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"Evermore" von Taylor Swift:"Ich komme stärker zurück als jeder Neunzigerjahre-Trend"

Pr Bilder, Taylor Swift.

Steht im Karomantel auf dem Feld, streift durch Winterwälder: Sängerin und Songwriterin Taylor Swift.

(Foto: Beth Garrabrant/Universal Music)

Geschichten erzählen, die Angst vorm Mammut vertreiben und ab und zu im Regen tanzen: Taylor Swift, der wohl größte weibliche Popstar des Planeten, veröffentlicht überraschend das zweite Album in diesem Jahr.

Von Joachim Hentschel

Es ist ein paar Jahre her, genauer gesagt: Es war zu der Zeit, als es auch für deutsche Journalisten mit nur mittelguter Reichweite noch möglich war, ein Interview mit Taylor Swift zu bekommen. Die Telefonverbindung bröselte leicht, die Musikerin und Songautorin war gerade in Nashville auf dem Weg zur Probe. Plaudertaschig, euphorisch, zwischendurch dreckig lachend erzählte sie von ihrer ersten Rolle im Schul-Musical, der Lehrzeit im Country-Moloch, der reichlich schmierigen Ehre, mit Anfang 20 von einer Männerzeitschrift in die Liste der begehrtesten Frauen gewählt worden zu sein: "Nun ja, schon auch irgendwie schmeichelhaft, oder?"

Kurz davor war Swift bei den Country Music Association Awards aufgetreten - mit einer, wenigstens für die sonstige Veranstaltung, absolut irren Darbietung. Sie begann den Song mit der Gitarre auf dem Hocker, in Jeans und Kapuzenpullover. Warf dann das Instrument weg. Ließ sich von zwei Statisten die Verkleidung vom Körper reißen. Setzte die Tanzchoreografie im schwarzen Trägerkleid fort. Erklomm schließlich ein Podest, wo ein heftiger Regenguss auf sie niederging. Sang das Finale klitschnass, auf den Knien.

"Das Konzept habe ich mir ausgedacht, als mir in der Schule langweilig war", erklärte Taylor Swift durchs Telefon. "Ich hab vor mich hingeträumt und mir die beste Performance überlegt, die man bringen könnte."

Die Showperson, die Inszenierungsfreudige, die Erotische, die Naturnahe: alles in vier Minuten

Und im Prinzip steckte in diesen knapp vier Minuten schon ihre gesamte zukünftige Karriere - Role-Model-technisch. Swift, die Schluffige, die ernsthafte Musikerin. Und Swift, die Showperson, die Inszenierungsfreudige, die Erotische und, Stichwort Regen: die Naturnahe. 2020 ist Taylor Swift, auch wenn es hier keine echte Maßeinheit gibt, der größte weibliche Popstar des Planeten. Einige ihrer Stücke sind beim Dienst Spotify mehr als 500 Millionen Mal gestreamt worden, auf Instagram folgen ihr 141 Millionen, von ihrem vor ein paar Monaten erschienenen Album "Folklore" verkauften sich schon am Erscheinungstag rund eine Million Downloads.

Was fast automatisch auch heißt: Sie abzulehnen, also demonstrativ nicht verstehen zu wollen, was all die größtenteils jungen Menschen an ihr finden, ist in anderen Kohorten derzeit mindestens genauso gegenwartsstiftend.

Pr Bilder, Taylor Swift.

Auch, wenn es hier keine echte Maßeinheit gibt, hier vermutlich zu sehen: der größte weibliche Popstar des Planeten.

(Foto: Beth Garrabrant/Universal Music)

An diesem Sonntag wird Taylor Swift 31 Jahre alt, in der Nacht auf Freitag veröffentlichte sie über die gängigen Kanäle ihr neues, mittlerweile neuntes Album "Evermore". Überraschend, erst wenige Stunden vorher durch einige Instagram-Postings angekündigt. Selbstverständlich kann sich auch weiterhin nur eine Handvoll echter Superstars solche Manöver erlauben - bei Swift kommt erschwerend hinzu, dass sie eigentlich schon Ende Juli ihr offizielles Lockdown-Album veröffentlicht hatte, eben jenes rasend erfolgreiche "Folklore". Kannibalisieren werden sich die zwei Produkte trotzdem nicht. In der digitalchemisch komplexen Aufmerksamkeitsökonomie wird der neue Songzyklus auch den etwas älteren eher noch einmal mit nach oben ziehen.

Streifzug durch einen nächtlichen Rummel, der an die C&A-Werbespots der Neunziger erinnert

Zumal die beiden Werke aus derselben Schaffensphase stammen und das eine das andere fortschreibt. Nach einigen Jahren, in denen Taylor Swift sich als hemmungslos fantastische Pop-Prinzessin präsentierte, ist sie mit den Zwillingsalben "Folklore" und "Evermore" eher wieder im Ländlichen, Bukolischen angekommen. Steht im Karomantel auf dem Feld, streift durch Winterwälder. Irrt in dem ebenfalls neuen Video "Willow" ("Weidenbaum") durch einen nächtlichen Rummel, der an die C&A-Werbespots der Neunziger erinnert.

Künstler wie Bon Iver und Mitglieder der Band The National, die beim mutmaßlich erwachseneren, eher Pop-fernen Publikum glühenden Respekt genießen, haben an der neuen Musik mitgearbeitet. Swift wurde das natürlich gleich wieder als taktisches Buhlen um Glaubwürdigkeit ausgelegt, obwohl es gar keinen allzu großen Unterschied ausmacht. Wer "Evermore" gerne als aufrichtigen Independent-Folk hören will, um endlich eine regenwasserdichte Begründung zu haben, die als Figur und Multiplikatorin durchaus einzigartige Taylor Swift zu Hause auflegen zu können, dem wird das mit dieser Platte ganz bestimmt gelingen. Wer allerdings mit Erwartungen an die Musik herangeht, die durch die Werke älterer und aktueller Poetinnen wie Joni Mitchell, Weyes Blood, Suzanne Vega oder Adrianne Lenker geprägt sind, wird am neuen Album vermutlich keine große Freude haben.

Das Ding, das die Leute durch den Rest des Winters bringen wird: "Evermore" ist eine Art Dreingabe zum Vorgänger "Folklore".

(Foto: AP/AP)

Was ganz einfach damit zu tun hat, dass Swift in erster Linie für ein völlig anderes Publikum komponiert, spielt und singt. Die 15 Stücke von "Evermore" klingen gnadenlos gleichförmig, pluckern warm, zirpen hier und da, drehen sich um rudimentär einfache Harmoniefolgen, über die ihre wundervolle, zwischen Vogelsang und Liebesflüstern changierende Stimme oft nur mit minimalen Modulationen hinwegschwebt. Fast so, als wolle sie die Grundprinzipien der Rap-Musik durch den wohltemperierten Körper des Elektrokammerpop hindurchkanalisieren. Es ist ein einziger, wohliger Strom, der hier am Ende entsteht, mit wenig Dynamik und Höhepunkten - zusammen mit dem Vorgängeralbum "Folkore" zwei Stunden lang. 32 Songs, ideal zum Binge-Hören, zum Wegfressen. Es soll so sein.

Inhaltlich stark werden Taylor Swifts Songs dann aber, wenn man in die Geschichten hineinsteigt. In die Plots und versteckten Rätsel, die Ein- oder Zweizeiler, die sie im Stil einer gewieften Content-Produzentin genau so platziert, dass man sie ohne Umstände sofort raustwittern kann. "Ich komme stärker zurück als jeder Neunzigerjahre-Trend", singt sie im Selbstermächtigungssong "Willow". Und in "Coney Island", einem Liebeslied-Duett mit The-National-Sänger Matt Berninger: "Wir waren wie die Shoppingmall vor dem Internet, der Brennpunkt des Alltags." Sogar ein paar True-Crime-Fälle werden auf der Platte ausgebreitet, Eifersuchtsdramen und Heiratsschwindlergeschichten, dazu eine in der Tat ergreifende Ode an ihre verstorbene Großmutter Marjorie.

So wertvoll wie 15 kleine Podcasts, mindestens

Man muss "Evermore" quasi als die Dreingabe sehen, nachdem die Swift-Fans "Folklore" nun komplett durch haben wie ein altes Rätselheft. Das Ding, das die Leute durch den Rest des Winters bringen wird. So wertvoll wie 15 kleine Podcasts, mindestens.

Und so öde es beim Swift-Hören auch denen werden wird, die am liebsten mit Kopfhörer und glimmendem Sandelholz die Singularität großer Musik genießen: So weit weg ist die junge Künstlerin gar nicht vom ursprünglichen Sinn und Zweck des Songwritings, der populären Folklore. Geschichten erzählen, Gesprächsstoff liefern. Die Angst vorm Mammut vertreiben. Das Leben tapezieren und ab und zu im Regen tanzen. Bis zur nächsten Weggabelung reicht das als Motivation.

© SZ/biaz
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