SZ-Serie - Stimmen aus Syrien Wir haben überlebt. Aber irgendwie auch nicht.

Nach der Flucht fragten Kleinkinder, die zu Zeiten der Belagerung geboren waren, ihre Eltern, was dieses schiefe, gelbe Ding sei? Eine Banane? Noch nie gehört.

(Foto: Anas Al-Shamy)

Der syrische Fotograf Anas al-Shamy erzählt, warum ihn bei seiner Flucht aus dem belagerten Ost-Ghouta die eigenen Landsleute mit Steinen beworfen haben - und warum er nicht mehr an Frieden glaubt.

Gastbeitrag von Anas al-Shamy

Über Syrien wird viel geschrieben: Kriegsverlauf, Geopolitik, Fluchtursachen. Aber wie sehen die Syrer selbst ihr Land? Wir haben Schriftsteller und Intellektuelle in Syrien gebeten, uns Texte und Gedanken zu schicken, so offen wie möglich, so vorsichtig wie nötig. Der 22-jährige Anas al-Shamy ist Fotojournalist und kommt aus der einstigen Rebellenhochburg Ost-Ghouta. Mitte Februar hatte die Regierung eine Offensive gegen den Ort gestartet, unter anderem mit massiven Luftangriffen, die mehr als1600 Menschen das Leben kosteten. Zunächst lebten noch etwa 400 000 Menschen in dem belagerten Gebiet. Mitte März entkamen die ersten Zivilisten der Hölle, zu der Ost-Ghouta geworden war. Anas al-Shamy lebt mit seiner elfköpfigen Familie in al-Bab, einem Vorort von Aleppo.

Wir sind die, die die Hölle in Ost-Ghouta überlebt haben. Auf die Anfang des Jahres noch das Auge der Weltöffentlichkeit gerichtet war. Erinnert sich jemand? Wir haben überlebt. Aber irgendwie auch nicht. Denn nun sind wir vergessen. Die Bilder aus Ost-Ghouta sind vergessen. Der Mensch ist ein seltsames Wesen. Als ich im Bus saß, meine Heimatstadt hinter mir ließ, merkte ich, wie seltsam diese Welt doch ist. Ich konnte es nicht fassen, dass sie sich in den fünf Jahren der Belagerung weitergedreht hatte. Im restlichen Syrien haben die Menschen ihren Alltag gelebt. Die Bushaltestellen sind voll, ein buntes Treiben, ein Abfahren, ein Ankommen. Die Menschen essen Bananen, trinken Cola - wir lebten in einem Gefängnis, das gleichzeitig unsere geliebte Heimat war. Wir dachten, wir sterben, jede Sekunde, wir sahen Menschen, die vor unseren Augen verbluteten.

Als wir in die Busse stiegen und unsere Heimatstadt, von der kaum noch was übrig war, hinter uns ließen, war die Stimmung gedrückt. Um zwei Uhr nachts kamen wir an der kleinen Stadt Beit Yashout vorbei. Eine Gegend, die von Alawiten bevölkert ist, voller Assad-Anhänger. Um zwei Uhr nachts kamen sie aus ihren Häusern, der Hass brannte in ihren Augen. Für sie sind wir Vaterlandsverräter, Oppositionelle, die gegen den allmächtigen Assad kämpfen. Sie bewarfen unseren Bus mit Steinen. Die Kinder im Bus wachten auf, schrien in die Dunkelheit. Zum Glück hielten die Scheiben. Der Busfahrer machte während der Fahrt keinen Halt, nicht einmal eine Toilettenpause, wir durften den Bus nicht verlassen - zu viele wünschten uns den Tod. Unsere eigenen Leute. Obwohl wir aussahen, wie wir aussahen: bemitleidenswerte Kreaturen, ungewaschen, unfrisiert, das Nötigste am Leib. Und doch mussten wir den hasserfüllten Blicken der anderen Syrer standhalten. Sie sahen unser Elend nicht. Wie schrecklich ist doch dieser Krieg.

Als wir nach einigen Stunden in Qalaat al-Madiq ankamen, also in Sicherheit waren, so wie man es in Syrien eben sein kann, war da keine Freude, keine Erleichterung zu spüren. Am liebsten wären wir zurück nach Ost-Ghouta gefahren, zurück an den Ort, der für viele Menschen vor den Bildschirmen die Hölle auf Erden, aber für uns Heimat war. Das Obst, die Softdrinks, die Sandwiches - all das konnte uns den Verlust unserer Heimatstadt nicht vergessen machen. Kleinkinder, zu Zeiten der Belagerung geboren, fragten ihre Eltern was dieses schiefe, gelbe Ding sei? Eine Banane? Noch nie gehört.

Ich habe gesehen, wie Stadt um Stadt gefallen ist. Ich glaube nicht, dass es Frieden geben wird

Von Qalaat al-Madiq ging es weiter nach Idlib. Das Mitgefühl der Menschen war überwältigend. Sie sahen mir ins Gesicht und wussten, was ich durchgemacht hatte. Kaum betrat ich ein Geschäft, wurde ich gefragt, ob ich aus Ost-Ghouta sei. Als ich bejahte, weigerten sie sich, mein Geld anzunehmen. Es gibt es also noch, das menschliche Syrien, mein Land. Von Idlib ging es weiter nach Aleppo, in die Stadt, die ähnlich wie Ost-Ghouta in Schutt und Asche gebombt wurde. Aber hier gibt es kaum Arbeit. Mittlerweile lebe ich mit meiner Familie und meinen Geschwistern in al-Bab, einem Vorort von Aleppo, einst IS-Hochburg. Mittlerweile sind hier viele türkische Soldaten. Wir versuchen einen Neustart. Auch wenn es nichts gibt, worauf man aufbauen kann. Meine Familie und ich sind in eine leere Wohnung gezogen, es gab nicht mal ein Messer oder eine Gabel. Elf Personen leben in drei Zimmern. Es gibt keine Tür für eine Toilette, aber ich habe gelernt, meine Lebensumstände immer mit denen der Menschen zu vergleichen, denen es noch schlechter geht: Wir leben immerhin in einer Wohnung, nicht in einem Zelt, wie viele andere in der Gegend. Aber manchmal gelingt es mir nicht, diesen Blick beizubehalten: Dann sehe ich meine Freunde, die anfangs noch neben mir gewohnt haben. Alle sind sie in die Türkei geflohen. Alle hatten sie genug Geld für die Schlepper. Mittlerweile kenne ich niemanden mehr hier. Jeder Tag gleicht dem nächsten.

Vor Kurzem war ich beim Friseur, ich sah wirklich schlimm aus. Auf einmal gab es nebenan eine Explosion. Der Friseur ließ die Schere fallen. Die Bewohner von al-Bab sind aufgesprungen, hektisch, überall Panik. Und ich fühlte mich auf einmal an zu Hause erinnert und dachte: Also wenn ich jetzt in einer fremden Stadt sterbe, hätte ich auch gleich zu Hause sterben können. Ich glaube nicht mehr daran, dass es in Syrien Frieden gibt. Ich habe gesehen, wie Stadt für Stadt gefallen ist. In diesen Tagen fliehen die Menschen aus Quneitra im Südwesten Syriens nahe den Golanhöhen. Wann sind wir dran? Und was machen wir bis dahin? Die Zeit totschlagen? Zusehen, wie unsere Kindheit und Jugend verschwendet wird? Hier gibt es keine Arbeit. Unsere Wohnung kostet im Monat 120 Dollar, wir schaffen es kaum, die Miete pünktlich zu bezahlen. Die Schleuser verlangen bis zu 3000 Dollar. Wir sind elf Personen - wie soll das gehen? Also wachen wir jeden Tag auf - und immer häufiger denke ich mir, vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich in Ost-Ghouta gestorben wäre. Alles ist besser als der langsame Tod. Wir sind die Menschen aus Ost-Ghouta. Wir leiden immer noch - nur anders.

Aus dem Arabischen von Dunja Ramadan

Der alltägliche Wahnsinn des Krieges

Wie es um ein Land steht, erkennt man vielleicht am besten, wenn man seine Irrenhäuser besucht. Die SZ hat syrische Autoren gebeten, aus ihrem vom Krieg zerrissenen Land zu erzählen. Gastbeitrag von Adel Mahmoud mehr...