Zur Zukunft des Theaters:Die Lage ist dramatisch - machen wir ein Drama daraus!

Gustaf Gründgens in "Hamlet", 1936

Shakespeares "Hamlet", eines der beliebtesten Stücke. Gustaf Gründgens spielte die Rolle 1936 in der Regie von Lothar Müthel.

(Foto: Scherl / Süddeutsche Zeitung Photo)

Theater erschüttert unsere Welt und liefert den Impfstoff der Möglichkeit. In der Corona-Krise ist es kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Wir müssen Wege finden, es wieder zu riskieren.

Gastbeitrag von Albert Ostermaier

Wenn ich "Die Zukunft des Theaters" schreibe, fehlt mir schon der Glaube daran, fürchte ich. Heißt über die Zukunft des Theaters nachzudenken, sie schon infrage zu stellen und in Quarantäne zu nehmen, Kontaktverbot ad infinitum?

Als vor Jahren (vielleicht waren es auch Jahrzehnte) der Bühnenverein die Kampagne ins Leben rief "Theater muss sein", regte ich mich furchtbar auf, und alles rebellierte in mir gegen diesen Unfug, denn ich war überzeugt, wer sagt "Theater muss sein", formuliert etwas, das eine Selbstverständlichkeit sein muss, und eröffnet damit erst eine Diskussion, ob Theater denn wirklich so lebensnotwendig sei, ob wir uns es denn leisten sollen, müssen, können, denn gemeint war ja immer das subventionierte Theater: Widerstandsgeist auf Staatskosten. Damals sagten manche, man sollte die Steuergelder lieber für Krankenschwestern ausgeben als für die Oper, deren Plätze sich jene Krankenschwestern trotz aller Subventionen nie würden leisten können. Eine Diskussion, die jetzt wieder geführt wird, in ihrer absurdesten Zuspitzung: Warum Geld für das Theater, wo der Spielbetrieb doch eingestellt ist? Als wäre das alles Affentheater. Aber:

Theater ist kein Luxus, Theater ist kein Ornament, es ist Notwendigkeit! Denn Theater kann uns die Haut retten, bevor wir sie verkaufen, es schärft unsere Sinne, verrückt unsere Wahrnehmung, es erschüttert unsere Welt und liefert den Impfstoff der Möglichkeit, es ist der Versuch einer Immunisierung gegen die Vergröberung der Welt, gegen die Kannibalisierung des Kapitalismus, gegen die Barbarisierung der Vernunft, das Theater gebiert Ungeheuer, deren Existenz wir verschlafen haben.

Das Theater ist keine sichere Bank. Im Gegenteil: Das Theater fällt für uns aus der Rolle in den Konflikt, es ist ein präkordialer Schlag, eine Wiederbelebungsmaßnahme. Das Theater ist Gegenwart und müsste ein Permanentes sein, ein Tag-und-Nacht-Theater, ein Traum-und-Wach-Theater, ein Boxring, eine Messe, ein Parlament, ein Schlafzimmer, ein Tribunal, ein Revolutions-Rave, das Theater muss tanzbar sein!

Auf dem Theater hat man schon immer Masken getragen, es hält uns die Maske vors Gesicht

Das Herz des Theaters schlägt aus, das Theater hat nicht nur eine Faust, sondern Fäuste. Das Theater kennt kein Geschlecht, das Theater zeigt, was uns krank macht, woran unsere Gesellschaft krankt. Das Theater ist blind vor Liebe. Das Theater ist nicht der letzte Schrei, das Theater ist ein Chor und Choreografie, das Theater ist Politik und Poesie, das Theater ist präzise, es hat Moral, wenn es sie zeigt als Haltung. Das Theater hält stand, es steht für etwas, es steht für uns, steht für uns ein und unsere Sehnsüchte, es nimmt uns beim Wort, damit wir es halten. Das Theater ist kein Alibi, das Publikum kein Pudel, das Theater sucht den Kern der Sache, den Grund der Dinge, aber manchmal verschwendet es sich nur, kauert in der Ecke, ringt um Luft und findet doch die zweite.

Das Theater ist Menschsein, es kann nicht ohne Menschen sein, auf der Bühne und im Parkett. Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind die Bretter, die sie vor unsere Köpfe nageln werden, wenn wir zulassen, dass die Zukunft des Theaters keine ist. Wenn die Theater geschlossen bleiben, verschließen sich unsere Herzen, verkümmern unsere Sinne, werden wir alle zu Schauspielern, die ihren Text verloren haben und im luftleeren Raum hängen, die Gegenwart ein Geisterspiel.

Auf dem Theater hat man schon immer Masken getragen, nicht aus Pflicht, sondern um der Erkenntnis willen, gerade das Theater hält uns die Maske vors Gesicht. Das Theater ist die nackte Wahrheit, und die ist immer noch geteilt am schönsten. Leere Zuschauerreihen, leere Bühne, leere Garderoben, leere Foyers, leere Gänge, leere Himmel, tote Scheinwerfer ohne Augen, der leere Schein allerorten, die leere Maske, leere Kassen, ein leeres Lehrstück, nur der Staub verstaubt ungestört weiter und unsere Gedanken vom Theater. Wer die Theater geschlossen hält, schließt nicht nur das Publikum aus. Der eiserne Vorhang ist kein Horizont. Theater ist kostspielig, aber nicht zu spielen kostet uns viel mehr. Warum ist das Theater das Letzte, an das die Politik denkt? Weil sie denkt, dass sie es selbst und besser macht, und das genügt? Hamlet schiebt seinen Einkaufswagen durch den Supermarkt und Falstaff sitzt im Biergarten, desinfiziert sein Glas mit der Maske. Die Puritaner zu Shakespeares Zeiten hätten genau davon geträumt. Aber selbst die Pest hat das Theater nicht zerstören können.

Heute wirkt es dagegen fast so, als hätte das Theater die Pest und nicht die Menschen: Alle wollen alles auf Abstand halten, doch das Theater passt auf keinen Bildschirm. Und was wird denn sein Schutzschirm, wenn nicht wir? Wir machen in unserem Alltag Theater, aber das Theater darf es nicht. Weil es keinen Ball zum Spielen hat, weil zu wenig Geld im Spiel ist? Weil es um das Denken und nicht den Profit geht.

Vielleicht entwickeln wir eine neue Form des Erzählens und Stückeschauens

Natürlich darf niemand im Theater sein Leben oder seine Gesundheit riskieren! Könnten wir nicht Wege finden, Theater wieder zu riskieren? Nur im Theater können Geister spielen. Das Theater ist immer auch ein Ideentheater, wäre es nicht mehr als ein Traum: All die genialen BühnenbildnerInnen erfinden uns Zuschauer- und Bühnenräume, in denen man Theater spielen und schauen kann, ohne sich zu infizieren? Peep-Show oder Panoptikum, es gibt unzählige Architekturen, die sich um Abstand drehen und Sicherheit, warum sie nicht umwidmen, zum Schauen statt Überwachen, zum Spielen statt Strafen? Alle reden von Öffnungen, Theater eröffnet Perspektiven. Einige haben schon begonnen, ermutigen wir sie: Nehmen wir es selbst in die Hand und eröffnen neue Handlungsspielräume in der Realität. Jeder Zuschauer zählt, nicht die Zuschauerzahl allein.

Und wenn nur ein Schauspieler auf der Bühne sein darf oder eben nur so viele, wie das Abstandsgebot verlangt, dann erfinden wir dafür Stücke oder Inszenierungen, nützen alle Räume, auf der Bühne und im Parkett, und fordern das Publikum, unser Publikum, das man nie überfordern kann! Vielleicht müssen die Zuschauer die Stücke und Inszenierungen selbst im Kopf zusammensetzen, vielleicht entwickeln wir eine neue Form des Erzählens und Stückeschauens. Ja, die Lage ist dramatisch - machen wir ein Drama daraus, das uns hilft, an das Theater in Zeiten Coronas zu glauben. Es gibt das schöne Wort Zukunftsmusik, warum nicht ein neues schöpfen: Zukunftstheater.

Albert Ostermaier ist Dichter und Dramatiker. Zuletzt erschien sein Gedichtband "Über die Lippen" im Suhrkamp Verlag (2019).

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