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"The Climb" im Kino:Bromantiker

Filmstills

Hassliebe: Kyle Marvin (links) und Michael Angelo Covino in jener Szene „The Climb“, wo ein schmerzhaftes Sex-Geheimnis enthüllt wird.

(Foto: Verleih)

Die Tragikomödie "The Climb" zeigt eine toxische Freundschaft zwischen zwei besten Kumpels - und die beiden Macher spielen das komische Paar selbst.

Von Sofia Glasl

Familie kann man sich nicht aussuchen, Freunde aber schon. So heißt es zumindest immer. Schaut man den beiden langjährigen Kumpels Kyle und Mike in der amerikanischen Komödie "The Climb" zu, bekommt man Zweifel an dieser Weisheit. Schon in der ersten Szene wird eine Rennradtour zur Zerreißprobe ihrer Beziehung, als Mike mitten auf der steilen Bergstraße gesteht, dass er mit Kyles Verlobter geschlafen hat. "Wenn ich Dich erwische, bringe ich Dich um!" stöhnt der untrainierte Kyle schockiert. "Deshalb habe ich auf den Anstieg gewartet" keucht die Sportskanone Mike und zieht davon. Der Gag sitzt. Die Freundschaft allerdings ist aus dem Tritt geraten.

Diese Verfolgungsjagd in Schrittgeschwindigkeit ist in ihrer tragikomischen Absurdität nicht nur enorm komisch, sondern setzt auch das Tempo für den gesamten Film. Die Verlangsamung macht Details sichtbar, die in Echtzeit zu schnell vorbeirasen würden. Genau um die geht es den Filmemachern Michael Angelo Covino und Kyle Martin jedoch. Die beiden Drehbuchautoren sind auch im realen Leben beste Freunde und spielen die beiden Hauptrollen, Covino führte zudem Regie. Zwar betonen sie in Interviews immer wieder, dass sie sich nicht selbst spielen, doch die persönliche Verbindung wird spürbar, sobald es um feine Zwischentöne und auch um das Timing der Slapstick-Szenen geht. Die Körperkomik funktioniert hier als Zeitlupe für alle Emotionen. Müsste Kyle nicht mühevoll einen steilen Hang hinaufkurbeln, würde die Wut wohl unkontrolliert aus ihm herausbrechen.

In sechs Kapiteln erzählt der Film elliptisch die wiederholten Annäherungsversuche dieses seltsamen Paares. Die lose miteinander verknüpften Vignetten wirken wie ein Poesiealbum voller Tiefpunkte einer Freundschaft. Sehr lange Einstellungen zwingen auch beim Zusehen, sich diesen Spannungen auszusetzen.

Der Film zeigt den Schwebezustand zwischen Zusammenhalt und Abhängigkeit

Auf einem wuseligen Feiertagsessen bei Kyles Familie streunt die Kamera in Haus und Garten umher, während alle darauf warten, dass Kyle den Truthahn anschneidet. Sie hängt sich an verschiedene Verwandte und zeigt die beiden Männer in einer emotionalen Bandbreite zwischen Mitleid und Aggression aus deren Perspektiven: den in seiner Einsamkeit egozentrischen Mike, der unter dem frühen Tod seiner Frau leidet, und den sanften aber irgendwie rückgratlosen Kyle, der sich nach einem ruhigen Leben sehnt.

"Ich will doch nur jemanden, der mit mir zusammen sein will" klagt Kyle einmal und meint damit eigentlich nicht Mike, obwohl der aus Gewohnheit immer da war. Dass die beiden vergessen haben, weshalb sie eigentlich befreundet sind, würde wohl keiner von ihnen zugeben. "The Climb" balanciert in genau diesem Schwebezustand zwischen Zusammenhalt und Abhängigkeit, Gutmütigkeit und emotionaler Ausbeutung, der toxische Freundschaften ausmacht - und Kyle immer wieder in Mikes Orbit zurücktrudeln lässt, obwohl dieser jede seiner Frauenbeziehungen torpediert, weil er angeblich etwas Besseres verdiene. Frauen kommen und gehen, Mike bleibt, und mit ihm die gut gemeinten Sabotageversuche.

So widerwärtig Mike sein kann, der Trennungsschmerz ist auch bei ihm jedes Mal real. Mit larmoyanter Geste geht er nach einem erneuten Streit an seinem Geburtstag alleine ins Kino. Dort läuft "Wahre Liebe rostet nicht" von Pierre Étaix, worin ein mittelzufriedener Ehemann die Möglichkeit bekommt, mit der Liebe seines Lebens durchzubrennen - und trotzdem bei seiner Frau bleibt. Mike und Kyle hängen ähnlich in der Luft. In einer durchschnittlichen Buddy Comedy wären die beiden vermutlich nicht miteinander befreundet, oder Kyle hätte sich eben spätestens nach dem Rennrad-Eklat einen neuen besten Kumpel gesucht. Doch "The Climb" konzentriert sich eben auf die bisweilen knirschenden Mechanismen dieser Beziehung und lotet die emotionalen Grenzen aus, die eine Freundschaft zusammenhalten und strapazieren. Wenn Buddy Movies so intim werden, nennt man sie Bromance - hier aber erzählt mit dem feinsinnigen Humor französischer Sittenkomödien. So entlocken Covino und Marvin diesem schon ausgelaugten Genre eine tragikomische Poesie.

The Climb, USA 2019 - Regie: Michael Angelo Covino. Drehbuch: Michael Angelo Covino und Kyle Marvin. Kamera: Zach Kuperstein. Schnitt: Sara Shaw. Mit: Kyle Marvin, Michael Angelo Covino, Gayle Rankin, Talia Balsam. Prokino, 97 Minuten.

© SZ vom 20.08.2020

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