, Anna Maria Sturm und Marie Groothof) in sich ewig wiederholender Untätigkeit.

(Foto: Judith Buss)

An den Münchner Kammerspielen inszeniert Susanne Kennedy Tschechows "Drei Schwestern" bildgewaltig: als Philosophie der Erwartung.

Die Gegenwart ist ein Ächzen. Ein Jammern, ein qualvolles, immer lauter anschwellendes Seufzen , das in den Zuschauerraum dringt. Über die komplette Bühne ist eine Projektionsfläche gebaut, in deren Mitte ein Guckkasten, ein Bilderrahmen installiert ist. Licht aus, Licht an, nun stehen darin regungslos drei Frauen in folkloristisch anmutenden Kostümen mit ausgestellten Röcken, das Gesicht hinter schwarzem Stoff verborgen. Black. Aus dem Off: "Something happened to me yesterday." Black. Die drei Frauen bewegen sich langsam. Black. An einem Tisch hantiert ein Mann in grellem Pulli mit einem Ding, das ein Tablet sein könnte, und macht Fotos. Black. Die Gegenwart ist das Bild eines Bildes - so könnte man Susanne Kennedys "Drei Schwestern" auch betrachten, die sie jetzt an den Münchner Kammerspielen inszeniert hat. Ein philosophischer Abend, bildgewaltig, beklemmend und von immenser Sogwirkung.

In 41 Bildern kreist die Regisseurin um das Hauptmotiv des Tschechow-Klassikers, der 1901 uraufgeführt wurde: die Verlagerung des Glücks in eine noch nicht angebrochene Zukunft und die absolute Unmöglichkeit, aus dem Jetzt auszubrechen. Der gegenwärtige Moment dient allein dem Morgen, das Heute gilt den Figuren wenig. In Moskau, so hoffen sie, wird alles besser. "In zwei-, dreihundert Jahren wird das Leben auf der Erde unvorstellbar schön sein", sagt im Original der Oberstleutnant Werschinin. Schön ist immer wann anders. Und wann anders ist nie.

Irina, Mascha und Olga sind gefangen. Und auch wir Zuschauer sind ihre Wärter

Kennedy bedient sich in dieser Inszenierung bekannter Mittel. Die Schauspieler tragen meist neonfarbene Klamotten und, wie immer bei ihr, starre Gummimasken (Kostüm: Teresa Vergho), die an glatzköpfige Crash-Test-Puppen erinnern (darunter stecken diesmal Marie Groothof, Eva Löbau, Anna Maria Sturm, Walter Hess, Christian Löber und Benjamin Radjaipour). Die Sätze, die zu hören sind, kehren immer wieder, aus dem Off, aus einem Telefonhörer, mal bewegt einer der Schauspieler den Mund dazu in Playback. Neben philosophischen Texten und Passagen aus einem Kitschfilm sind Tschechow-Sätze dabei, auf deutsch und englisch, mal eindringlich, dann müde vorgetragen. Es sind Variationen der immer gleichen Belanglosigkeiten über das Wetter und das Essen. Über die große Wand rauschen animierte Hintergrundbilder wie über einen Computerdesktop. Zwischendurch senkt sich eine kleinere Leinwand vor die Schauspieler, auf der die Figuren, zu grobkörnigen Pixeln zerlegt, noch einmal zu sehen sind (großartige Bühne von Lena Newton und klug eingesetztes Video von Rodrik Biersteker).

Ausgangspunkt ihrer Inszenierung sei der Gedanke der ewigen Wiederkunft von Friedrich Nietzsche gewesen, ließ Kennedy vorab wissen. Für den Philosophen verläuft die Zeit in einem Kreis, das Leben eines jeden wiederholt sich. "Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge", schreibt Nietzsche in "Die fröhliche Wissenschaft". Er überlegt: Läge in dieser Vorstellung der ewigen Wiederholung die absolute Freiheit zur Bejahung oder die absolute Last der Entscheidung? Uneingeschränkt Ja zur Gegenwart sagen zu können, das ist für Nietzsche das größtmögliche zu erreichende Glück.

Seit mehr als hundert Jahren Theatergeschichte ist das Jetzt für Irina, Mascha und Olga eine furchtbare Plage und somit nicht wiederholungswürdig. Uneingeschränkt ja sagt da keine. Kennedy bietet nun verschiedene Versionen des Festsitzens der Schwestern an. Sie essen Äpfel, starren auf einen Brummkreisel, der sich nicht bewegt, heben den Telefonhörer ab, warten. Keine Version der gezeigten Gegenwart ist dabei einer anderen überlegen, alles ist gleich wahr und somit gleich unwahr. Die Regisseurin legt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft übereinander, tauscht sie aus, macht sie obsolet. Es ist ja sowieso egal, die Schwestern entkommen ihrem Schicksal nicht. Heute nicht - und morgen auch nicht.

Kennedy aber wiederholt nicht nur den Inhalt dieses Stückes, sondern auch die Form der Wiederholung: Durch das Ritual des Theaterbesuchs, das der Zuschauer immer und immer wieder vollzieht, um sich den Klassiker anzuschauen, hält auch er die Schwestern in der Endlosschleife gefangen. Das Motiv der Rahmung spielt darauf an. Da gibt es den Bilderrahmen, den die Figuren in den Händen halten, dann den Rahmen, in dem sie spielen. Und es gibt den goldenen Theaterrahmen der Kammerspiele, vor dem der Zuschauer sitzt und zuschaut. Auch das ist eine Art Kreislauf.

Kennedy ist mit ihrem radikalen Theater erfolgreich. Arbeiten wie "Fegefeuer in Ingolstadt" (2013) und "Warum läuft Herr R. Amok?" (2014) wurden zum Theatertreffen eingeladen und ausgezeichnet. Manche werfen ihr das Bedienen der immer gleichen Masche vor, mangelnde Entwicklungsfähigkeit. Immer, wenn Regisseure eine radikale Ästhetik und Form erschaffen, laufen sie Gefahr, zum Sklave dieser Form zu werden. Das gilt für Regisseure wie Ulrich Rasche, der seine Figuren stets durch und über gigantische Maschinen jagt, was bei den "Räubern" hervorragend, bei "Elektra" (beides Münchner Residenztheater) eher nicht so funktionierte. Das gilt auch für Susanne Kennedy und ihre stets ähnliche Entfremdung der Schauspieler von der Mimik und dem gesprochenen Wort durch die Masken. So glich ihre letzte Arbeit in München, "Die Selbstmord-Schwestern", auch eher einem psychedelischen Kindergeburtstag mit Puppen als dem Nachdenken über die Frage, warum sich ein paar Schwestern umbringen. Mit "Die drei Schwestern" aber gelingt es ihr wieder, die Mittel ihren Ideen dienlich zu machen, nicht umgekehrt. Die Wechsel zwischen den Bildern sind schnell und präzise. Die Schauspieler, von denen man wie oft bei Kennedy keine und keinen hervorheben kann, denn darum geht es nicht, agieren in der Freiheit, die ihnen die Sprachlosigkeit und der Verzicht auf ihr Gesicht bieten. Knapp 90 Minuten verdichten sich so zu präziser Bühnenkunst, halb Installation, halb Performance - mit albtraumhafter Atmosphäre. Es ist, als durchblättere man ein Fotoalbum mit dem Titel "Grausame Variationen des Gefangenseins". Das philosophische Prinzip der ewigen Wiederkunft, wie eine Schablone auf das Stück gelegt, verstärkt den Eindruck der Ausweglosigkeit. Die Melancholie der Gummigesichter und die Unbeweglichkeit der Figuren verführen dazu, sie für Verdammte zu halten.

Auch Susanne Kennedy erlöst die Schwestern am Ende nicht aus ihrer Gefangenschaft. Wie zu erwarten steigt keine von ihnen aus dem Rahmen hinab auf den Theaterbühnenboden, um sich auf den Weg ins gelobte Moskau, auf den Weg in eine schönere Zukunft zu machen. Doch für Kennedy geht es eben nicht darum, die Gegenwart unbedingt zu verändern, sondern darum, diese liebevoller zu betrachten. Zu bejahen, wie Nietzsche sagen würde. Vielleicht also muss man sich diese drei Schwestern als glückliche Menschen vorstellen.