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Bühnen ohne Publikum:Was sonst noch fehlt

Userkommentare und Händeklatsch-Emojis sind kein Ersatz für ein Live-Erlebnis. Denn außer der Kunst fehlt noch etwas anderes: Buhrufe zum Beispiel. Oder Gelächter.

Viele Bühnen verlagern ihre Inszenierungen ins Netz. Den Theater- oder Konzertbesuch kann das trotzdem nie ersetzen. Denn es fehlen bestimmte Erfahrungen, für die es virtuell keine Entsprechung gibt. Eine Auswahl dessen, was wir vermissen.

Buh!

Die kulturelle Praxis, seine Meinung zu Kunst und Bühnenwirklichkeit kundzutun, droht im Moment etwas verloren zu gehen. Im realen Theaterraum gibt es dafür so viel mehr und so viel effektivere Möglichkeiten als zuhause vor dem Bildschirm. Dazu gehören extreme Formen wie das verhuschte Hüsteln oder die türenknallende Flucht. Letzteres geht derzeit gar nicht, ist aber schon seit der Uraufführung von Strawinskys "Le sacre du printemps" eher selten geworden. Die Regel ist stattdessen das gepflegte Buh, um seine ebenso respektvolle wie abgrundtiefe Verachtung für "das Regietheater" kundzutun. Nach fünf Stunden optisch abstrahierter "Götterdämmerung" gebietet es schon die medizinische Sorge, das Kreuz durchzudrücken, die Lungenflügel zu blähen und mit einem kräftigen "Uh" auszuatmen, das sich zu einem profunden "Buh!" formt.

Applaus

Der Applaus, heißt es, sei das Brot des Künstlers, mehr wert als jede Gage. Wenn das stimmt, sind die durch die Corona-Krise jäh arbeitslos gewordenen Schauspieler, Sänger, Musiker und Tänzer nun am Verhungern. Diejenigen, die im Internet Aufführungen streamen oder mit Live-Formaten experimentieren, kriegen zwar Lob und Feedback, aber das nur in armseligen Schrumpfformen: Userkommentare, Herzchen- und Händeklatsch-Emojis. Kein Ersatz für das einzigartige Live-Erlebnis, mit einem Publikum zusammen in einem Raum die Aufführung und den Atem geteilt zu haben und von diesem am Ende bedankt, beklatscht, gefeiert zu werden. Es ist dies ein zutiefst analoger Vorgang, in dem am Ende immer auch das Gemeinschaftserlebnis selbst, ein "Wir" gefeiert wird. Erlösung für die einen, oben auf der Bühne. Entladung für die anderen, die bis dahin still auf ihren Sitzen verharrten. Was für ein kostbares Ritual! Nie fehlte der Applaus schmerzlicher als heute.

Gut, es gibt ihn noch auf den Balkonen, wo er Ärzten und Pflegerinnen gespendet wird. Aber der Theaterapplaus ist ja so viel mehr als nur ein Klatschen. Alleine die feinen Abstufungen von kühlem, pflichtmäßigem, höflichem über herzlichen Beifall bis hin zu frenetischem Jubel und stehenden Ovationen, begleitet oft von Bravorufen, Pfiffen, Getrampel. Dazu die Differenzierungen, die jeder Zuschauer für sich vornimmt, wenn er klatscht: für die Lieblingsschauspieler mehr Beifall, für andere weniger und für die Regisseure mit ihren Verstiegenheiten womöglich gar keinen. Das Applausbarometer misst da ganz deutliche Unterschiede. Nicht zu vergessen den Szenenapplaus, zu dem man sich während der Vorstellung ad hoc aus Begeisterung hinreißen lassen kann.

Früher, als im Theater der Vorhang noch Usus war, regelte dieser den Schlussapplaus, indem er auf- und zuging. Die Währung für den Erfolg einer Vorstellung war, "wie viele Vorhänge" sie bekam. Die Redewendung hat sich gehalten, auch wenn es heute Praxis ist, dass das Ensemble, um sich zu verbeugen, wiederholt auf- und abtritt. Es gibt dafür eine eigens einstudierte, von der Regie genau ausgetüftelte Applausordnung. Herbert Fritsch etwa ist ein Meister darin und macht aus der "Order of Appearance" stets eine lustige kleine Extra-Inszenierung. Dafür kriegt er am Ende dann immer: noch mehr Applaus.

Gelächter

Kann man Gelächter hamstern? Oh ja. Seit den frühen Fünfzigerjahren gibt es die Lachkonserve. Ihre ersten großen Auftritte hatte sie in den TV-Sitcoms, sie folgte einer einfachen Grundidee: Lachen ist ansteckend. Jetzt, wo die TV-Comedians auf ihr Live-Publikum verzichten müssen, taucht die Lachkonserve als melancholischer Platzhalter des abwesenden Publikums auf.

Die Lachkonserve lebt von der Mimikry mit dem Kollektiv, zielt auf das kaskadenhafte Gelächter, auf das nach Luft schnappende Publikum, das nicht anders kann, als loszuprusten. Im Deutschland der Nachkriegszeit war Heinz Erhardt unübertroffen in der Kunst, solch hemmungsloses Gelächter hervorzurufen, wenn er im Bündnis mit der Sehnsucht nach Entlastung ins kindliche Lallen verfiel und Klassikerzitaten den normativen Druck austrieb: "Wer wagt es, Knappersmann oder Ritt, / zu schlunden in diesen Tauch?"

Im Theater wie in der Oper oder im Vortragssaal ist der Lacher eines Einzelnen eine Großmacht, wenn er zur Unzeit erfolgt. Am besten, er ist kein hämischer Kommentar, dem man das Vorsätzliche anhört, sondern unwillkürlich entstanden, ein ähnlich unbeherrschbarer Impuls wie der Hustenreiz. Gegen dieses zur Unzeit aus dem Publikum hervorschießende Gelächter im Singular greift in Thomas Bernhards "Stimmenimitator" ein Theaterautor zur Waffe, um alle Zuschauer zu erschießen, die "an den falschen Stellen" lachen.

Der Theaterautor hat begriffen, dass der Lacher an der falschen Stelle sein Todfeind, dass er ein Sprengstoff ist, der die gesamte Aufführung hochgehen lassen kann, wenn er sich im Publikum verbreitet. Ein solcher Lacher schert sich nicht um die eingebauten Pointen, er hat eine untrügliche Witterung für die unfreiwillige Komik. Und die stellt sich vorzugsweise dort ein, wo das erhabene Pathos misslingt.

Darum ist der Lacher an der falschen Stelle der befreiende Erlöser, wenn das Publikum angesichts einer prätentiösen Darbietung in Peinlichkeit zu erstarren droht. Was ist das demonstrative Türzuschlagen eines Aufgebrachten, der aus der Aufführung flieht, gegen den Lacher, dem man anhört, dass er nicht anders kann, als nach langen gescheiterten Bändigungsversuchen endlich doch hervorzubrechen?

Die Pause

Was für eine entlastende Zwischenzeit im Konzert, Theater, in der Oper das ist: die Pause. Die Lichter gehen an, man strömt gemächlich hinaus, manche direkt an den vorbestellten Tisch mit Lachsbrötchen und Sekt, andere erst mal zur Toilette. Endlich wieder sprechen dürfen. Essen, trinken, lachen. Manche lassen schimpfend Dampf ab, andere schweigen. In der Pause sieht man und wird gesehen, die Oper ist dafür ein besonders geeigneter Ort. Wie hypnotisiert kreist die herausgeputzte Herde durch die Räume. Im Konzert geschieht alles beiläufiger, kurzer Andrang an der Theke: Kaffe, Bier, ein Glas Prosecco. Manche gehen an die frische Luft. Je anstrengender das Programm (Beethovens "Große Fuge"!), desto tiefer der Atem- oder auch Zigarettenzug. Bei schwerer Symphonik hilft ein Glas Weißwein. Es wird gefachsimpelt, an frühere Aufführungen erinnert, genörgelt, gelobt. Das Glas ist noch nicht leer, da ertönt das Läuten. Der Pausenzauber verfliegt sofort.

© SZ vom 04.04.2020
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