Theater Die Liebe zur Anarchie

"Ein im Waisenhaus aufgewachsener Mann, Erwin, sieht eines Tages ein Stück Himmel in den Augen eines anderen Mannes" - so beschreibt Regisseur Śmigiel, was Thomas Loibl (im Bild) spielt.

(Foto: Konrad Fersterer)

Kurze Probenzeit, viel Kaffee, wenig Schlaf: Aureliusz Śmigiel arbeitet ähnlich wie Fassbinder - ausnahmsweise. Dessen Stück "In einem Jahr mit 13 Monden" inszeniert er jetzt am Residenztheater

Von Christiane Lutz

Aureliusz Śmigiel ist ein Augenkneter und Haareraufer. Letzteres erklärt die wilde Frisur, mit der er in der Kantine des Residenztheaters sitzt - übrigens ein wunderbarer Ort zwischen Kunst und weltlichen Bedürfnissen. Augen kneten und Haare raufen muss Śmigiel nicht etwa, weil er sauer wäre, sondern weil er schwankt zwischen Müdigkeit und Arbeitswahn. Ohne den Einsatz der Hospitanten, ohne Assistenten, ohne seine "Crew", das wiederholt er immer und immer wieder, würde er diesen Job nicht bewältigt kriegen. Am Samstag ist Premiere von "In einem Jahr mit 13 Monden", seine Adaption des gleichnamigen Films von Rainer Werner Fassbinder. Oder besser: eine Adaption, denn Aureliusz Śmigiel ist erst vor drei Wochen als Regisseur engagiert worden.

Eigentlich hätte Cilli Drexel das Stück inszenieren sollen, doch es passte wohl nicht. Sie brach die Probenarbeit ab und übergab an Śmigiel. Der setzte alles auf null, verschob die Rollenaufteilung unter den Spielern ein wenig, brachte seinen Bühnenbildner Martin Eidenberger mit und Kostümbildnerin Larissa Pichler. "Erleichtert wurde das Ganze natürlich dadurch, dass sich die Crew schon sehr tiefsinnig mit dem Stoff auseinander gesetzt hatte", sagt Śmigiel, "dafür bin ich sehr dankbar." Überhaupt, auch das wiederholt er oft, sei das Residenztheater großartig, die Menschen, die dort arbeiten, sowieso. Am Nebentisch geht Thomas Loibl seinen Text mit einer Hospitantin durch. "Sehen Sie?" flüstert Śmigiel, "er wiederholt seinen Text. Er kann seinen Text!"

Thomas Loibl spielt die Hauptrolle, die Elvira Weishaupt, eine schmerzensreiche Figur auf der Suche nach der Liebe. Sie zieht von Niederlage zu Niederlage, wie Saint-Exupérys kleiner Prinz ist sie zu dünnhäutig für die Grobheit dieser Welt. Der Film ist eine Art Stationendrama, das den Zuschauer und Elvira Weishaupt bis zum tragischen Ende in völliger Einsamkeit führt. Śmigiel beschreibt es so: "Ein im Waisenhaus aufgewachsener Mann, Erwin, sieht eines Tages ein Stück Himmel in den Augen eines anderen Mannes. Er sieht das, was in ihm zubetoniert wurde. Die Liebe." Dieser Mann, Anton Saitz, wischt diese Liebe einfach weg, Erwin sei ja kein Mädchen. So lässt sich Erwin zu Elvira umoperieren, "dabei ist er eigentlich weder schwul noch ein Transvestit. Er tut es für die Liebe". Als Elvira stößt Erwin auf Ablehnung, er wird emotional missbraucht, findet keinen Platz in der Gesellschaft. Zwar hat er in Exfrau Irene (Nora Buzalka) und seiner Tochter (Mathilde Bundschuh) zwei Menschen, die ihn halbwegs akzeptieren, ihr Leben aber haben auch sie längst ohne ihn eingerichtet. "Aber Elvira ist ein Fighter", sagt Śmigiel, ein Kämpfer, "er geht immer weiter und weiter. Aufs Licht zu." Weil er bis zum Ende hofft.

"In einem Jahr mit 13 Monden" gilt als Fassbinders persönlichster Film. Er verarbeitet darin den Verlust seines Ex-Partners, Schauspieler Armin Meier, der sich das Leben nahm, nachdem Fassbinder die Beziehung zu ihm beendet hatte. Śmigiel hatte den Film einst im Kino gesehen, in Krakau in den Achtzigerjahren, da war er noch Student. Jetzt wollte er den Film auf keinen Fall noch einmal anschauen, um sich nicht beeinflussen zu lassen. "Denn wer ist schon so gut wie Fassbinder? Nur Fassbinder!" Aber natürlich kennt er Fassbinders andere Filme; neben seinem Bett in Berlin, so erzählt er, liegt ein Buch mit Fassbinders Stücken. "Das ist schon alles mit Blut geschrieben." Die anarchistische, wilde Art, wie der Künstler an Stoffe heranging, liegt ihm nahe. Die Substanz, der Sound erinnert ihn an Sarah Kane oder manche Werke von Dea Loher, zwei Autorinnen, die Śmigiel sehr verehrt. So hatte er nicht das Gefühl, sich mit der spontanen Zusage ans Residenztheater auf völlig unbekanntes Terrain wagen zu müssen. Seine künstlerische Vision für die Produktion entwickelte er nach einem überstürzten Aufbruch im Flugzeug nach München und dann in zahlreichen nächtlichen Sitzungen mit Bühnenbildner Martin Eidenberger. Dieses Arbeiten bis zum Anschlag, "das passt ja zu Fassbinder. Man könnte sagen: Das war bei ihm Plan und Methode".

Die Inszenierung soll auch den Beginn von Śmigiels Rückkehr auf die große Bühne markieren. Der 48-Jährige arbeitete in den vergangenen Jahren vor allem als Dozent an verschiedenen Schauspielschulen: UdK Berlin, Mozarteum in Salzburg, bald auch an der AdK in Ludwigsburg. Unter seinen zahlreichen Studenten waren auch manche, die nun am Residenztheater engagiert sind: Marcel Heuperman und Mathilde Bundschuh zum Beispiel, die jetzt beide in seiner Produktion dabei sind, was ihn wieder zu einem Kompliment verleitet: "Schlau vom Haus, die beiden zu engagieren. Ich hätte sie auch engagiert", sagt Śmigiel.

Für die Premiere am Samstag will Aureliusz Śmigiel keine Schonbehandlung durch das Publikum, nur weil er so kurzfristig eingesprungen ist. "Der Abend soll ein Punk-Konzert werden. Aber nicht so auf vier Akkorden rumgerotzt, sondern anspruchsvoll", sagt er. Anarchistisch, wild, poetisch. Wie Fassbinder eben.

In einem Jahr mit 13 Monden, Samstag, 11. März, 20 Uhr, Residenztheater, Marstall