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Theater:Menschenformer

Jörg Hube, 1993

Der Drang nach Freiheit ist stärker als viele Regeln: Eine der wichtigsten Tugenden Jörg Hubes war wohl seine Dickköpfigkeit.

(Foto: SZ Photo/Regina Schmeken)

Vor zehn Jahren starb Jörg Hube - eine Veranstaltungsreihe ehrt den zart sensiblen und furchtbar wütenden Schauspieler

Ohne ihn trüge Jens Harzer nicht den Ifflandring. Ohne ihn wäre Georg Ringsgwandl als Bühnenautor an den Kammerspielen gescheitert. Und - noch viel wichtiger - ohne ihn gäbe es auf der Oidn Wiesn kein Herzkasperlzelt. Denn er hat den Herzkasperl, diese nicht immer lustige, oft böse, aber immer seltsam wunderbare Figur für sich erschaffen: Jörg Hube, der große Münchner Schauspieler und - mit Ausnahmen - Menschenfreund. Vor zehn Jahren, am 19. Juni 2009, starb Jörg Hube im Alter von 65 Jahren. Nun richten der Falckenberg-Dozent Tristan Berger und Fraunhofer-Wirt Beppi Bachmeier in seinem Gast-, Kino- und Theaterkomplex zusammen mit Freunden und Weggefährten dem Künstler ein fünfwöchiges Memento ein. Eine Veranstaltungsreihe vom 14. Juni bis 21. Juli, gestaltet von Menschen, denen die Nennung des Namens Jörg Hube immer noch ein Lächeln der Erinnerung ins Gesicht zaubert.

Auf dem kleinen Leporello, mit dem diese fünf Wochen angekündigt werden, steht geschrieben: "Lieber ein Spatz in der Freiheit als ein Pfau im Zoo"; ein Lebenssatz des bedingungslosen Schauspielers und Menschengestalters Hube, mit dem er sein Leben bilanziert sehen wollte. Wobei der Spatz schon ein bisschen kokett erscheint, denkt man an die großen Rollen, denen Hube seine Kunst widmete, vom fränkischen Bauleiter Otto Wohlleben in Edgar Reitz' "Heimat"-Vielteiler, über den "Gerichtsvollzieher" in der TV-Serie von Peter Weck bis zu Vater und Sohn Grandauer in "Die Löwengrube". Aber Pfau? Nein, Pfau wollte Jörg Hube nie und nimmer sein.

Die Journalistin Eva Demmelhuber hat ihm mit "Jörg Hube, Herzkasperls Biograffl, ein Künstlerleben" ein wunderbares Erinnerungsbuch gewidmet. Blättert man darin, fallen einem wieder diese verrückten Geschichten ein mit Jörg Hube, von denen Fraunhofer-Wirt Bachmeier sagt, dass es jedem so ähnlich gehe, der ihn kennen gelernt hatte; dass dann jeder sagt: "Ja mei, das werd' ich nie vergessen, wie der Hube damals ..., weißt du noch?"

So wird sich wohl auch Jens Harzer daran erinnern, wie er damals, gerade 19 Jahre alt, vor der Prüfungskommission der Otto-Falckenberg-Schule stand und offenbar etwas verloren wirkte, so verloren, dass ihn die Prüfer nicht zur Abschlussrunde zulassen wollten. Da aber spielte Jörg Hube, zu der Zeit Direktor des Schauspielinstituts, eine seiner wichtigsten Tugenden aus: die der Dickköpfigkeit. Er setzte nicht nur durch, dass Harzer bleiben durfte, sondern übte mit ihm den großen Monolog des St. Just aus Büchners "Dantons Tod" für diese letzte Runde ein: "Es scheint in dieser Versammlung einige empfindliche Ohren zu geben, die das Wort 'Blut' nicht wohl vertragen können ..." Der Rest ist Geschichte.

Nun wird man sich also an diese und andere Ereignisse mit und um Jörg Hube erinnern. Nicht nur an seine tiefem Wissen geschuldete Sturheit, was das Schauspielhandwerk betrifft, auch an seinen aus dieser Sturheit entwachsenen Jähzorn, zwei Eigenschaften, die ihn schon als Kind zum Leidwesen all jener prägten, die ziemlich erfolglos versuchten, den jungen Jörg zu erziehen. Vielleicht liegt der Grund für den legendären Hube'schen Zorn in dieser Zeit versteckt. Weil der Vater, auch durchaus renommierter Schauspieler, sich bald nach der Geburt aus dem Staub gemacht und Mutter und Sohn in der Kriegs- und Nachkriegszeit im Stich gelassen hat. Der Bub verbrachte viel Zeit in diversen Heimen, weil die Mutter zu wenig für ihn Zeit hatte. Aber er pflegte, sauber mit Hand geschriebene Briefe belegen das eindrücklich, seine tiefe Liebe zu ihr mit wunderbar zarten Sätzen. Auch davon wird man bei der Rückschau zu hören bekommen.

Und was Hubes Tobsuchtsanfälle betrifft, so kann und wird wohl auch Georg Ringsgwandl davon erzählen. Wie dieser damals, bei den Proben in den Kammerspielen zu seinem Bühnenerstling "Die Tankstelle der Verdammten", ihn, den doch schon renommierten Arzt und Kleinkunstbühnenstar, zur Sau machte, weil er, so Hubes Meinung, einen Schauspieler wohl allzu sehr von oben herab behandelt habe. Auch Beppi Bachmeier weiß von "zerdepperten Stühlen" zu berichten im Rahmen der diversen Herzkasperl-Abende und davon, dass Jörg Hube sich dann immer ganz höflich für seinen Ausfall entschuldigt habe. Dass es auf der Oidn Wiesn ein Herzkasperl-Zelt gibt, ist Beppi Bachmeier zu verdanken und seiner Berufung, dieser Figur und ihrem Gestalter ein prominentes Ehrenmal zu schaffen.

Wie allgegenwärtig Hube damals war, sieht man beim Durchblättern durch das Memento-Programm. Hansi Well und seine Wellbappn eröffnen den Reigen am Freitag, den 14. Juni, dicht gefolgt von den Well-Brüdern "aus dem Biermoos" beim Sonntagsfrühschoppen zusammen mit Monika Baumgartner, dem Theaterfachmann Jürgen Flügge und dem Schauspieler Michael Tregor, den Stephan Zinner moderiert. Es liest dann der Hube-Schüler Stefan Wilkening aus Klaus Manns "Mephisto", es gibt einen "Lauschabend" mit Texten, die Jörg Hube für den Rundfunk eingelesen hat, Gerhard Polt erzählt von der gemeinsamen Arbeit, die Absolventen des Abschlussjahrgangs 1995 erinnern an ihren geliebten Chef. Der ja dann überraschend dieses Amt niederlegte. Den Grund dafür gestand einer einmal der Emmi, der legendären Wirtin vom Gläsernen Eck gleich hinter den Kammerspielen. "Ich muss da jetzt aufhören, weil mir die jungen Madl so gefallen." Zu diesem 95er-Jahrgang gehörte nicht nur Jens Harzer, sondern auch Anna Schudt, frisch geehrt mit dem Bayerischen Fernsehpreis, die man auch als Kommissarin Martina Bönisch aus dem Dortmunder "Tatort" kennt. Auch sie will, vorbehaltlich terminlicher Probleme, zu diesem Abend kommen.

Am Sonntag, den 30. Juni, könnte es ein bisschen traurig werden. Da erzählt Georg Ringsgwandl von Jörg Hube, nicht nur von der Zusammenarbeit bei der "Tankstelle der Verdammten", sondern vielleicht auch davon, wie Hube, wenige Monate vor seinem Tod, noch mit ihm beim Skifahren gewesen war. Hube, der den Krebs bekämpfte, in dem er sich gegen Chemotherapie und Operation entschied, wusste, dass er nicht mehr lange würde leben können. Trotzdem war er, so schildert es Ringsgwandl in einem feinen Aufsatz in Demmelhubers Buch, sei der Jörg, "in der Runde noch immer der mit Abstand unterhaltsamste von uns allen" gewesen.

"Hier sitz' ich, forme Menschen nach meinem Bilde", dieses Zitat aus Goethes Prometheus-Gedicht nutzte Jörg Hube in einem Essay mit dem Titel "Ich wollt ja immer schon Schauspieler werden" als Definition dieses Berufs. Und endet mit der Erkenntnis: "Was ist denn das für eine Kunstgattung? Ja, ich weiß es auch nicht."

"Jörg Hube, Veranstaltungen zum 10. Todestag" , Programm inklusive der Filmreihe im Werkstattkino findet man unter fraunhofertheater.de