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"The Act of Killing" im Kino:Ein kotzender Geist

Kinostarts - 'The Act Of Killing'

Filmszene aus "The Act of Killing"

(Foto: dpa)

Die Paramilitärs der Sechzigerjahre, die in Indonesien ihre Gegner abgeschlachtet haben, sind bis heute an der Macht. In dem Wahnsinnsfilm "The Act of Killing" spielen sie ihre Gemetzel von damals nach.

Bei "The Act of Killing" von Joshua Oppenheimer, der im Panorama der diesjährigen Berlinale lief, denkt man oft an Claude Lanzmann, den das Festival zur gleichen Zeit für sein Lebenswerk ehrte. Vor der Premiere in Berlin erzählte Oppenheimer von seiner jüdischen Großmutter, die damals noch mit knapper Not aus Nazideutschland entkommen konnte. Und während Lanzmanns Werk sich um die Erinnerung an den Holocaust dreht, geht es in Oppenheimers Film um einen anderen Massenmord: um die Verschleppung, Folter und Ermordung von mehr als einer Million Menschen in Indonesien, die als "Kommunisten" bezeichnet wurden, nach einem Militärputsch 1965.

Wie sehr sich Lanzmanns "Shoah" von Oppenheimers Film unterscheidet, ist beinahe grotesk. "Shoah" war ein Zeugenfilm, der den Opfern ihre Stimme gab, ihnen neun Stunden lang zuhörte und so ein Verbrechen bezeugte, das selbst dazu bestimmt war, aus der Geschichte getilgt zu werden. Den Verschwundenen einen Namen und eine Stimme geben - diese Forderung begleitete jene minutenlange Verlesung der Zahlen der Deportierten ins Vernichtungslager Sobibor im Abspann von Lanzmanns gleichnamigem Film.

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Bei Oppenheimer steht dagegen im halben Vorspann: "Anonym". Zur Vermeidung von Repressalien muss er seine Mitarbeiter aufführen wie Leichen in einem möglichen anonymen Massengrab. Denn anders als die Nazis sind die indonesischen Täter die Sieger der Geschichte - und lassen sich von einer eingeschüchterten Öffentlichkeit, von ihren Opfern und deren Angehörigen, heute als Nationalhelden verehren. Zur Rechenschaft gezogen wurden sie nie. Die mächtige Pancasila-Miliz, eine paramilitärische Todesschwadron in feuerroten Uniformen, zählt heute mehr als drei Millionen Mitglieder - unter ihnen ist auch der Vizepräsident des Landes.

Die Täter von damals sind heute stolz darauf, "Gangster", also "Freie Männer" zu sein, die das Land vom "Kommunismus" befreit haben. Sie geben ganz schamlos und offen mit ihren abscheulichen Taten an. Da sieht man beispielsweise einen der Gründer von Pancasila, Anwar Congo, in einer Talkshow. Die Moderatorin fasst seine außergewöhnliche Leistung für das Publikum zusammen - wie er und seine Leute eine "effektivere Methode, um Kommunisten auszurotten" erfunden hätten. Es klingt, als hätte er Kinder vor dem Ertrinken gerettet. Ob sie nicht Angst vor der Rache der Angehörigen damaliger Opfer hätte, fragt sie dann. Nein, bellt ein anderer. "Wenn sie kommen, radieren wir sie aus." Applaus und Gelächter im Studio.

Leicht wie eine Stepptanznummer

Es ist unheimlich: Das Böse wird hier leicht wie eine Stepptanznummer. Anwar erzählt, man habe stets "gut gelaunt" töten wollen. Und so, dass nicht allzu viel Blut fließen musste. Stolz führt er Oppenheimer die "humane" Erdrosselungsvorrichtung vor, die er erfunden hatte. Einer der damaligen Folterer zeigt sehr passend einen Gimmick, einen Fisch, der, ans Brett genagelt, "Don't worry, be happy" singt.

Um sich dem Genozid zu nähern, bringt Oppenheimer also die Täter dazu, sich selbst in Szene zu setzen und mit ihnen als "Stars" einen Film zu machen, in dem sie ihre Taten von damals nachstellen, auf der Straße und im Filmstudio. Die "Gangster" zwingen Frauen und Kinder dazu, "Kommunisten" zu spielen, die sich von ihnen erst unter gespielten, bald echten Tränen malträtieren lassen müssen - später "plündert" man ein ganzes Dorf.

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